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Villingen-Schwenningen Projekt gegen „Sucht im Alter“: Es ist niemals zu spät um aufzuhören

29.03.2012
Villingen-Schwenningen -  Sucht im Alter. Das ist nichts, was man eigentlich erleben möchte, wenn man endlich aus so vielen familiären und arbeitsbedingten Pflichten entlassen ist und sein Leben nun frei und selbstbestimmt genießen könnte.

Gemeinsam gegen „Sucht im Alter“: von links Simone Burgert (Leiterin Nichtraucherkurs), Peter Wolter und Christina Braun (beide ehrenamtliche Begleitung), Carla Scheinost (Kursleiterin Gesprächscafe 55 plus).  Bild: Schubert

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Und doch: Suchtprobleme im Alter, ob Alkohol, Rauch- oder Medikamentensucht, nehmen zu. Aber ältere Menschen sind damit in der Öffentlichkeit weniger auffällig, denn sie trinken anders als jüngere – sie trinken einsam, allein mit ihren Sorgen und Nöten zuhause im stillen Kämmerlein.

Versagensängste, stressiger Arbeitsdruck oder purer Übermut sind bei Senioren nicht mehr die Gründe, die sie in die Abhängigkeit von Zigaretten, Alkohol oder Tabletten schlittern lassen. Sie fürchten sich vielmehr vor den einsamen Abenden im Alter, dem einsamen Aufwachen am Morgen ohne den Weckerruf zur Arbeit, dem Gefühl des „Nicht-mehr-gebraucht-werdens“. Die Probleme sind hausgemacht. Viele Menschen schaffen es einfach nicht, im Alter den Lebensrhythmus umzuschalten, die plötzlich freie und so ersehnte Zeit sinnvoll zu gestalten. Da hilft ein kleines Schnäpschen, das geliebte Viertele, ein Bierchen oder eine der vielgepriesenen Tabletten gegen schlechte Stimmung kurzzeitig unbestritten. Doch es bleibt meistens leider nicht bei einem einzigen Gläschen oder einer Zigarette. Aus einem Bier werden viele – viel zu viele, der Schnaps wird irgendwann aus dem Wasserglas getrunken, die Aschenbecher quellen über. Übrigens enthalten auch Stärkungsmittel und Hustensäfte bis zu 80 Prozent Alkohol. Die Bronchien pfeifen, der Kreislauf spielt verrückt, der Magen ist vom Alkohol oder von Tabletten bereits schmerzhaft angenagt, die Gedanken finden keinen Ausweg mehr aus den umnebelten Gehirnwindungen.

Die Katastrophe ist da: Sucht im Alter. Das Szenario ist vielen bekannt. Sie sind plötzlich abhängig statt unabhängig in ihrer dritten Lebensphase, die sie eigentlich genießen wollten. Aus Scham ziehen sie sich lieber zurück, vereinsamen – trinken oder qualmen und ruinieren dabei ihre Gesundheit.

Doch es gibt Hilfe. Und bei der Fachstelle Sucht in Villingen heißt der Appell an die Senioren: „Zum Aufhören ist es nie zu spät“. Das Projekt „55 plus – Sucht im Alter“, initiiert von der Baden-Württemberg-Stiftung, bietet vielfältige Hilfestellung an, in den letzten Wochen in Zusammenarbeit mit dem Brennpunkt-Theater und dem Stück „Gefühlt oder abgefüllt“, das auf große Resonanz stieß.

Als nächstes Projekt wird bei der Fachstelle Sucht in Villingen im April ein „Gesprächscafe 55 plus“ eröffnet. Es wird von Carla Scheinost geleitet, in der Fachstelle für „Sucht im Alter“ zuständig. Hier können sich Menschen, die ein Problem mit Alkohol oder Medikamenten haben oder hatten und über 55 Jahre alt sind, zwanglos, locker und unverbindlich in gemütlicher Kaffeehausatmosphäre treffen. Hier weiß jeder, von was er redet. Hier können die Menschen über all das reden, was Nichtbetroffene oft nicht verstehen. Sie können sich austauschen, Tipps erfahren, wie das Leben im Alter selbst bestimmt und zufrieden gelebt werden kann.

Auch die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen über Krankheiten, Älterwerden und Tod ist allemal besser, als sich einsam zuhause zu betrinken, um die Gedanken daran zu verscheuchen. Denn viele Betroffene haben sich längst zurückgezogen und den offenen Umgang mit Menschen verlernt, weiß Carla Scheinost aus Erfahrung. Doch gerade diese Klientel brauche die Gemeinsamkeit mit Menschen in etwa derselben Altersgruppe und mit ähnlichen Problemen.

Das zweite Angebot ab April ist ein Nichtraucherkurs für Menschen ab dem 55. Lebensjahr: „Rauchstopp für Senioren“. Zehn Prozent aller Menschen in der Altersgruppe über 60 Jahren sind Raucher. Doch niemand sollte denken: „Lohnt sich das Aufhören in meinem Alter überhaupt noch?“ „Es lohnt sich auf jeden Fall, ist niemals zu spät, denn ein Verzicht auf die unseligen Glimmstängel bringt Lebensqualität und bessere Gesundheit“, weiß Raucherentwöhnungs-Therapeutin Simone Burgert, die den Kurs leitet. In ihrem letzten Kurs war der älteste Teilnehmer übrigens 75 Jahre alt. Gemeinsam wird Simone Burgert mit den Teilnehmern individuelle Behandlungskonzepte erarbeiten.

In beiden Kursen wird auch auf die Vorbildfunktion Älterer gegenüber ihren Kindern und Enkeln hingewiesen. „Schließlich sollte man als Großvater den Enkeln vorleben, dass man seinen Körper nur einmal hat und deshalb für dessen Gesundheit größte Sorge tragen muss“, appelliert Peter Wolter, langjähriger Selbsthilfegruppenleiter, der ehrenamtlich im Gesprächscafe „55 plus“ mitarbeiten wird. Ebenfalls ehrenamtlich wird auch Christina Braun die Gesprächsgruppe begleiten.

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