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Villingen Polizei bestätigt Handgranaten-Anschlag auf Flüchtlingsunterkunft

Unbekannte haben in der Nacht auf Freitag einen Anschlag mit einer Handgranate auf die Bedarfsorientierte Erstaufnahmestelle (BEA) an der Villinger Dattenbergstraße verübt. Diese ist nicht explodiert und musste kontrolliert gesprengt werden. Zunächst war unklar, um was es sich bei dem Gegenstand handelt.

Nach Ermittlungen der Polizei haben unbekannte Täter am Freitagmorgen gegen 1.15 Uhr an der Dattenbergstraße im Bereich der Wohngebäude der Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle eine Handgranate über einen Zaun geworfen. Diese ist dabei nicht explodiert. Angestellte des Sicherheitsdienstes hatten den unversehrt gebliebenen Sprengkörper entdeckt und die Polizei verständigt, die den Gegenstand als Handgranate identifizierte.

Durch Entschärfer des Landeskriminalamtes wurde die Handgranate gegen 5 Uhr kontrolliert zur Explosion gebracht. Der Sprengkörper war mit Sprengstoff gefüllt. Ob ein Zünder vorhanden war, ist bislang nicht bekannt. Sachschaden ist dabei nicht entstanden und Personen sind nicht zu Schaden gekommen, so die Polizei. Diese hatte den Ort der kontrollierten Sprengung zuvor mit Strohballen schützen lassen, auch die Feuerwehr war vor Ort.
 
Rund 20 Bewohner der Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle mussten vor der Sprengung aus Sicherheitsgründen kurzzeitig ihre Wohnungen verlassen. Sie wurden in freien Wohnungen untergebracht und konnten gegen 5 Uhr wieder in ihre Schlafräume zurückkehren, so die Polizei.
 
Die Villinger Dattenbergstraße ist zwischen der Saarlandstraße und der Kirnacherstraße bis auf weiteres für den Verkehr gesperrt. Kriminaltechniker sind weiter mit der umfangreichen Spurensicherung beschäftigt. Die Kriminalpolizeidirektion Rottweil hat eine Sonderkommision "Container" eingerichtet, so Thomas Sebold, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Tuttlingen. Die Ermittlungen laufen nach seinen Angaben in alle Richtungen.
 
Die Polizei sucht nach Hinweisen auf fremde oder verdächtige Fahrzeuge und Personen, die im Umfeld der Dattenbergstraße oder der Wohngebäude der bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle wahrgenommen wurden. Hinweise nimmt die Kriminalpolizeidirektion Rottweil, Telefon (0741 477-200), entgegen.
 

Politiker verurteilen Anschlagsversuch

Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer, Sven Hinterseh, Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, und Rupert Kubon, Oberbürgermeister der Stadt Villingen-Schwenningen, haben in einer gemeinsamen Erklärung den Handgranaten-Anschlag einhellig und nachdrücklich verurteilt: „Wir sind erleichtert, dass kein Mensch bei diesem heimtückischen Versuch zu Schaden gekommen ist. Wir sind entsetzt und verurteilen jede Form von Gewalt, die sich gegen die Flüchtlinge, aber auch gegen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Unterkünften richtet. Die Sicherheit der Flüchtlinge und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat für uns höchste Priorität.“
Eine endgültige Bewertung der Tat sei erst möglich, wenn die polizeilichen Ermittlungen zu Täter und Hintergrund der Tat abgeschlossen sind, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Landrat, Oberbürgermeister und Regierungsvizepräsident Ficht haben sich umgehend vor Ort eingefunden, um sich ein Bild von der Situation in der Erstaufnahmestelle zu machen und mit den Betroffenen zu sprechen.

Der Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, sprach in einer Pressemitteilung von "Straßenterror" und forderte eine intensivere Debatte über rechte Gewalt.

Manuel Winterhalter vom für die Flüchtlingsunterkunft zuständigen Regierungspräsidium Freiburg äußerte sich auf die Frage zu möglichen Konsequenzen für die Bedarfsorientierte Erstaufnahmestelle in Donaueschingen: "Um über Konsequenzen nach dem Anschlag zu sprechen, ist es derzeit viel zu früh. Erst einmal muss die Polizei ermitteln, gegen wen der Anschlag überhaupt gerichtet war – Ob gegen Flüchtlinge, oder das Sicherheitspersonal. Dazu kann man zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Wir vom Regierungspräsidium Freiburg sehen uns in Sachen Sicherheit an den Einrichtungen gut aufgestellt. Die hundertprozentige Sicherheit wird sich aber nie garantieren lassen, insbesondere nicht, wenn von außerhalb etwas über den Zaun einer Einrichtung geworfen wird. Aus diesem Grund werden wir vorerst keine Veränderungen am Sicherheitskonzept an der Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle in Donaueschingen vornehmen, wenn gleich unser Personal vor Ort nun natürlich noch mehr für das Thema Sicherheit sensibilisiert ist, als es ohnehin schon war."

Zunehmend Gewalttaten gegen Flüchtlingsunterkünfte

Im Südwesten gab es nach Auskunft des Innenministeriums vom Freitag im vergangenen Jahr 68 Übergriffe gegen Flüchtlingsunterkünfte. In Deutschland wurden im gleichen Zeitraum mit 173 Gewalttaten mehr als sechsmal so viele Übergriffe verzeichnet wie noch 2014, hatte das Bundeskriminalamt (BKA) am Donnerstag mitgeteilt. Besonders extrem ist die Zunahme bei den Brandstiftungen, wo die Zahl im Jahresvergleich von 6 auf 92 stieg. Seit dem 1. Januar 2016 hat das BKA weitere 10 Gewalttaten gegen Asylunterkünfte erfasst.

Die Gesamtzahl der Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte stieg um mehr als das Fünffache von 199 auf 1005. Davon wurden 901 Taten als politisch motivierte Kriminalität (PMK) dem rechten Spektrum zugeschrieben. Im gesamten Jahr 2014 waren es noch 199 Straftaten gewesen, von denen 177 als PMK-rechts gewertet wurden.

Erster Angriff mit Sprengstoff

Der Angriff auf das Flüchtlingsheim im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen ist bundesweit der erste Fall, bei dem Sprengstoff zum Einsatz kam. «Bis jetzt hatten wir zwar mehrere Fälle, in denen Pyrotechnik verwendet wurde», sagte eine Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA) am Freitag in Wiesbaden. «Dass nun eine Kriegswaffe zum Einsatz gegen eine Flüchtlingsunterkunft kam, ist neu.»



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