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Villingen-Schwenningen Poker im Verein: Ohne Bluff geht hier gar nichts

Vereine bei uns: Im neunten Teil unserer Serie über vermeintlich unbekannte Vereine geht es an die Chips. Beim Pokerclub Schwarzwald-Baar wird gelogen, getrickst und mitunter auch gelacht.

Das Geheimnis liegt in der Langeweile. Florian Günter, 26 Jahre alt, graues, schlabbriges Sweatshirt zu Jeans, hat sie perfektioniert: die maximale Langeweile in seinem Gesichtsausdruck. Er könnte drei Asse auf der Hand haben und würde immer noch in die Runde am Pokertisch blicken, als säße er im Wartezimmer eines Arztes.

"Ich schau immer erst in die Karten, wenn ich dran bin. Man verrät sonst zu viel", sagt er und erhöht den Einsatz auf 1350 Euro. Auf dem Tisch liegen zwei Damen. "Ich bin raus." "Ich auch." "Call." Ein König wird aufgedeckt. "Check" sagt Bernd Muckle. Florian Günter erhöht auf 1500, murmelt: "Du hast Bube gespielt." Dann grinst er.

Sie spielen nicht wirklich um Geld, die rund 20 Mitglieder des Pokerclub Schwarzwald-Baar. Das dürften sie gar nicht. Bei den Turnieren, die sie alle 14 Tage immer samstags spielen, geht es um gesponserte Preise wie einen Tankgutschein oder Firmengutscheine. Am Ende des Halbjahres gibt es einen Pokal. Wettkampf einerseits, ein Versuch, die Leute bei der Stange zu halten andererseits. Bernd Muckle hat drei der Pokale bei sich zu Hause stehen. Muckle, 44 Jahre alt, ist der Vorsitzende des Vereins. Er trägt ein weißes T-Shirt, Jeans und eine Brille in einem zu freundlichen Gesicht, als dass man ihm überhaupt nur zutrauen würde, einen Bluff zu starten. Vielleicht ist das der Trick. Wahrscheinlich hat jeder so seinen eigenen Trick. Der schmale Grat zwischen dem was man ist und dem was man vorgibt zu sein – eine Runde Leben am Pokertisch.

Vor zehn Jahren sieht Florian Günter ein Pokerturnier im Fernsehen, seitdem spielt er selbst. Seit zwei Jahren ist er im Verein. Zufall. "Ich war Billardspielen und habe die Jungs Pokerspielen gesehen." Seit diesem Jahr ist er zweiter Vorsitzender, Vereinsmeister war er schon. "Poker ist so vielseitig", sagt er. "Du musst clever sein, aufmerksam und geduldig."

Bernd Muckle ist seit neun Jahren dabei, im zivilen Leben ist er Zusteller bei der Post. "Ich brauche sicher keinen Lauftreff abends." Wann er sich ärgert? "Wenn der Gegner mit Glück gewinnt." Poker ist, sagt er, zu 20 Prozent auch Glücksspiel. Nur mit Können geht es auch nicht. Du kannst drei mal die gleichen Karten auf der Hand haben und drei Mal läuft es anders. König, Bube, Dame, As. Der Reiz liegt in der eigenen Hand.

Fünf bis sechs Turniere spielen sie im Jahr. Bei befreundeten Pokerclubs beispielsweise. Seit 2010 spielen sie in der Niners Billard Lounge in VS-Villingen. "Turnierbetrieb, bitte Rücksicht" steht an einem Schild an der Tür. Vor zwei Jahren haben sie zwei original Pokertische selbst gebaut. Mehrere Wochen hat es gedauert. Bei den Mitglidern ist von 20 bis 60 Jahren alles dabei, auch Frauen. Eigentlich. Nur nicht an diesem Abend. Anderes Geschlecht, andere Spielweise? "Frauen", sagt Günter, "spielen meist nur die starken Hände". Muckle sagt: "Sie spielen nicht so aggressiv."

Es gibt die, die ihre Chips ordentlich vor sich stapeln und die, deren Chips einen scheinbar willkürliche Haufen bilden. Es gibt die, die nach Bauchgefühl spielen und die, die sich die Wahrscheinlichkeiten für die nächsten Karten ausrechnen. Es gibt die, die reden und die, die schweigen. Sie alle haben schon gewonnen. Sie alle haben schon verloren. "Du kannst mit einer 95-prozentigen Gewinnchance verlieren und mit fünf Prozent gewinnen."

Es gibt viele Regeln. Am Ende ist eine vielleicht die wichtigste: Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen. "Die schönsten Hände sind die, die du erblufft hast", sagen sie. Wie oft wird geblufft? 50 Prozent, sagt Muckle. 30 Prozent, sagt Günter. Wer blufft am besten? Leere Gesichter. Wer blufft am häufigsten? Keine Regung.

Werner Bossert ist 50 Jahre alt, ein bisschen wortkarg, der Erfahrenste in der Runde. Pokern heißt für ihn abschalten von der Arbeit, Gesellschaft und vor allem: Freude am Taktieren. Was ihn am meisten ärgert? "Wenn man den Gegner schlecht gelesen hat." Geheimnisse verrät hier niemand. Nur so viel: Schaut einer länger in die Karten, ist das Blatt meistens stark. Auch dann, wenn sich einer plötzlich aufrichtet, oder beginnt viel zu reden. Nichts davon ist in Stein gemeißelt. "Ich bin schlecht, wenn ich viel rede", sagt Muckle.

Ein Spiel dauert eine Stunde. Zwei Runden spielen sie immer dienstags ab 19.30 Uhr, Texas Holden no limit. Die ersten vier bekommen Punkte. Nach einem halben Jahr wird abgerechnet. Die besten drei schicken sie dann in die Casinos nach Konstanz und Bregenz. Ein kleiner Zuschuss vom Verein inklusive (50 Euro für den ersten, 30 Euro für den dritten). Die Bilanz durchwachsen. Zumindest für Bernd Muckle. Einmal hat er einen fünften Platz belegt, 400 Euro gewonnen. Im Vordergrund stehe der Spaß. "Du kannst dich nicht ruinieren aber auch nicht reich werden."

Mit jeder Hand, sagen sie hier, lernst du dazu. "Wir können es jedem in einer Stunde erklären", sagt Muckle. "Zum Begreifen brauchst du Jahre." Hinter ihm lacht einer. "Wenn du es dann kannst, bis du so alt wie der Werner." Werner Bossert lächelt, Bernd Muckle sagt: Check. Günter erhöht auf 650.

Kontakt

Der Pokerclub Schwarzwald-Baar e.V. wird vertreten durch die Vorsitzenden Bernd Muckle und Florian Günter. Kontaktmöglichkeit über bernd.muckle@gmx.de. Jeden Dienstag treffen sich die Mitglieder um 19.30 Uhr in der Niners Billard Lounge in der Vockenhauser Straße 2 in VS-Villingen.

Vier Fragen an den Vorstand

1. Wann wurde der Verein gegründet?

"Entstanden ist unsere Gruppe 2005. Seit 2013 sind wie ein eingetragener Verein und seit 2010 ist unser Vereinsheim die Niners Billard Lounge in Villingen."

2. Wie viele Mitglieder hat der Verein?

"Derzeit hat der Verein 30 Mitglieder. Aktiv sind davon zwischen zehn und 15."

3. Was ist das Besondere am Verein?

"Es ist mehr als ein sportlicher Wettkampf. Es ist wie ein Stammtisch. Man unterhält sich über die kleinen und großen Dinge des Lebens. Man geht auch mal was trinken, auf den Weihnachtsmarkt oder zum Bowling."

4. Wer kann mitmachen?

"Mitmachen kann jeder, der über 18 Jahre alt ist. Vorkenntnisse sind nicht unbedingt erforderlich, wir sind bereit, es jedem beizubringen."

  • Die Serie: Über 300 Vereine gibt es in der Doppelstadt. Wir stellen die vor, die sonst nur wenig Beachtung finden. Was treibt die Mitglieder an? Mit welchen Problemen haben sie zu kämpfen? Was macht ihr Vereinsleben aus? Ein Rundgang durch die unterschiedlichsten Vereinsheime in der Doppelstadt.

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