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Villingen-Schwenningen Mit vier Kindern 59 Tage durch die Alpen

VS-Villingen - „Unterwegs wurden wir manchmal bestaunt wie die Affen“, berichtet Klaus Richter. Kein Wunder: Welche Familie verbringt schon ihren Sommer damit, 1000 Kilometer durch die Alpen bis ans Mittelmeer zu laufen?

Geschafft: Nach 59 Wandertagen durch die Westalpen erreicht Familie Richter das Mittelmeer. Zur Belohnung gibt es noch fünf Strandtage.
Geschafft: Nach 59 Wandertagen durch die Westalpen erreicht Familie Richter das Mittelmeer. Zur Belohnung gibt es noch fünf Strandtage.

Mit vier Kindern im Schlepptau, meistens im Freien übernachtend, 59 Tagesetappen und 65 000 Höhenmeter rauf und wieder runter. Unterwegs, in den menschenleeren Gebieten des Piemont, haben sie nicht sehr viele Wanderer getroffen, fernwandernde Familien schon gar nicht. Es wurde eine ungewöhnliche Abenteuerreise, bei der die Richters viel entdeckt haben: draußen, in den Bergen, aber auch in sich selbst.

Video: Interview mit Mathis (15) und Marius Richter (16)

 

Gewiss: Familie Richter, aus Villingen stammend und inzwischen im Rötenloch bei Unterkirnach wohnhaft, ist keine gewöhnliche. Wandern, Klettern, alpine Hochtouren sind fester Bestandteil ihrer Urlaube. Die vier Buben zwischen sieben und 14 Jahren sind bergerprobt. Doch das was sich Vater Richter, in Villingen bekannt als Stadtführer und Fastnachter, für Sommer 2011 als einmalige Familien-Expedition ausgesponnen hatte, war eine Herausforderung mit ungewissem Ausgang: der Fernwanderweg „Grande Traversata delle Alpi“, kurz GTA, der in rund 65 Tagesetappen durch die italienischen Alpen der Regionen Piemont und Ligurien führt. Vom Nufenenpass in der Schweiz geht es mit gewaltiger 4000er Kulisse auf historischen Saumwegen, alten Maultier- und Schmugglerpfaden, ehemaligen Militärstraßen und königlichen Jagdsteigen über 1000 Kilometer durch den italienischen Westalpenbogen bis ans Mittelmeer.

„Verrückte Idee“

Zu Hause schüttelten manche Bekannten und Freunde die Köpfe über diese „verrückte Idee“, mit vier Kindern auf diese Strecke zu gehen. Doch um es vorweg zu nehmen: Die Richters haben es geschafft. Auch wenn es manchmal schwierig war. Körperlich und technisch war die Tour für die Buben, auch für den Siebenjährigen, kein Problem. „Es war keine Frage der Muskeln, sondern des Kopfes“, bilanziert der Vater.

Doch wie bewegt man Kinder, zwei Monate lang mit Rucksack zu wandern, bei täglich reinen Gehzeiten zwischen vier und acht Stunden? Hier waren Mutter Silke (41) und Vater Klaus (50) als Seelenmasseure viel gefordert, vor allem in den ersten Wochen. Da gab es manche Hochs und Tiefs. Mehr als ein Eis oder Fanta konnten die Eltern ihren Sprösslingen als Ansporn für einen langen Tourentag nicht in Aussicht stellen. Doch das genügte zumeist als Motivations-Dope.

Gestritten haben die vier Jungs unterwegs reichlich. Was kein Wunder ist: Sie hatten ja nur sich, zwei Monate lang 24 Stunden am Tag, ohne Rückzugsmöglichkeiten. Andererseits waren die Eltern beeindruckt, wie ihre Söhne Gemeinschaftsgefühl, Zuverlässigkeit und Verantwortung entwickelten, wie sie unendlich staunen konnten über die Natur, über Begegnungen mit Menschen und Tieren. Als Familie hat sie diese Erfahrung zusammengeschweißt, sind die Eltern überzeugt. Besonders Klaus Richter, als Firmen-Mitinhaber vielbeschäftigt, hat seine Familie auf neue Weise erfahren. „Es war für mich sehr eindrucksvoll, so nah an den Kindern zu sein.“

Die Entbehrungen des Wanderlebens außerhalb der gewohnten Zivilisation – keine Dusche, kein Bett, kein Klo – waren indes kaum Gegenstand von Klagen. Die Richters haben ihre Reise so angelegt, dass sie nicht auf vorgegebene Etappen und Übernachtungsquartiere angewiesen waren. Regelmäßige Hotelübernachtung mit Abendessen für sechs Personen wäre zu kostspielig geworden. So wurde eine Zeltplane eingepackt, die an den Wanderstöcken als nächtlicher Regenschutz aufgespannt wurde. Damit kamen sie bestens klar. Meist hat die Familie so im Freien übernachtet, nur gelegentlich in festen Unterkünften, öfters auch unter Kirchendächern, einmal sogar in der Baustelle einer Hoteltiefgarage. Umfassende Hygiene, etwa in Form einer Dusche, „war selten“, schmunzeln die Wanderer.

Größte Entbehrung für alle: Meist gab es tagelang nur kaltes Essen. Brot, Wurst, Käse. Die Essens-Wunschliste der Kinder für zu Hause wurde immer länger. Manchmal ging ihnen das Essen mangels Verpflegungsmöglichkeiten unterwegs aus. Das ein oder andere Mal musste sich der Vater, der den ganzen Tag einen bis zu 20 Kilo schweren Rücksack geschleppt hatte, ohne Abendessen zur Nachtruhe betten.

Die manchmal schwierige Versorgungslage, Streitereien der Kinder, Regen, Unwetter und Hagelschlag, sorgten immer wieder für Anspannungen. Lorenz, der Zehnjährige, fing sich unterwegs eine Mittelohrentzündung ein und musste zur Behandlung ins Krankenhaus, Marius (14) hatte vorübergehend Knieprobleme. Die Richters haben dies alles überstanden. Mutter Silke Richter hatte vielfach Grund, ein Dankesgebet noch oben zu schicken.

Vergessene Täler

Entschädigt wurden sie durch großes Landschaftskino, fantastische Ausblicke auf die Alpen-Viertausender und in die Tiefe der Po-Ebene. „Wir haben wahnsinnige Wechsel in der Szenerie erlebt“, schildert Silke Richter. Grandiose Landschaften und pittoreske Bergdörfer betörten die Sinne, doch es gab auch bedrückende und trostlose Gegenden. Nicht umsonst spricht man von den „vergessenen Tälern“ des Piemont. Von der Entvölkerung in den Alpen sind sie am stärksten betroffen. „Man läuft hier oft Stunden und trifft keinen Menschen“, schildert Klaus Richter. Der Verlust der bergbäuerlichen Kultur schlägt sich nieder in düsteren Geisterdörfern und erodierten Bergflanken. Ziel des Wanderweges GTA ist es, diesem Verfall entgegenzuwirken und mit „sanftem Tourismus“ die Region zu beleben.

Ein Gänsehauterlebnis hatte die Familie, als sie fünf Tage vor dem Ziel einen Berggipfel bestieg, von dem sie bei fantastischer Fernsicht im Norden fast alle Berge erkennen konnten, die sie, zum Teil schon vor Wochen, passiert haben. Im Süden indes war bereits das Meer zu erkennen. Das gab allen einen Euphorie-Schub „Wir sind alle vor Freude auf dem Gipfel herumgehüpft wie nicht mehr ganz gebacken“, schildern die Eltern.

Ein weiterer Quell der Freude waren viele tolle menschliche Begegnungen, sei es mit Wanderern oder Einheimischen. Sie erlebten zu Herzen gehende Gastfreundschaft „Wir wurden von wildfremden Leuten eingeladen, bekocht und durften übernachten.“

Am Schluss zählte für alle nur noch das Ziel. Die Jungs waren nicht mehr zu halten, preschten Richtung Meer und bewältigten am letzten Tag eine doppelte Tagesetappe bis Ventimiglia an der italienisch-französischen Grenze. „Dann standen wir alle am Strand mit Tränen in den Augen und du denkst: Du bis da, du bist da…“

In diesen 59 Tagen habe die vier Buben fünf Paar Bergschuhe verschlissen, hat der Vater 6,5 Kilo Körpergewicht verloren und seine Rasierklinge stumpf geschabt, haben drei Familienmitglieder Geburtstag und die Eltern den 15. Hochzeitstag „gefeiert“, hat der Rucksack der Mutter das T-Shirt am BH-Verschluss durchgescheuert…

Die Zielankunft war für die ganze Familie ein emotionaler Augenblick. Der älteste Sohn, Marius, nahm den Kleinsten, Linus, in den Arm. „Ein ganz inniger Moment“, bekommt Silke Richter heute noch Gänsehaut. „Was haben sich die Kinder gefreut und waren stolz.“ Die Eltern sehen diese Tour als unglaubliche Bereicherung für die gesamte Familie. „Die Kinder werden es wohl erst in einigen Jahren richtig begreifen, was sie da geleistet haben“, ist Klaus Richter überzeugt.

Auf großer Tour: Die Familie Richter von links mit Matthis (12), Klaus (50), Lorenz (10), Silke (41), Linus (7) und Marius (14).
Auf großer Tour: Die Familie Richter von links mit Matthis (12), Klaus (50), Lorenz (10), Silke (41), Linus (7) und Marius (14).

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