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Villingen-Schwenningen Millionenbetrug: Autokäufer gemein hereingelegt

Es geht um mehrere hundert Fälle, in denen die insgesamt sechs Tatbeteiligten ihren Kunden überteuerte Autos angedreht haben sollen, die dann mit monatlichen Einnahmen aus den Werbeaufdrucken finanziert werden sollten.

Villingen-Schwenningen (bm) Fast ein Jahr saßen die Tatverdächtigen in Untersuchungshaft, jetzt können sie frische Luft atmen: Auf Kaution sind die vier Angeklagten im Nycron-Betrugsfall wieder auf freiem Fuß. Die Männer sind wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen bandenmäßigen Betrugs angeklagt. Das Verfahren ist ziemlich umfangreich: Es geht um mehrere hundert Fälle, in denen die insgesamt sechs Tatbeteiligten ihren Kunden überteuerte Autos angedreht haben sollen, die dann mit monatlichen Einnahmen aus den Werbeaufdrucken finanziert werden sollten.Dieses Geschäftsmodell, das sich hinter der Firmenfassade eines Energydrinks namens „Nycron“ versteckte, funktioniert ganz gut – solange jeden Monat neue Autokäufer aquiriert werden konnten, wie bei jedem so genannten Schneeballsystem.Denn die versprochenen Prämien von mehreren hundert Euro im Monat für die Kunden mit ihren Werbeautos konnten nur aus dem Gewinn von immer neuen Autoverkäufen finanziert werden. Mit dem verlockenden Motto „Autofahren zum Nulltarif“ konnten die Angeklagten viele Opfer finden, die sich meist kleine Wagen wie Fiat Punto für einige tausend Euro über dem Listenpreis andrehen ließen. „Macht ja nichts“, dachten sich die Kunden, „die Raten zahle ich locker mit meinen Werbeeinnahmen.“

Anfang des vergangenen Jahres geriet das System ins Wanken, weil der Autoabsatz stockte. Ungeduldige Kunden beschwerten sich in der „Firmenzentrale“ im Schwenninger Bärenpark über ausbleibende Zahlungen. Gleichzeitig zog sich auch das Netz der Polizei um die Betreiber dieses Geschäfts zu. Nach einiger Zeit der Beobachtung wurden die Tatverdächtigen verhaftet. Seither ist der Staatsanwalt dabei, die unglaubliche Menge an einzelnen Geschäftsvorgängen zu sichten.

Es geht um rund 800 Fälle in der Gesamtdimension von mehreren Millionen Euro. Rund 250 Betroffene haben sich an den Rechtsanwalt Ralf Buerger im westfälischen Hagen gewandt, der in einem eigenen Zivilverfahren Wiedergutmachung erreichen will. Doch zunächst soll den Geschädigten geholfen werden, von den hohen Zinsen in ihrer Finanzierung herunterzukommen.

Buerger kann bei seinen Verhandlungen mit den beteiligten Banken schon teilweise Erfolge melden. Die Bank Autoeuropa hat bereits in 100 Fällen die Verträge geändert und den Zinssatz generell um vier Prozent reduziert. Zu maximal 4,9 Prozent müssen die unglücklichen Autobesitzer jetzt ihren Wagenkauf abstottern. Außerdem wurden die teuren Restschuldversicherungen annulliert. Der Hagener Anwalt lobt denn auch die Kulanz der Autoeuropa: „Die waren sehr freundlich und einsichtig.“

Nicht so entgegenkommend ist da die Commerzbank, die in vielen anderen Fällen die Finanzierung übernahm. Dort beißt Anwalt Ralf Buerger bisher auf Granit, wenn er wegen niedrigerer Zinsen vorstellig wird. Bis zu elf Prozent müssen die Nycron-Opfer bisher an die Großbank abdrücken. Das Geldhaus wollte auch seine Muskeln spielen lassen und hat den Anwalt bei der Kammer angezeigt, weil er gegen die Mandantenverschwiegenheit verstoßen haben soll. Die Begründung der Commerzbank für diesen Vorwurf: Buerger habe in diesem Verfahren so viele Mandanten gleichzeitig, dass er die Unterlagen dazu vermische.

„Meine Mandanten haben mich ausdrücklich von der Verschwiegenheit entbunden“, sagt der Anwalt dazu. Auch die Kammer kam zu dem Schluss, dass der Vorwurf völlig haltlos ist und stellte das Verfahren gegen den Anwalt im Herbst ein.

Ein Kernpunkt im Kampf für seinen Mandanten ist für Ralf Buerger der Nachweis, dass die Banken aktiv in diesem Geschäft mitgemischt haben. „Die tun immer so, als hätten sie eine weiße Weste“, ärgert sich Buerger. Die Banken würden immer behaupten, dass sie die beteiligten Autohäuser nicht kennen. „Aber wir haben Provisionslisten“, sagt Buerger. Es gebe auch Schriftstücke, die beweisen, dass Bankmitarbeiter und die Autowelt Stuttgart Kontakt hatten. In seinen Vernehmungen ging einer der Angeklagten noch weiter und behauptet, dass eine Bankmitarbeiterin geschmiert worden sei, damit sie Nycron-Geschäfte reibungslos durchziehe.

Millionenbetrug mit Autowerbung - vier Festnahmen

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