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07.03.2013  |  von  |  35 Kommentare

Villingen-Schwenningen Keine Zukunft für 50 Mitarbeiter der Hess AG

Villingen-Schwenningen -  Gewaltiger Schock für den Villinger-Stammsitz der Hess AG: 50 Mitarbeiter mussten gestern ihre Kündigungen entgegennehmen. Einen Sozialplan für die Betroffenen gibt es nicht.

Für 50 Mitarbeiter besteht keine Zukunft bei der Hess AG. Ihnen wurde gekündigt. Betroffen sind vor allem Beschäftigte am Stammsitz Villingen.  Bild: Hess AG

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Redakteur Villingen-Schwenningen

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Die bestürzende Nachricht erhielten die betroffenen Mitarbeiter der Hess AG gestern Nachmittag: Nach der Mittagspause wurden sie ins Büro der Personalchefin gebeten, wo ihnen die ordentliche Kündigung ausgehändigt wurde. „50 Mitarbeiter müssen leider gehen“, bestätigte Firmensprecher Marco Walz. Besonders bitter: Die Betroffenen kommen nicht in den Genuss eines Sozialplans, weil sich der Betriebsrat erst in Gründung befindet.

Das Villinger Unternehmen gelangt nicht mehr zur Ruhe, seitdem die früheren Vorstände Peter Ziegler und Christoph Hess geschasst wurden. Grund: Verdacht auf Bilanzmanipulation, Anlagenbetrug und Insolvenzverschleppung. Nachdem das vorläufige Insolvenzverfahren eröffnet wurde, folgten nun die ersten Kündigungen.

Großteil der Marketing-Abteilung aufgelöst

Dass es die Zentrale in Villingen mit ihren bisher 200 Beschäftigten so stark trifft, sorgt für Fassungslosigkeit. So wurde nach SÜDKURIER-Informationen zum Beispiel ein Großteil der Marketing-Abteilung aufgelöst. Im Tochterunternehmen Löbau wurde lediglich „eine niedere einstellige Zahl“, entlassen, bestätigte Walz. Gekündigt wurde Mitarbeitern in allen Bereichen, aber besonders stark, mit rund 50 Prozent, auf der kaufmännischen Schiene, erläuterte der Hess-Sprecher.

Dies erkläre, so Walz, weshalb Villingen überproportional stark betroffen sei: Hier sei ein Großteil der Verwaltungsaufgaben auch für Löbau erledigt worden. Grundsätzlich seien die Bereiche, die im Zuge des Börsengangs besonders stark aufgebaut wurden, auch stark betroffen. Nachdem sich die Umsatzerwartungen so nicht bewahrheitet hätten, hätte die Hess AG reagieren müssen, erläuterte Walz.

Chronologie der Hess-Turbulenzen

 

Chronologie der Hess-Turbulenzen
  • Montag; 21. Januar: Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat die Abberufung der Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanz-Manipulationen.
  • Dienstag, 22. Januar: Christoph Hess teilt mit: Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen.
  • Mittwoch, 23. Januar: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Die Familie Hess kündigt an, über ihre Aktienmehrheit (39,9 Prozent) Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens neu besetzen zu wollen.
  • Donnerstag, 24. Januar: Seniorchef Jürgen G. Hess bietet an, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen.
  • Freitag, 25. Januar: Neuer Vorstand Till Becker stellt sich den Mitarbeitern vor. Eine Firmensprecherin lehnt die Rückkehr von Jürgen G. Hess ab.
  • Montag, 28. Januar: Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende der Meckergilde Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse, wo der Fasnet-Verein seit drei Jahren seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Halle lagern durfte.
  • Mittwoch, 30. Januar: Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg Papiere beschlagnahmt.
  • Montag, 4. Februar: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, sie habe die Ermittlungen gegen zwei Mitarbeiter der Firma wegen des Verdachts auf Beihilfe ausgeweitet.
  • Dienstag, 5. Februar: die Hess AG teilt in einer Pflichtmitteilung an der Börse mit: aufgrund des Einfrierens der Kreditlinien haben verschiedene Tochtergesellschaften der Hess AG akuten Liquiditätsbedarf.
  • Dienstag, 5. Februar: In einer von Christoph Hess und Peter Ziegler gezeichneten Erklärung vom Dienstagnachmittag legen die beiden Ex-Vorstände die Entwicklung der Firma Hess aus ihrer Sicht dar. Sie attackieren die neue Führung des Unternehmens.
  • Mittwoch, 13. Februar: Der Vorstand der Hess AG hat am Mittwochmorgen entschieden, beim zuständigen Amtsgericht einen Insolvenzantrag zu stellen. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Die Hess AG nimmt in einer aktuellen Mitteilung Stellung zur Situation der Firma. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Christoph Hess, Ex-Vorstandsvorsitzender der Hess AG, erklärt sich am Mittwochnachmittag zum Insolvenzantrag des Unternehmens.Zum Artikel
  • Montag, 18. Februar: Der vorläufige Insolvenzverwalter Martin Mucha legt sein Amt nieder. Er befürchtet Interessenskollission. Zum neuen vorläufigen Insolvenzverwalter wird Rechtsanwalt Dr. Volker Grub bestellt. Zum Artikel
  • Dienstag, 19. Februar: Die Staatsanwaltschaft Mannheim bestätigt, dass sie jetzt auch wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung ermittelt. Auch die Finanzaufsicht „Bafin“ hat sich eingeschaltet.Zum Artikel
  • Freitag, 22. Februar: Die Stadt Donaueschingen will dem insolventen Villinger Leuchtenhersteller Hess AG noch einen 456.000 Euro schweren Auftrag zur Modernisierung der Straßenbeleuchtung erteilen.Zum Artikel
  • Freitag, 22. Februar: Drei Tochterunternehmen der Hess Ag (Emdeligent, Emdelight, Emdeoled) zeigen am Freitag ihre Zahlungsunfähigkeit an. Zum Artikel
  • Mittwoch, 28. Februar: LBBW-Vorstandschef Hans-Jörg Vetter bekräftigte am Mittwoch in Stuttgart, dass sich das Institut von dem Villinger Unternehmen betrogen fühle. Zum Artikel
  • Mittwoch, 27. Februar: Die Kriminalpolizei durchsucht Privathaus von Jürgen G. Hess, Aufsichtsratsmitglied der Hess AG. Zum Artikel
  • Donnerstag, 28. Februar: Die Hess AG hat einen neuen Vorstand: Der Aufsichtsrat hat Andreas R. Budde berufen. Zum Artikel
  • Mittwoch, 6. März: Gewaltiger Schock für den Villinger-Stammsitz der Hess AG: 50 Mitarbeiter mussten ihre Kündigungen entgegennehmen. Einen Sozialplan für die Betroffenen gibt es nicht. Zum Artikel
  • Donnerstag, 7. März: Über eine weitere Tochterfirma der Hess AG musste das Insolvenzverfahren eröffnet werden: Es handelt sich um die in Hannover ansässige Vulkan GmbH. Zum Artikel
 


Weitere Kündigungen?

Ob es zu weiteren Kündigungen kommt, wollte der Hess-Sprecher nicht ausschließen: „Das bleibt abzuwarten.“ Das Unternehmen befinde sich ja in Verhandlungen mit Finanzinvestoren, aber auch strategischen Interessenten. Vom Abschluss dieser Gespräche werde es abhängen, in welcher Form der Betrieb fortgeführt werde.

Der Villinger Stammsitz befinde sich im Schockzustand, berichteten Mitarbeiter gestern. Vor allem geht jetzt die Sorge um, dass dies erst der Anfang war und weitere Arbeitsplätze zugunsten von Löbau abgebaut werden könnten: Dort befinde sich eine hochmoderne, effiziente Fabrik, wo für rund 100 Mitarbeiter auch noch weniger Löhne bezahlt werden müssten, sagte ein Beschäftigter.

Unverständnis für die Art der Ankündigung

Bereits am Dienstagabend habe der neue Vorstand Andreas R. Budde eine Mitarbeiterinformation per E-Mail verschickt, in der er „Personalanpassungen“ ankündigte. Am Mittwochmorgen wusste keiner, wen es treffen würde, bis die 50 Mitarbeiter am Nachmittag aufgeklärt wurden.

Hätte das Unternehmen einen Betriebsrat, müsste mit den Gewerkschaften nun wegen eines Interessenausgleichs verhandelt werden. Das sei nicht der Fall, sagte der zweite Bevollmächtigte der IG Metall, Michael Ruhkopf. Allerdings müsse die Firma sehr wohl die Sozialauswahl beachten, erklärte er. Daher werde man sich die Kündigungen genau anschauen.

Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

Korrektur-Hinweis Korrektur-Hinweis melden Korrektur-Hinweis
20 bis 24 Mio Euro Differenzen doch nicht gefunden
@ Cuenot
So, so - nun sind die von Ihnen propagierten 20-24 Mio also nicht die kolportierte ... mehr ...
Laut der durch insgesamt drei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften...
geprüft. und testierten Bilanzen betragen die Gesamtumsätze/Verkäufe:

in 2010 = 55,7 Mio. mehr ...
Wer nicht mal versteht.....
... dass die Einbuchung dieser Debitorenrechnungen über 12 -14 Mio. mehr ...
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