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Villingen-Schwenningen Junger Tumorpatient begeistert von Lokomotioncenter

Stolz ist die Tannheimer Nachsorgeklinik auf das neue, hochmoderne Lokomotioncenter. Ermöglicht haben die Anschaffung dieses Ganganalyse- und Therapiesystems die zahlreichen SÜDKURIER-Leser.

Platsch! Hauke Fasterding ist beim Waldlauf in eine Pfütze getreten und hat sich nass gespritzt. Der junge Sportler lacht, springt geschickt über ein paar Steine, als schon das nächste Hindernis auftaucht. Es gilt, über einen Baumstamm zu klettern, der quer über dem Weg liegt. „Super gemacht!“, lobt sein Trainer. Der heißt Günter Hermann, ist Leiter der Physiotherapie in der Nachsorgeklinik Tannheim und kontrolliert Herz, Kreislauf, Atmung seines Schützlings, außerdem die Rotation der Füße, Geometrie der Abdrücke, Länge der Schritte und vieles mehr. Dies freilich nicht im Wald, sondern auf dem Monitor des hochmodernen Ganganalyse- und Therapiesystems, das mit Hilfe von Spenden unserer Leserschaft angeschafft wurde.

„Das Ding ist megageil“, urteilt der 16-jährige Tumorpatient aus Hildesheim (bei Hannover), dem das halbe linksseitige Becken entfernt wurde. „Ewing-Sarkom“ heißt der Krebs, der sich vor zwei Jahren im linken Beckengang Hauke Fasterdings eingenistet hatte. In sechs anstrengenden Chemo-Blöcken wurde der Tumor auf ein operables Maß verkleinert und mitsamt der Beckenknochen entfernt. Zum Glück konnten die Chirurgen das Hüftgelenk erhalten und das Rest-Becken mit zwei Titanstäben und vier Schrauben daran befestigen. Danach musste der Junge vier Wochen auf schmerzendem Rücken liegen, hatte viel Muskelmasse verloren, nicht aber seinen Optimismus.

„Ich muss da durch!“ habe er immer gedacht. Seine erste Physiotherapie in Tannheim vor eineinhalb Jahren startete er im Rollstuhl, mit Gehgerät und Krücken.

Sensoren messen Belastung auf dem Lokomotionsband

Damals erreichte er sein erstes großes Ziel, wieder aufrecht und frei auf zwei Beinen gehen zu können. Bei der Reha in diesem Sommer ging es um funktionelle Verfeinerung und bessere Balance. Hauke sollte lernen, beide Körperhälften gleichmäßig zu belasten und das Fehlen von Knochen auf der kranken Seite mit gezieltem Muskelaufbau zu kompensieren. „Das geht alles viel leichter und effektiver, wenn Fehlstellungen und Fehlbelastungen objektiviert werden“, erklärt Günter Hermann eine entscheidende Fähigkeit der virtuellen Ganganalyse-Einheit. Während die Patienten beim Gehen oder Laufen in eine schöne virtuelle Landschaft schauen, scannen 3000 Sensoren auf einer Druckmessplatte unter dem Lokomotionsband die Fußabdrücke und projizieren sie als dreidimensionale Graphik auf einen Monitor. Das Diagramm zeigt die Belastung von Vorfuß und Ferse im Stand und in Bewegung, Kraft, Druckverteilung, Fußrotation und Fehlstellungen werden sichtbar.

Seine Problemseite belastet Hauke nach wie vor weniger, zudem dreht er den rechten Fuß mehr nach außen als den linken, zeigt der Physiotherapeut auf der Graphik. Das Gerät ermögliche nicht nur eine genaue Diagnostik, sondern auch eine maßgeschneiderte Therapie, versichert der gebürtige Furtwanger mit mehr als 20-jähriger Erfahrung in familienorientierter Rehabilitation. „So sind auch Deformitäten exakt erkennbar, man kann etwa optimal Einlagen anpassen, weil man die Ergebnisse sieht und vergleichen kann.

So etwas ist durch Beobachten mit bloßem Auge nicht machbar.“ Ebenso wenig das objektive Wahrnehmen des Trainingseffekts durch Vorher- und Nachher-Bilder.

Jungen Patienten wird ein angstfreies Training ermöglicht

Die sind bei Hauke so beeindruckend wie die Konstitution des Jugendlichen insgesamt. Er hat gelernt, gleich lange Schritte zu machen, hat neue Grenzen und neue Ziele ausgelotet, seine Ausdauer enorm verbessert. „Du kannst hier mal was testen, was du dich sonst nicht traust.“ Die Patienten können sich nicht nur jederzeit abstützen, sondern auch mit diversen Gurten gesichert werden. Wer sich überhaupt nicht aus eigener Kraft auf den Beinen halten oder jederzeit stürzen kann, verliert im Sitzgurt die Angst vor dem Fall und gewinnt ein neues Gefühl fürs Gehen und für den Körper insgesamt. So wagen junge Tumor-Patienten nach einer Amputation die ersten Schritte mit der Prothese, neurologische Patienten trauen sich trotz Schwindels zu gehen und Kinder, mit Herzkrankheiten und an Mukoviszidose erkrankte Kinder können optimal überwacht werden. „Das angstfreie Training motiviert, macht Spaß und stärkt das Selbstbewusstsein“, beobachtet Günter Hermann immer wieder.

Hauke Fasterding wollte eigentlich Profi-Fußballer werden, kickte in der Bezirksliga und galt als herausragendes Nachwuchstalent. Er hat sich damit abgefunden, dass er diesen Traum begraben, sich überhaupt alle „Kontakt-Sportarten“ verbieten muss. Eine Schraube im Titan-Gestell ist bereits gebrochen, in Tannheim zog er sich beim „echten“ Waldlauf eine Zerrung zu. „Ich muss aufpassen und sollte möglichst nicht hinfallen“, weiß der Jugendliche. Er hat sich längst auf neue Sportarten konzentriert, spielt daheim Tennis, ist im Schulsportclub. In Tannheim hat er obendrein das Radeln intensiviert, hat ein E-Bike ausprobiert und schwärmt von „Wäldern mit anderen Maßen.“

In diesem Jahr wurde er von den Eltern begleitet, die lernen müssen, sich auf ihren „neuen Sohn“ einzustellen. Der freut sich schon darauf, im kommenden Jahr erstmals allein nach Tannheim fahren und an einer Jugend-Reha teilnehmen zu dürfen.

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Nachsorgeklinik in Tannheim: Die Nachsorgeklinik in der Ortschaft Tannheim bei Villingen-Schwenningen ist eine Einrichtung der deutschen Kinderkrebsnachsorge. Weitere Gesellschafter des Hauses sind die Arbeitsgemeinschaft der baden-württembergischen Förderkreise krebskranker Kinder e.V. und der Mukoviszidose-Bundesverband. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Nachsorgeklinik Tannheim.
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