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Villingen-Schwenningen Janke und die Erinnerung

09.07.2010


Villingen-Schwenningen – Erinnert sich noch jemand an Rudolf Janke? Er war der Mann, der dafür gesorgt hat, dass in Villingen eine kleine Erinnerungsstätte für die ehemalige jüdische Gemeinde und deren gewalttätige Zerstörung durch die Nazis in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 errichtet wurde.

Die Tafel hängt neben der Johanneskirche in der Gerberstraße. Jährlich findet dort die Gedenkfeier für die ermordeten und vertriebenen jüdischen Familien aus Villingen statt.

Doch der Mann, der diese Gedenktafel mit ungewöhnlicher Beharrlichkeit initiiert hat, ist heute nahezu vergessen. Bei den jährlichen Gedenkfeiern wird sein Name nach seinem Tod im Jahre 1988 nicht mehr erwähnt. Ihn persönlich würde es, wenn er noch am Leben wäre, möglicherweise nicht sonderlich kümmern. Rudolf Janke war ein durch und durch bescheidener Mensch. Doch sein Sohn Daniel Janke (52) stört dieses Vergessen. „Es ist an der Zeit, dass er erwähnt wird.“

In der Tat ist Rudolf Jankes Lebensgeschichte erstaunlich. Ein einfacher Mann, ein Arbeiter, war es, der sich über viele Jahre mit Beharrlichkeit und Zivilcourage gegen vielerlei Widerstände für dieses Projekt engagiert hat. Ganz einfach deshalb, weil es ihm eine Herzensangelegenheit war. Und weil sich sonst niemand darum kümmerte: kein Oberbürgermeister, kein Stadtrat, keine Partei, keine Interessengruppe. Für eine jüdische Gedenkstätte gab es in den 60-er Jahren keine Lobby im Städtle. Mit der unseligen Vergangenheit taten sich viele schwer, auch in Villingen.

Der „Zugereiste“ Janke, 1924 in Berlin geboren, stand ziemlich allein auf weiter Flur. Nach dem Krieg, den er noch als Soldat erlebte, war er Anfang der 1950-er Jahre nach Villingen gezogen. Zunächst arbeitete er in der Stadtgärtnerei, wechselte später aber ins Stadtarchiv. In seiner Freizeit beschäftigte er sich mit zunehmender Leidenschaft mit der Geschichte des Judentums. Insbesondere zog ihn das Schicksal der polnischen Juden in Bann. Daraus folgte ein geradezu besessenes Selbststudium. Das muss man sich vorstellen: Der Berliner mit einfacher schulischer Bildung erlernte auf eigene Faust die jiddische Sprache der osteuropäischen Juden. Bald knüpfte er Briefkontakte nach Israel und schrieb Artikel über das Schicksal jüdischer Bürger im SÜDKURIER. Mit unserer Zeitung startete er sogar eine Aufsehen erregende Aktion, mit der Briefkontakte und persönliche Begegnungen zwischen Israelis und Deutschen in Villingen-Schwenningen hergestellt wurden. „Irgendwann hat er sich in seiner Freizeit nur noch damit beschäftigt“, erinnert sich sein Sohn.

Beseelt, die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden voranzutreiben, entwickelte der kleine städtische Angestellte den Gedanken, dass in Villingen eine Gedächtnistafel in Erinnerung an die jüdische Gemeinde angebracht werden sollte. Am 14. 4 1969 schrieb er an den damaligen Oberbürgermeister Severin Kern: „Ein Gedenken an jüdische Bürger, die in Villingen lebten und ein grauenvolles Lebensende erfahren mussten, hat bisher noch nicht stattgefunden.“ Allerdings bekam er damals keine Antwort auf diesen Brief. Vom Landkreis, den er ebenfalls anschrieb, genauso wenig. Es sollte noch neun lange Jahre und eine große Zahl weiterer Briefe, Gespräche und hartnäckiger Überzeugungsarbeit dauern, bis Janke am Ziel war. Zeitweise wurde er sogar von seinen Vorgesetzten im Stadtarchiv gebremst. Die fehlende Unterstützung deprimierte ihn immer wieder. Doch er gab nicht auf. Unter Oberbürgermeister Gerhard Gebauer, der das Projekt irgendwann unterstützte, gelang schließlich der Durchbruch.

Jankes Idee aber, die Gedenktafel am Haus Gerberstraße 33 anzubringen, wo einst der jüdische Gebetssaal untergebracht war, scheiterte. Die damaligen Hausbesitzer wehrten sich beharrlich dagegen, weil sie vor allem eine „Wertminderung und Hindernisse bei einem möglichen Verkauf des Anwesens“ befürchteten, berichtete der SÜDKURIER damals. Deshalb musste die Gedenktafel in deutlicher räumlicher Distanz in der Gerberstraße, an einer Mauer bei der Johanneskirche, angebracht werden, wo sie noch heute zu finden ist.

Die Geschichte zeigt, wie viel persönlicher Aufwand notwendig war, um nur eine kleine Gedenktafel zu erwirken. Insofern ist eine Würdigung der Verdienste Rudolf Jankes kein unbilliges Verlangen. Sein Sohn Daniel hat sich inzwischen an Oberbürgermeister Rupert Kubon gewandt und ist bei diesem auf ein offenes Ohr gestoßen. „Es trifft zu, dass Ihr Vater der Initiator der Gedenktafel war, die im Jahre 1978 aufgestellt wurde. Dieses Verdienst ist ehrenvoll. Und ich verspreche Ihnen, bei der nächsten Gedenkfeier am 9. November seine damaligen Bemühungen zu erwähnen und zu würdigen“, antwortete das Stadtoberhaupt unlängst in einem Brief.

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