Weder gestohlen, noch dem Vandalismus anheim gefallen, aber trotzdem ein Notfall. Die wertvolle Figur ist aktuell beim Restaurator. Fest steht: „Der Zahn der Zeit hat schwer an ihm genagt“, sagte gestern Narro-Zunftmeister Joachim Wöhrle.
Emotional gehört die Figur allen Villinger Hästrägern, tatsächlicher Eigentümer ist aber die Stadt. Formal zuständig ist das Amt für Gebäudewirtschaft und Hochbau. Die Behörde ließ das Wahrzeichen vor einigen Tagen in Sicherheit bringen. Manche alteingesessenen Villinger knurren schon seit Wochen: Kenner beobachten seit längerem, dass der Lack abgehe und die Figur Risse habe, so ein Bürger gegenüber dem SÜDKURIER. Die Sorge, dass die Figur Wasser speichert und beim ersten Frost zerplatzt, „immerhin das konnte dem Narro jetzt erspart werden“, so ein anderer besorgter Beobachter.
Auch die Zunft sah das Ganze offenbar mit wachsender Sorge. „Das war bei uns im Kreis der Ratsherren schon vor Wochen Thema. Es gab auch Hinweise an das Amt, dass etwas getan werden muss“, berichtete Zunft-Chef Wöhrle weiter. Fakt sei, dass ein Fachmann die Figur prüfe. Die entscheidende Frage sei, so Wöhrle, ob die Skulptur restauriert werden könne oder nicht. Jene Villinger, die seit Wochen das stille Siechtum der Villinger Paradefigur der Fasnet beobachtet haben, sind skeptisch. Einer meint sogar schon über den Narro: „Den kann man nicht mehr flicken.“
Endgültig brisant wird es, wenn die Narrostatue unrettbar zerstört sein sollte. Rein theoretisch könnte nämlich recht einfach eine neue Figur angefertigt werden. Mittels einer so genannten Kopierfräse wäre eine millimetergenaue Kopie herstellbar. Theoretisch, wie explizit betont werden muss, dass Villingens Narrobrunnenfigur schnöde kopiert wird, gilt nämlich als ausgeschlossen. Manfred Merz kämpft seit Jahrzehnten gegen diese Form des Duplizierens einzigartiger Schemen. Immer wieder berichtet er aber, dass dennoch originale Schemen aus seiner Werkstatt oder von anderen Schnitzen illegal kopiert werden.
Der Kampf von Manfred Merz gegen das Kopierfräsen von Villinger Fastnachtsschemen gipfelte vor rund 20 Jahren in einem höchstrichterlichen Urteil, das solche Umtriebe kategorisch ab- und verurteilte. Merz selbst zersägte erst vor einigen Jahren im Rahmen einer Pressekonferenz von ihm sichergestellte Schemenkopien und verbrannte die Reste demonstrativ im Ofen.
Villingen bringt all dies zunächst nicht weiter bei der Sorge um den originalen Narro vom Brunnen an der Oberen Straße. Sogar die Frage, was eigentlich geschieht, wenn bis 6. Januar die Frage nicht gelöst ist, wird diskutiert. Eine Fasneteröffnung ohne Narro auf dem Brunnen – in Villingen ist dies undenkbar. Jahr für Jahr ist das erste Spielen des Narromarsches am Brunnen das Zeremoniell für die Villinger Hästräger und Fastnachtsfreunde schlechthin. „Ja – was tun wir dann“, grübelte gestern auch der Zunftmeister. Aber nur kurz legte er seine Stirn in Falten. Nur Sekunden später sagt er in fast schon vornärrischer Stimmung: „Dann steh' ich nauf“, und meinte damit hoch auf den Brunnen. Um gleich im Ernst hinzuzufügen: „Wir warten jetzt erst einmal das Ergebnis der Untersuchung des Narros ab. Notfalls muss die Figur kurzfristig für die Fastnacht präpariert werden, damit im Jahr 2013 Zeit genug bleibt, um in Ruhe alles abzuklären.“
Narri, Narro: Tausende Narren in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg machen jedes Jahr während der fünften Jahreszeit die Straßen unsicher. Sie feiern und strählen sechs Tage lang ausgelassen. Alle Berichte, Bilder und Videos zur Fasnacht in der Region finden Sie im närrischen SÜDKURIER-Onlinedossier.
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