Die Auswirkungen sind verheerend. Für die vielen Anleger, aber auch für die Familie Hess selbst, deren Vermögen dahinschmolz.
Gestern Morgen wurde eine Hess-Aktie an der Börse gerade noch mit 80 Cent notiert. Auf die Gesamtzahl der Aktien hochgerechnet entspricht dies einer Marktkapitalisierung – das ist die Summe, die das Unternehmen an der Börse wert ist – von 4,18 Millionen Euro. Zum Vergleich: Als die Hess AG an die Börse ging wurde die Aktie mit 15,50 Euro notiert. Damit war das Unternehmen stolze 80,585 Millionen Euro wert. 36,5 Millionen Euro davon hatte die Hess AG über den Börsengang bei den Anlegern eingesammelt.
Experten wollten gestern nicht mehr ausschließen, dass auch die Grundstückverwertungsgesellschaft in den Insolvenzstrudel gezogen werden könnte. Sollte sich der Verdacht der Staatsanwaltschaft bestätigen, hat Christoph Hess zusammen mit anderen nicht nur zahlreiche Anleger um ihr Geld gebracht, sondern mit dem Auffliegen des möglichen Anlagebetrugs also auch sich selbst. Zum einen über den dramatischen Kursverfall seines Aktienpaketes und dann auch noch bei einem Grundstücksgeschäft, das er im Juli vergangenen Jahres selbst eingefädelt hatte und bei dem er im Nachhinhein wohl uralt aussehen dürfte.
Denn damals verkaufte die Hess-Grundstücksverwaltungs GmbH mit ihrem Haupteigner Christoph Hess an die Hess AG, bei der Hess selbst zu jener Zeit noch Vorstandschef war, die Ankaufsrechte für das Firmengelände, das Hess AG bislang von der Grundstücksverwaltungs GmbH nur gepachtet hat. Am 26. Juli letzten Jahres ging der Verkauf über die Bühne. Für 3,3 Millionen Euro erwarb die AG die Rechte. Allerdings: Von dieser Summe wurden der Grundstücksverwaltungsgesellschaft laut Darlehensvertrag nur 455 000 Euro überwiesen. Für die übrigen 2,845 Millionen des Kaufpreises gab Christoph Hess der AG ein Darlehen, das die Hess AG mit 43 monatlichen Raten von 65 000 Euro und einer Schlusszahlung von 50 000 Euro an ihn abzahlen sollte. Der Zinssatz für das Darlehen belief sich dabei auf vier Prozent. Doch spätestens seit die Hess AG wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden musste, dürfte auch diese monatliche Geldquelle versiegt sein.
Dazu kommt, dass Christoph Hess nach seiner Entlassung auch keine Bezüge von der Hess AG mehr erhält. 400 000 Euro hatte er zusammen mit seinem Finanzvorstand Peter Ziegler erhalten, wobei Hess als Vorstandsvorsitzender höhere Bezüge als Ziegler gehabt haben dürfte. Sein Monatseinkommen wurde auf mindestens 20 000 Euro geschätzt. Allerdings ist das ein Gehalt, das sich nach der übereinstimmenden Einschätzung von Finanzexperten in einem realistischen Rahmen bewegt und „bei einem ordnungsgemäßen Geschäftsverlauf“ durchaus üblich sei. Da soll dann der Nachfolger von Christoph Hess und Peter Ziegler, Till Becker, anders zugelangt und – wie berichtet – gleich ein Mehrfaches verlangt haben. Von 85 000 Euro netto im Monat ist da die Rede.
Doch das ganz dicke Ende könnte für Hess und Ziegler erst noch kommen. Sollten sie die Anleger tatsächlich mit kriminellen Machenschaften über einen Anlagebetrug hinters Licht geführt haben, stehen ihnen neben einem Strafverfahren auch noch Schadensersatzklagen von Anlegern ins Haus. Die meisten von ihnen werden versuchen, über die Prospekthaftung möglichst viele der über 30 Millionen, um die sie möglicherweise betrogen wurden, zurückzuholen. Offen ist dabei lediglich die Frage, inwieweit die Banken und Wirtschaftsprüfer, die in den Börsengang maßgeblich involviert waren, wegen möglicher Schlampereien mit in die Schadensersatzprozesse hineingezogen werden.
Und Christoph Hess? Nun, der äußerte sich in einem Papier, das am Montag veröffentlicht werden soll, bereits aber vorab an verschiedene Personen versandt wurde, auch zu seiner Finanzsituation. Hess stellt darin fest: „Ich bin 41 Jahre alt, ich habe eine Familie mit zwei kleinen Kindern und habe durch den Börsengang keinen einzigen Euro eingenommen. Meine finanziellen Mittel sind überschaubar.“
Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.
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