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16.02.2013  |  14 Kommentare

Villingen-Schwenningen Insolvenz nach vier Monaten Börse

Villingen-Schwenningen -  Die Hess AG hat einen traurigen Rekord aufgestellt. Noch nie musste jemand bereits nach vier Monaten nach Börsengang Insolvenz anmelden.

Die Hess-Insolvenz und ihre Folgen.  Bild: Zeichnung: Schöb



Die Auswirkungen sind verheerend. Für die vielen Anleger, aber auch für die Familie Hess selbst, deren Vermögen dahinschmolz.

Gestern Morgen wurde eine Hess-Aktie an der Börse gerade noch mit 80 Cent notiert. Auf die Gesamtzahl der Aktien hochgerechnet entspricht dies einer Marktkapitalisierung – das ist die Summe, die das Unternehmen an der Börse wert ist – von 4,18 Millionen Euro. Zum Vergleich: Als die Hess AG an die Börse ging wurde die Aktie mit 15,50 Euro notiert. Damit war das Unternehmen stolze 80,585 Millionen Euro wert. 36,5 Millionen Euro davon hatte die Hess AG über den Börsengang bei den Anlegern eingesammelt.

Vergleicht man die Marktkapitalisierung zum Zeitpunkt des Börsengangs mit dem nach dem Antrag auf die Eröffnung des Insolvenzverfahrens, dann stellt man fest, dass sich binnen weniger Tage über 75 Millionen Euro in Schall und Rauch aufgelöst haben. Davon betroffen sind natürlich auch die vielen Privatanleger, die an die Hess AG geglaubt, dem Unternehmen vertraut haben. Förmlich dahinbröseln sah auch ein anderer sein Vermögen, der möglicherweise für die ganze Misere entscheidend mit verantwortlich ist: Christoph Hess (41). Hess persönlich hält nämlich über die Hess-Grundstücksgesellschaft GmbH & Co KG zusammen mit seinem Vater unter Berücksichtigung der vollständigen Ausübung der Green-Shoe-Option ein Drittel der Aktien der Hess AG, wobei Sohn Christoph davon den Löwenanteil besitzt. Vor dem Zusammenbruch des Unternehmens waren die 1,738 Millionen Aktien der Familie Hess noch 26,94 Millionen Euro wert. Gestern waren es gerade noch 1,39 Millionen. Die „Hessens“ – und hier insbesondere der Sohn – verlor kurz mal 25 Millionen.

Experten wollten gestern nicht mehr ausschließen, dass auch die Grundstückverwertungsgesellschaft in den Insolvenzstrudel gezogen werden könnte. Sollte sich der Verdacht der Staatsanwaltschaft bestätigen, hat Christoph Hess zusammen mit anderen nicht nur zahlreiche Anleger um ihr Geld gebracht, sondern mit dem Auffliegen des möglichen Anlagebetrugs also auch sich selbst. Zum einen über den dramatischen Kursverfall seines Aktienpaketes und dann auch noch bei einem Grundstücksgeschäft, das er im Juli vergangenen Jahres selbst eingefädelt hatte und bei dem er im Nachhinhein wohl uralt aussehen dürfte.

Denn damals verkaufte die Hess-Grundstücksverwaltungs GmbH mit ihrem Haupteigner Christoph Hess an die Hess AG, bei der Hess selbst zu jener Zeit noch Vorstandschef war, die Ankaufsrechte für das Firmengelände, das Hess AG bislang von der Grundstücksverwaltungs GmbH nur gepachtet hat. Am 26. Juli letzten Jahres ging der Verkauf über die Bühne. Für 3,3 Millionen Euro erwarb die AG die Rechte. Allerdings: Von dieser Summe wurden der Grundstücksverwaltungsgesellschaft laut Darlehensvertrag nur 455 000 Euro überwiesen. Für die übrigen 2,845 Millionen des Kaufpreises gab Christoph Hess der AG ein Darlehen, das die Hess AG mit 43 monatlichen Raten von 65 000 Euro und einer Schlusszahlung von 50 000 Euro an ihn abzahlen sollte. Der Zinssatz für das Darlehen belief sich dabei auf vier Prozent. Doch spätestens seit die Hess AG wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden musste, dürfte auch diese monatliche Geldquelle versiegt sein.

Chronologie der Hess-Turbulenzen


 

Chronologie der Hess-Turbulenzen
  • Montag; 21. Januar: Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat die Abberufung der Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanz-Manipulationen.
  • Dienstag, 22. Januar: Christoph Hess teilt mit: Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen.
  • Mittwoch, 23. Januar: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Die Familie Hess kündigt an, über ihre Aktienmehrheit (39,9 Prozent) Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens neu besetzen zu wollen.
  • Donnerstag, 24. Januar: Seniorchef Jürgen G. Hess bietet an, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen.
  • Freitag, 25. Januar: Neuer Vorstand Till Becker stellt sich den Mitarbeitern vor. Eine Firmensprecherin lehnt die Rückkehr von Jürgen G. Hess ab.
  • Montag, 28. Januar: Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende der Meckergilde Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse, wo der Fasnet-Verein seit drei Jahren seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Halle lagern durfte.
  • Mittwoch, 30. Januar: Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg Papiere beschlagnahmt.
  • Montag, 4. Februar: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, sie habe die Ermittlungen gegen zwei Mitarbeiter der Firma wegen des Verdachts auf Beihilfe ausgeweitet.
  • Dienstag, 5. Februar: die Hess AG teilt in einer Pflichtmitteilung an der Börse mit: aufgrund des Einfrierens der Kreditlinien haben verschiedene Tochtergesellschaften der Hess AG akuten Liquiditätsbedarf.
  • Dienstag, 5. Februar: In einer von Christoph Hess und Peter Ziegler gezeichneten Erklärung vom Dienstagnachmittag legen die beiden Ex-Vorstände die Entwicklung der Firma Hess aus ihrer Sicht dar. Sie attackieren die neue Führung des Unternehmens.
  • Mittwoch, 13. Februar: Der Vorstand der Hess AG hat am Mittwochmorgen entschieden, beim zuständigen Amtsgericht einen Insolvenzantrag zu stellen. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Die Hess AG nimmt in einer aktuellen Mitteilung Stellung zur Situation der Firma. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Christoph Hess, Ex-Vorstandsvorsitzender der Hess AG, erklärt sich am Mittwochnachmittag zum Insolvenzantrag des Unternehmens.Zum Artikel
  • Montag, 18. Februar: Der vorläufige Insolvenzverwalter Martin Mucha legt sein Amt nieder. Er befürchtet Interessenskollission. Zum neuen vorläufigen Insolvenzverwalter wird Rechtsanwalt Dr. Volker Grub bestellt. Zum Artikel
 

Dazu kommt, dass Christoph Hess nach seiner Entlassung auch keine Bezüge von der Hess AG mehr erhält. 400 000 Euro hatte er zusammen mit seinem Finanzvorstand Peter Ziegler erhalten, wobei Hess als Vorstandsvorsitzender höhere Bezüge als Ziegler gehabt haben dürfte. Sein Monatseinkommen wurde auf mindestens 20 000 Euro geschätzt. Allerdings ist das ein Gehalt, das sich nach der übereinstimmenden Einschätzung von Finanzexperten in einem realistischen Rahmen bewegt und „bei einem ordnungsgemäßen Geschäftsverlauf“ durchaus üblich sei. Da soll dann der Nachfolger von Christoph Hess und Peter Ziegler, Till Becker, anders zugelangt und – wie berichtet – gleich ein Mehrfaches verlangt haben. Von 85 000 Euro netto im Monat ist da die Rede.

Doch das ganz dicke Ende könnte für Hess und Ziegler erst noch kommen. Sollten sie die Anleger tatsächlich mit kriminellen Machenschaften über einen Anlagebetrug hinters Licht geführt haben, stehen ihnen neben einem Strafverfahren auch noch Schadensersatzklagen von Anlegern ins Haus. Die meisten von ihnen werden versuchen, über die Prospekthaftung möglichst viele der über 30 Millionen, um die sie möglicherweise betrogen wurden, zurückzuholen. Offen ist dabei lediglich die Frage, inwieweit die Banken und Wirtschaftsprüfer, die in den Börsengang maßgeblich involviert waren, wegen möglicher Schlampereien mit in die Schadensersatzprozesse hineingezogen werden.

Und Christoph Hess? Nun, der äußerte sich in einem Papier, das am Montag veröffentlicht werden soll, bereits aber vorab an verschiedene Personen versandt wurde, auch zu seiner Finanzsituation. Hess stellt darin fest: „Ich bin 41 Jahre alt, ich habe eine Familie mit zwei kleinen Kindern und habe durch den Börsengang keinen einzigen Euro eingenommen. Meine finanziellen Mittel sind überschaubar.“

Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

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Das Vermögen der Familie Hess schmolz dahin?
Wohl kaum, denn so wie ich es verstehe, hat die Familie Hess für Ihren Aktienanteil doch nichts ... mehr ...
Zirka 40% der im Oktober 12 ausgegebenen Aktien
sind in Streubesitz, d.h. 14 - 14 Millionen Euro kamen von anderen Aktionären als von den beiden ... mehr ...
Das stimmt so leider nicht
Die Familie Hess hat anlässlich des Börsengangs nach meiner Überzeugung wohl kaum eigenes Geld ... mehr ...
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