Villingen-Schwenningen In Villingen sind Stolperstein-Aufkleber verschwunden

Erste Stolperstein-Aufkleber sind bereits abgerissen worden Die jungen Initiatoren sehen derzeit aber keinen Angriff auf das Aufsehen erregende Kunstprojekt. Unterstützer der Aktion sind dennoch aufgebracht.

Die ersten der sechs außergewöhnlichen Aufkleber, die auf die virtuellen Stolpersteine verweisen, sind abgerissen. Das ärgert viele, die die Kunstaktion der Villinger Schüler Felix Flaig und Johannes Hebsacker mit Sympathie begleiten. Definitiv fehlen die auffälligen Schildchen an der Volkshochschule, am Bahnhof und auch in der Rietstraße. Der 18-jährige Hebsacker geht allerdings nicht von einem „Angriff auf die Kunst-Aktion“ aus, sondern vermutet eher, dass die Aufkleber „einfach so“ abgezogen wurden. Flaig und Hebsacker wollen bald die fehlenden Hinweise erneuern, allerdings befinden sie sich derzeit im Abitur.

Mit den virtuellen Stolpersteinen erinnern die beiden St. Ursula-Schüler an aus Villingen deportierte und in Konzentrationslagern ermordete Juden. Sie gestalteten eine Internetseite und entwarfen spezielle Aufkleber mit QR-Codes. Die kleben auf Regenablaufrohren in der Nähe der Häuser, in denen Juden lebten. Die Codes, die mit Smartphones eingescannt werden, verweisen auf Informationen über die jüdischen Familien.

Inspiriert wurden die beiden Jugendlichen, nachdem der VS-Gemeinderat bereits zum zweiten Mal Stolpersteine des Künstlers Gunther Demnig mehrheitlich abgelehnt hatte. Statt der realen Mahnmale schufen die Villinger Abiturienten virtuelle Denkmale, wofür sie viel Lob erhielten. Hebsacker kann sich angesichts der enormen positiven Resonanz auch nicht vorstellen, dass die Aufkleber mit voller Absicht zerstört wurden. Allerdings will er auch nicht ausschließen, dass doch ein Hausbesitzer solch ein Schild wieder entfernte.

Hochgelobt wird das Engagement der beiden Villinger vor allem in Kommentaren auf ihrer Internetseite. Es sei die einzige richtige Aktion gegen den beschämenden Beschluss des Gemeinderats, meint ein F. Becker. Ein Wilfried kommentiert: „Traurig, dass dies junge Menschen machen müssen. Wunderbar, dass dies junge Menschen machen.“ Martin Feiler erklärt, dass „die Stadt beziehungsweise der Gemeinderat hier kein gutes Vorbild war“. Er hoffe und wünsche sich, dass die Stadt VS die Arbeit Wert zu schätzen wisse. Die jungen Macher der virtuellen Stolpersteine seien echte Vorbilder für die Gemeinderatsmitglieder, die für den sehr beschämenden Gemeinderatsbeschluss verantwortlich seien, schreibt Cordula. Ein M.K. äußert sich so: „Wieder einmal ein Beispiel für die Wachsamkeit und den Mut der Engagierten an den Schulen gegenüber dem Dämmerschlaf der Verantwortlichen in ihren Gemeinderatssesseln, beschämend für die Stadt und anspornend zugleich.“ Tilo Neumann schreibt kurz und bündig: „Das nenne ich Zivilcourage. Vorbildlich.“

Heinz Högerle vom Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb berichtet, dass die Resonanz weit reicht: „Durch den Anruf eines über 80-jährigen Freunds aus Israel habe ich erfahren, dass ihr euch mit diesem Blog gegen die furchtbare Entscheidung der Mehrheit des Gemeinderats in Villingen-Schwenningen wehrt. Ich kann euch nur beglückwünschen für diese kreative Art, die Verweigerer in die Schranken zu weisen.“ Selbst englisch geschriebene Kommentare von Opferfamilien erscheinen. Eine Ruth Rotstein fragt nach Gründen für die Ablehnung.

 

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Sind die Deutschen erinnerungsmüde? Wer sich mit Historikern oder Aktivisten unterhält, bekommt eine klare Antwort: Nein, die Deutschen sind bemüht, ihre nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten – auch beinahe 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Doch um die richtige Form des Gedenkens an die Opfer gibt es immer wieder Streit, so auch in VS, wo der Gemeinderat die Verlegung der Stolpersteine abgelehnt hat. Mit diesen Steinen soll an frühere jüdische Mitbürger erinnert werden. Nicht alle Bürger wollen sich mit der Entscheidung des Stadtparlaments zufrieden geben und haben sich zu einer Graswurzel-Bewegung zusammengeschlossen.

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Stolpersteine in Villingen-Schwenningen: Im November 2013 hat der Gemeinderat in Villingen-Schwenningen die Stolpersteine erneut abgelehnt. Bereits im Jahr 2004 stimmten die Räte gegen diese Form des Gedenkens an die Judenverfolgung im Dritten Reich. Dabei gab der Verlauf der Debatte zunächst Anlass zur Hoffnung, dass die Abstimmung im Gemeinderat anders ausgeht. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Stolperstein-Debatte in Villingen-Schwenningen.
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