Villingen-Schwenningen Ein neues Leben für Viktor

Bis zu 20 Kinder werden in VS jährlich aus ihren Familien geholt. Die Millers haben seit vier Jahren eines davon in Pflege. Eine Geschichte über das Abenteuer Pflegefamilie.

Ein Oberschenkelhalsbruch bei einem vier Wochen alten Kind entsteht, wenn es an einem Bein gehalten und dann durch die Luft geschleudert wird. Ein gebrochenes Schlüsselbein und Hämatome am ganzen Körper entstehen durch heftige Schläge. Wenn ein Kind sein Essen schlingt, versucht es etwas zu kompensieren, schlägt es sich den Kopf an der Tischplatte blutig und tut so, als sei nichts gewesen, hat es verlernt, Schmerz zu empfinden. Empfindungsstörung nennen sie das.

Lydia Kaltenbacher vom städtischen Jugendamt weiß das alles. Sie sagt: „Es ist unfassbar, was Eltern ihren Kindern antun können.“ Sie nennen es den Rucksack des Kindes. Das, was ein Kind an Vernachlässigung, Schmerz und Angst mitbringt, wenn es in eine Pflegefamilie kommt.

Viktor, damals eineinhalb Jahre alt, reiste am 4. Juli 2013 mit vergleichsweise kleinem Gepäck bei den Millers an. Viktor (auf Wunsch der Familie und zum Schutz des Kindes sind die Namen geändert) wurde nicht misshandelt. Jedenfalls nicht körperlich. Seine Eltern waren suchtkrank. Mitunter musste er lange schreien, bis sich jemand um ihn kümmerte. Das Jugendamt hatte ihn präventiv aus der Familie geholt.

Ein paar Monate früher im Jahr 2013 wird Andrea Miller, gelernte Bürokauffrau und Mutter von drei Kindern (13, 20 und 22) arbeitslos und beschließt, dass sie etwas Sinnvolles machen will. Eine Ausbildung zur Tagesmutter hat sie bereits und vor einigen Jahren hatten sie auch schon mal darüber nachgedacht, ein Pflegekind aufzunehmen. Sie beruft den Familienrat ein und im Frühsommer 2013 stehen Millers vor dem Büro von Lydia Kaltenbacher im ersten Stock des Jugendamtes, Zimmer 10, Pflegekinder steht auf dem Schild an ihrer Tür.

Etwa sechs potenzielle Pflegefamilien melden sich im Jahr bei Lydia Kaltenbacher. Vier davon bleiben im Schnitt dabei. „Eigentlich bräuchten wir die doppelte, manchmal auch die dreifache Anzahl an Familien“, sagt Kaltenbacher. Kinder bis sechs versuchen sie, in Familien unterzubringen. Ältere kommen ins Heim. Jährlich vermitteln sie zwischen fünf bis zehn Kinder in Pflegefamilien, weitere zehn werden in sogenannte Verwandtenpflegeverhältnisse, beispielsweise zu den Großeltern gegeben. Das Jugendamt bezahlt die Erstausstattung. Dazu kommen zwischen 700 und 900 Euro pro Monat und Zuschüsse für Urlaub oder ein Fahrrad. Einmal im halben Jahr gibt es einen Kontrollbesuch.

Oft sind es die Erzieherinnen aus der Kita, Nachbarn, Verwandte, manchmal die Polizei, die beim sozialen Dienst des Jugendamtes anrufen und einen Missstand melden. Die Gründe reichen von Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen der Eltern oder schlicht Überforderung, weil die Eltern selbst noch sehr jung sind. Kommt der soziale Dienst zu dem Entschluss, dass das Kind die Familie verlassen muss, klingelt bei Lydia Kaltenbacher das Telefon. Der erste Schritt ist die Bereitschaftspflege. Der zweite die Vollzeitpflege. Sie überlegt, welche Familie könnte zu dem Kind passen. Ruft dort an. Sagt oft: „Schlafen Sie eine Nacht drüber.“

Rund 50 Pflegefamilien haben sie derzeit, zehn Jahre bleiben die meisten Kinder im Schnitt dort. Rückführungen zu den leiblichen Eltern sind selten, Adoptionen durch die Pflegefamilie auch. „Die wenigsten leiblichen Eltern stimmen dem zu.“

Viktors leiblichen Vater (30) haben die Millers zuerst kennengelernt. „Er ist ein liebevoller Vater“, sagt Klaus Miller. Seit Kurzem sind er und die Mutter von Viktor austherapiert. Er weiß, dass er es allein nicht schaffen könnte. Er sagt: „Ihr seid seine Familie.“ Seit März lebt er in Villingen. Andrea Miller hat zu ihm gesagt: „Kümmere dich einen Tag in der Woche um dein Kind.“ Klaus Miller hat gesagt: „Bring ihm das Fahrradfahren bei.“

Am Anfang hatten Millers Angst, Viktor wieder abgeben zu müssen. Vehement hatt die Mutter damals gefordert, ihr Kinder wieder zu bekommen. Inzwischen ist das Verhältnis zur Mutter (39) „herzlich und gut“. Sie wohnt in Pforzheim, Viktor besucht sie ab und an. Die leiblichen Eltern haben noch das Sorgerecht für Viktor. Bräuchte er eine Impfung, eine schwere Operation oder würde er die Schule wechseln, dann müssten sie zustimmen.

Viktor packt seine Bayern-München-Trinkflasche auf den Tisch im Büro von Lydia Kaltenbacher, stellt seinen Traktor und den Bagger daneben, es folgen BMW-Logo, Mercedes-Stern und Opel-Zeichen – „alles Originalteile, ein Bekannter hat sie von Schrottwagen abgeschraubt“ – sie sind derzeit sein ganzer Stolz. Als er bei den Millers am 4. Juni 2013 vor der Tür steht, hat er bereits vier Wochen in einer Bereitschaftspflege hinter sich.

Es dauert ein paar Tage bis Viktor zu Andrea Miller Mama sagt, es dauert ein paar Wochen, bis er das erste Mal von allein in den Arm von Klaus Miller kriecht und einschläft. Am Anfang müssen sie ihn fast zwingen, dass er auf der Straße ihre Hand nimmt, mehrere Wochen schlafen sie mit ihm im Zimmer, bevor er durchschläft. Zwei Jahre hat es gedauert, bis er und der jüngste Sohn der Millers wirklich als Brüder zueinandergefunden haben. Vor Kurzem hat Viktor aufgehört, sein Essen zu schlingen. Inzwischen kann er alle Buchstaben fehlerfrei aussprechen und weint, wenn er sich den Kopf an der Tischplatte stößt. Er hat gelitten, als die älteste Tochter ausgezogen ist, ganz so, wie der Rest der Familie. Und er ist in seiner Art ruhiger geworden. Klaus Miller sagt: „Viktor wird immer mehr Millerchen.“

Ein fremdes Kind kennenlernen, heißt auch sich selbst kennenlernen. Es gibt kein: „Das macht er wie der Papa, da ist er wie die Mama.“ Es gibt nur: „Warum macht er das? Das macht bei uns doch keiner!“ Heute sagen sie: „Es ist halt so. Das ist Viktor. Das ist sein Charakter.“ Bis er 18 Jahre alt ist, kann er bei den Millers bleiben. Offiziell. Rausschmeißen werden sie ihn nicht, da sind sich Millers sicher. Und, sagt Klaus Miller, wenn er Abitur macht und eventuell studieren will, dann ist er sowieso älter als 18.

Die wenigsten Pflegekinder schaffen Abitur, sagt Kaltenbacher. Ziel des Jugendamtes ist es, dass die Kinder ab 18 ein selbstständiges Leben führen können. „Viktor ist schlau“, sagt Andrea Miller. „Er schafft das Abi“, sagt Klaus Miller. Sie glauben an ihn. Er ist schließlich ihr Sohn.

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