„Es wird zu warm für die Ernte“, weiß Michele Vullo, „die Früchte werden allmählich zu weich.“ Sie sind unbehandelt, haben also keine Wachsschicht auf der Schale wie die übliche Handelsware, die zwar haltbarer ist, bei Geschmack und Gehalt aber bei weitem nicht mithalten kann mit den Früchten frisch vom Baum.
„Citta delle Arange“ nennt sich Ribera stolz, ein 20 000-Einwohner-Städtchen nordwestlich von Agrigent. Klima und Böden sind ideal für den Anbau von Oliven und vor allem von Apfelsinen, für die die „Stadt der Orangen“ berühmt ist. Es dauert lange, bis die Früchte reif sind – sieben bis acht Monate hängen sie an den Bäumen, die darum stets mehrere Wachstumsphasen gleichzeitig bewerkstelligen müssen. Während sie noch Früchte in verschiedenen Reifestadien tragen, bilden sie schon wieder neue Blüten.
„Je länger die Orangen hängen, desto mehr steigt ihr Zuckergehalt und desto weniger Säure enthalten sie“, weiß Michele Vullo. Der Hit bei der Kundschaft in der zu Ende gehenden Saison war die milde „Vanille-Orange“, eine Sorte mit extrem geringem Säureanteil. Sie ist nicht nur bei Kunden mit krankem oder empfindlichem Magen beliebt, sondern bei allen Fans von süßer Fruchtigkeit. Die entwickelt jede Orange nur mit viel Wärme und Sonne, doch um reif zu werden, braucht sie paradoxerweise Kälte. „Erst wenn es nachts kühl genug ist, werden Orangen orangefarben“, erklärt der Experte, „darum ist ja die Haupterntezeit im Winter.“
Während die heimischen Obst- und Gemüsebauern dem Beginn der Vegetationszeit hierzulande entgegenfiebern, nehmen die Vullo-Brüder Abschied vom Wochenmarkt und von ihrer Kundschaft. Die Zitrusfrüchte aus Ribera sind nicht konserviert, werden reif geerntet und sind folglich weniger haltbar. „Wir wollen unseren Kunden schließlich keine matschige Ware verkaufen.“
