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Villingen-Schwenningen Ein Jahr lang unter Strafgefangenen

Mirjam Kalmbach aus Villingen absolviert freiwilliges soziales Jahr in Leonberg.

„Eine Chance für Jugendliche – Eine Chance für unsere Gesellschaft“: Mit diesen Worten bietet das Seehaus Leonberg den Jugendstrafvollzug in freier Form an. Eine Alternative für Jugendliche von 14 bis 23 Jahren, die nicht hinter Gefängnismauern und Stacheldrahtzäunen leben und ihre Haft absitzen wollen. Vor zwei Monaten entschloss sich Mirjam Kalmbach, in dieser Einrichtung ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren. Und das, obwohl sie erst im Juni Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Villingen gemacht hat. 13 Monate zusammen mit Strafgefangenen unter einem Dach. Für viele undenkbar, aber nicht für Mirjam. „Die Arbeit mit den Jugendlichen ist unglaublich spannend und interessant“, fasst sie die ersten beiden Monate zusammen.

Im Seehaus Leonberg sollen die Jugendlichen dazu erzogen werden, in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Kriminalität zu führen. Anders als bei den klassischen Formen des Jugendstrafvollzuges werden die straffälligen Jugendlichen in familienähnlichen Wohngemeinschaften mit je einem Hauselternpaar untergebracht. Dafür müssen sie sich seit dem Jahr 2003 bei dem Gericht bewerben. Nach Zustimmung des Anstaltsleiters erfahren sie so oft zum ersten Mal funktionierendes Familienleben und Geborgenheit. Auch Mirjam wohnt dort. Zusammen mit vier anderen FSJlern lebt sie in einer Wohngemeinschaft im Seehaus. Zusammen mit den Hauseltern betreut sie die Jugendlichen, die fast alle ohne Familie aufgewachsen sind. Während ihrer Haftzeit sollen sie die Bedeutung der Familie hautnah erleben.

Eine echte Herausforderung, wie Mirjam schnell merkt: „Wenn ich mir die Lebensläufe der gleichaltrigen Jungs hier anschaue, bin ich richtig schockiert. Sie mussten schon so viel durchmachen. Aber hier haben sie die Chance, wieder auf den richtigen Weg zu gelangen.“ Gleichzeitig ist der Aufenthalt im Seehaus von einem durchstrukturierten und anstrengenden Arbeitsalltag geprägt. Für die Strafgefangenen, wie auch für Mirjam. Sie steht meist zur gleichen Zeit auf wie die Jugendlichen. Punkt 6 Uhr. Frühstück herrichten steht auf ihrem Plan. Während die Jungs ihren Frühsport absolvieren, deckt sie mit den anderen Mitarbeitern den Tisch. Das Zusammensein mit den Jugendlichen sei sehr wichtig. Sie sollen wieder eingebunden werden, um schlussendlich als gesetzestreue Bürger in die Gesellschaft integriert zu werden. Manchmal gebe es sehr harte und anstrengende Tage. Es sei nämlich schwer, nicht zu viel Mitleid mit den Strafgefangenen zu haben.

„Wir kennen ja ihre tragischen Geschichten. Dennoch sind wir hier die Mitarbeiter und somit eine Autoritätsperson, nicht ihre Kumpel. An manchen Tagen ist das aber echt nicht einfach“, betont Mirjam. Natürlich gebe es auch Auseinandersetzungen mit den Jugendlichen, aber das bleibe eine Ausnahme. Dennoch kam es sogar schon vor, dass ein Strafgefangener die Einrichtung freiwillig verlassen hat.

Das konsequente Erziehungsprogramm sei für ihn zu ungewohnt gewesen. Mit den anderen wird kaum über die Vergangenheit und ihre kriminellen Taten geredet. Der Blick soll auf das Jetzt und die Zukunft gerichtet sein. „Die meisten wollen hier was für ihr Leben lernen, sind ehrgeizig und entwickeln sich super. Ihnen zu helfen, ist eine tolle Sache.“ Nach dem Frühstück sind die Jungs in verschiedene Dienste eingeteilt. Ob Küchen-, Bad- oder Flurdienst – sie müssen lernen, wie man in einem Haushalt Ordnung hält. Anschließend benotet Mirjam die erledigte Aufgabe. Oftmals verstehen die Jugendlichen eine schlechte Benotung nicht. Aber Mirjam versucht, ihnen sachlich zu erklären, was besser gemacht werden kann. Nicht nur eine Herausforderung für Mirjam, auch die Jungs müssen sich daran gewöhnen. Schließlich bewertet sie eine Gleichaltrige. Während die Jugendlichen in die Schule gehen oder sogar ihr erstes Lehrjahr in den Bauberufen absolvieren, übernimmt Mirjam alltägliche Haushaltspflichten. „Es war anfangs schon etwas merkwürdig, für rund 13 Leute zu kochen und einzukaufen. Einmal habe ich fünf Einkaufswagen gebraucht, um alle Lebensmittel transportieren zu können“, erzählt sie schmunzelnd von diesem Tag. Über die Ansicht vieler, ein FSJ-Jahr diene eher als Erholung, kann Mirjam nur den Kopf schütteln. Die Zeit sei sehr anspruchsvoll und oft liegt sie abends total erschöpft im Bett.

Der Blick ist dennoch immer nach vorne gerichtet und der Lernfaktor überwiegt jeden Tag. Sie weiß schon jetzt, wie das Leben auch sparsam bewältigt werden kann. In rund einem Jahr wird sie die Einrichtung wieder verlassen. Und nach dem Jahr sieht sich Mirjam für ihren Traumberuf in der sozialen Arbeit bestens vorbereitet.


Das Seehaus Leonberg

Das Seehaus Leonberg bietet straffälligen Jugendlichen im Alter von 14 bis 23 Jahren eine Alternative neben den klassischen Formen des Jugendstrafvollzuges an: Der Jugendstrafvollzug in freien Formen. Die Jugendlichen wohnen während ihrer gesamten Haftzeit mit Hauseltern und deren Kindern in familienähnlichen Strukturen zusammen. Geborgenheit, Vermittlung von Werten, soziales Training und ein durchstrukturierter Arbeitsalltag sollen die Jungs wieder auf den richtigen Weg bringen. Seit 2003 haben die Jugendlichen die Chance, sich für das Seehaus zu bewerben. (lip)

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