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Villingen-Schwenningen Ein Jahr in Togo weitet den Blick

19.11.2011
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Königsfeld – Ein anderer Mensch sei sie nicht geworden, aber ihr Blick habe sich geweitet, sagt Lisa Gürth. Die 20-jährige Königsfelderin hat für die Kinderhilfsorganisation Unicef ein freiwilliges soziales Jahr in Togo verbracht und bei einem Projekt gegen Unterernährung geholfen.

Vor einigen Wochen kam sie zurück, fand einen Studienplatz in Heidelberg und wundert sich darüber, „wie schnell Togo wieder so weit weg sein kann“.

Als Lisa nach einem Jahr in der Fremde heimkam, irritierte sie noch das Gewohnte. Als „voll krass“ habe sie empfunden, dass bei uns alle Straßen geteert sind, jeder Quadratmeter Land verbaut, verplant, geordnet ist. Auch das Angebot im Supermarkt habe sie anfangs überfordert, fast verärgert. „Ich frage mich, warum wir 20 Klopapier-sorten brauchen und Unmengen an Nahrung kaufen, um sie wenig später wegzuwerfen.“

Nach der Euphorie des Wiedersehens von Familie und Freunden habe sich sogleich das Lebenstempo umgestellt. Die Tage waren sofort ausgefüllt mit Aufgaben. „Wir hier haben immer etwas zu tun und nie Zeit“, stellt die Studentin der politischen Ökonomie fest. In Togo habe es wenig Konsum- und Freizeitangebote gegeben, „nur Fußball und Laufen“. Dafür werde ausgiebig und ständig auf alles gewartet. Auf den Bus, auf Menschen, auf den Regen, auf das Ende des Regens.

Lisa Gürth lebte anfangs im Dorf Soumdina, später in der Kleinstadt Kara, von der aus der Freiwilligendienst organisiert wurde. Der bestand daraus, die umliegenden Dörfer abzuklappern und die heimischen „Agents de Santé Communautaire“ (ASC) auszubilden, sie bei der praktischen und ebenso bei bürokratischer Arbeit zu unterstützen und zu kontrollieren. ASCs sind Gesundheitsberater, die im Auftrag von Unicef systematisch unternährte Kinder aufspüren, sie versorgen, gegebenenfalls medizinisch behandeln lassen, Mütter und Familien über Ernährung, Hygiene, Vorsorge aufklären.

„Wir mussten alle Kinder zwischen Null und 60 Monaten erfassen, zwischen 20 und 60 pro Tag.“ Das hieß: Die durchaus widerspenstigen Buben und Mädchen wurden vermessen, gewogen und in ihrem Gesundheits- und Ernährungszustand eingestuft. Leichte Unterernährung, Malaria und Magenerkrankungen seien häufig, lebensbedrohliche Unterernährung und schwere Infektionskrankheiten wie AIDS selten gewesen.

Gastfreundschaft beeindruckt

Tief beeindruckt war die Königsfelderin von Gastfreundschaft, Offenheit und Hilfsbereitschaft der Togoer, auch von ihrer Gläubigkeit. „Egal ob Christentum, Islam oder Naturreligion, das ist dort viel wichtiger als hier.“ Gewöhnungsbedürftig seien das Fehlen von Privatsphäre, die Enge im Gemeinschaftsleben etwa mit WC und Dusche im Freien vor dem Haus gewesen.

Wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektiven verlassen allerdings immer mehr junge Erwachsene die Dörfer und ziehen in Städte, Kinder werden vernachlässigt, oft sich selbst überlassen, stellt Lisa Gürth fest. „Entwicklungshilfe kann nur Hilfe zur Selbsthilfe sein“, lautet ihr Fazit, „doch wir erheben uns oft über diese Menschen und machen sie von uns abhängig. Das ist falsch“, findet sie.

Ihr Blick für Entwicklungshilfe sei kritischer geworden, auch der auf die Darstellung in den Medien, es werde viel vereinfacht, zu wenig differenziert. Entsprechend allergisch reagierte sie auf die Frage: Wie war's in Afrika? „Afrika ist ein Kontinent mit höchst unterschiedlichen Ländern. Nach einem Japan-Urlaub würde auch niemand fragen: Wie war's in Asien?“ Ihr Blick auf Deutschland habe sich nach den Erfahrungen in Togo gravierend geändert. „Wir sind krankenversichert, können unsere Arbeit verlieren ohne hungern zu müssen und egal, wohin wir fahren: Es gibt Strom und Wasser.“

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