Villingen Doppel-Attacke vor dem Richter
07.11.2009
VS-Villingen – Szenen wie in einem Entwicklungsland spielten sich Donnerstag vor einem Richter im Justizgebäude an der Kronengasse ab. Peinlich genug: Das Gebäude ist neu umgebaut, speziell für Justizzwecke, rund zwei Millionen Euro wurden investiert. Formal klagte eine Mieterin gegen ihren Vermieter. Klägerin und Beklagter sowie je ein Rechtsvertreter saßen vor dem Richter. Plötzlich, so schildern es Beteiligte, sprang der beklagte Rentner auf und habe die Klägerin körperlich angegriffen. Der Richter verwies den Tobenden des Saales, die Verhandlung sollte fortgeführt werden.
Ein paar Minuten später sprang die Türe zum Kleinen Verhandlungssaal im zweiten Obergeschoss des Hauses auf und wieder attackierte der Beklagte die Klägerin. Dieses Mal, so schildern es Augenzeugen, habe der Mann seine Mieterin bespuckt, auch der Rechtsanwalt der Frau bekam etwas ab. Der Richter brach die Verhandlung schließlich ab.
Wie hilflos ist die Justiz im neuen Gebäude an der Kronengasse gegenüber vom Feuerwehrgerätehaus? Der Versuch, am Donnerstag einen uniformierten Wachtmeister vom Hauptgebäude an der Niederen Straße herbei zu telefonieren, sei gescheitert, berichten Verhandlungsteilnehmer. Es sei dort schlicht niemand erreicht worden. Und: Die Alarmanlage, die eigentlich die Richter in der Kronengasse mit der Polizei verbinden soll, sie erwies sich ebenfalls als untauglich in diesem Moment. Dies führte dazu, dass die an dem Verfahren beteiligten Rechtsanwälte, eine Frau und ein Mann, den Angreifer nieder ringen mussten. „Ich bin ein gestandener Mann. Hier aber hatte ich Angst“, kommentierte der Rechtsanwalt gestern den Vorfall gegenüber unserer Zeitung.
Das neue Justizgebäude an der Kronengasse ist umstritten. Von einheimischen Anwälten monierte Baumängel wie etwa eine auffällige Hellhörigkeit der Räume sind mittlerweile vom zuständigen Finanzministerium schriftlich bestätigt. Hier soll baulich Abhilfe geschaffen werden, heißt es seitens einer Ministerialdirektorin. In einem Schreiben vom 30. September dieses Jahres, das unserer Redaktion vorliegt, bestätigt das Finanzministerium außerdem, dass „die Sicherheitsstandards im Gebäude Kronengasse 14 den Vorgaben des Landeskriminalamts Baden-Württemberg entsprechen“.
Rechtsanwälte aus der Doppelstadt sehen diese Feststellungen spätestens mit dem Vorfall von Donnerstag geradezu ad absurdum geführt. Ein Verfahrensbeteiligter monierte gestern gegenüber unserer Redaktion, es gebe aus dem zweiten Obergeschoss „nicht einmal einen alternativen Fluchtweg. Der Angreifer hätte uns am unbewachten Gebäudeausgang einfach auflauern können.“
Betroffene Rechtsanwälte fordern nun, das Justiz-Gebäude Kronengasse, auch zum Schutz von Richtern und Beschäftigten, mit einem Beamten sichern zu lassen. Eine solche Gebäudezugangsüberwachung gibt es ausschließlich an der Hauptstelle Niedere Straße. Das dort in einem Zweitgebäude bislang angesiedelte Familien- und Zivilgericht wurde im Frühjahr an die Kronengasse verlagert.
Der als justizgerecht beschriebene Umbau des Gebäudes Kronengasse kostete den Steuerzahler bislang rund zwei Millionen Euro. „Es zeigt sich nun mehr und mehr, dass dieses Geld nicht sachgerecht investiert wurde“, heißt es aus Justizkreisen weiter.
Schon zu Planungszeiten wurde an dem Projekt Kronengasse bemängelt, dass damit eine Dezentralisierung der Justiz betrieben werde, die ungute Folgen haben könne. Mit der Inbetriebnahme des Gebäudes Kronengasse wurde ein Aktentransportdienst eingerichtet. Seither bewegen Justizbeschäftigte Akten von der Hauptstelle Niedere Straße an die Kronengasse und zurück.

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