Villingen-Schwenningen Diskussionsoffensive zum Reizthema Stolpersteine

Initiative Stolpersteine startet Podiumsreihe. Heute der erste Abend im Martin-Luther-Haus

Erklärte Gegner der Stolpersteine finden sich zwar nicht auf dem Podium, Wolfgang Heitner ist gleichwohl davon überzeugt, dass die Diskussionsrunden kompetent besetzt sein werden und ausgewogen reflektiert werden kann. Im Bemühen um eine „würdige Erinnerungskultur“ für die Opfer des Nationalsozialismus in Villingen-Schwenningen plant die Initiative „Pro Stolpersteine VS“ drei Podiumsdiskussionen, die das Nachdenken im Gefolge der zur Zeit pausierenden Mahnwachen auf dem Münsterplatz fortsetzen sollen. „Kultur des Erinnerns“ ist Überschrift für die Trilogie der Gesprächsrunden im Martin-Luther-Haus. Sie beginnt am heutigen Montag, 14. April, „Geschichte“ ist der Schwerpunkt.

„Bislang gibt es keine systematische Erforschung jener Zeit durch die Stadt“, konstatiert Wolfgang Heitner, der auf dem ersten Podium als Vorsitzender des Freundeskreises der Städtischen Museen vertreten ist. Auch dort sei das traurigste Kapitel der Stadtgeschichte „kaum präsent“. Die Aufarbeitung vollziehe sich seit Jahrzehnten „schleppend und mühsam“, sagt der frühere Geschichtslehrer auch mit Verweis auf das Ringen um die „spärliche“ Gedenkstätte an der Gerberstraße. Warum, an wen und woran gedacht werden soll nennt er als Stichworte für das erste Podium. Mit Annemarie Conradt-Mach (Spezialistin die jüngere Schwenninger Geschichte) und Heinz Lörcher (er erforscht die jüngere Vergangenheit Villingens und insbesondere das Schicksal jüdischer Familien) werden zwei promovierte Historiker zugegen sein. Vierter im Gesprächsquartett ist Frank Banse, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Schwenningen; die Runde wird von dem Journalisten Klaus Peter Karger moderiert.

Das Ergebnis sei offen; die Initiatoren hoffen auf rege Beteiligung der Öffentlichkeit. Laut Heitner soll nicht nur das Projekt der Stolpersteine thematisiert werden: „Wir wollen uns auch mit anderen Gedenkkulturen auseinandersetzen.“ Dazu seien auch Kritiker der Verlegung von Stolpersteinen eingeladen worden, doch niemand habe sich zu einer Zusage durchringen können. Es seien Konflikte im Kontext der bevorstehenden Kommunalwahlen befürchtet worden. Darum habe die Initiative das geplante Podium zum Thema „Politik“ auf die Zeit nach den Wahlen Ende Mai verschoben; die Besetzung ist noch offen. „Wir sind zuversichtlich, dass dann Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen politischen Positionen zu einer öffentlichen Auseinandersetzung bereit sind.“

In der ersten Diskussionsrunde geht es um die Notwendigkeit des Gedenkens in Bezug zu den Opfern und in Bezug zur Gegenwart. Auch die Fragen, was ein Denkmal über die Gesellschaft aussagt, wer seine Form und seinen Standort bestimmt, sollen untersucht werden. Daran knüpft die zweite Podiumsdiskussion an, die sich mit künstlerischer Ausdrucksvielfalt befasst. Das vom Kölner Künstler Gunter Demnig konzipierte Projekt der Stolpersteine, das vom doppelstädtischen Gemeinderat zwei Mal abgelehnt worden war, erfreut sich wachsender Akzeptanz. Europaweit wurden bislang rund 42 000 Stolpersteine vor den Häusern von Nazi-Opfern verlegt. Laut Heitner sollen auch andere künstlerische Mahnmale diskutiert werden, etwa das „Unsichtbare Mahnmal“ auf dem Schlossplatz in Saarbücken. Dort wurden Pflastersteine entfernt und auf deren Unterseiten die Namen von jüdischen Friedhöfen eingraviert.


„Kultur des Erinnerns“

Die Veranstaltungsreihe „Kultur des Erinnerns“ startet am Montag, 14. April, 19.30 Uhr, im Martin-Luther-Haus. Am Montag, 5. Mai, lädt die Initiative „Pro Stolpersteine VS“ ebenfalls auf 19.30 Uhr zur zweiten Podiumsdiskussion ins Martin-Luther-Haus ein. In Regie des Journalisten Hans-Peter Mattes diskutieren Bernhard Fabry (Kunstverein VS), Künstler Axel Heil, Kunstkritiker Jörg Tisken und Hanna Lehmann (Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg). Der Termin für die dritte Diskussionsrunde zum Thema „Politik“ steht noch nicht fest. Für die Dauer der Reihe werden die Mahnwachen auf dem Münsterplatz ausgesetzt, sollen aber im Herbst wieder aufgenommen werden. 16 Mal waren hier in den vergangenen Wochen Menschen zusammen gekommen, um der individuellen Schicksale jüdischer Familien zu gedenken. (cn)

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Stolpersteine in Villingen-Schwenningen: Im November 2013 hat der Gemeinderat in Villingen-Schwenningen die Stolpersteine erneut abgelehnt. Bereits im Jahr 2004 stimmten die Räte gegen diese Form des Gedenkens an die Judenverfolgung im Dritten Reich. Dabei gab der Verlauf der Debatte zunächst Anlass zur Hoffnung, dass die Abstimmung im Gemeinderat anders ausgeht. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Stolperstein-Debatte in Villingen-Schwenningen.
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