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Villingen-Schwenningen Die kleine Santhia hat drei Mütter

01.08.2011
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Zehn Jahre Homoehe: Annette und Barbara Fritz aus Villingen führen ein bürgerliches Leben mit ihren Adoptivkindern. Das Ehepaar fühlt sich akzeptiert, gesetzlich aber noch immer benachteiligt.

Es hat zwei gesunde Kinder, Haus und Auto, teilt sich berufliche und häusliche Pflichten, geht in den Gottesdienst und engagiert sich ehrenamtlich. Das einzig Ungewöhnliche an diesen Eheleuten: Beide sind Frauen und ihre Kinder sind dunkelhäutig. Annette Fritz und Barbara Kirstein-Fritz sind seit zehn Jahren zusammen, 2002 haben sie geheiratet – ein Verb, das offiziell tabu ist. „Verpartnern“ heißt der Akt gleichgeschlechtlicher Eheschließung, zu der die Frauen nicht ins Villinger Standes-, sondern ins Ordnungsamt gebeten wurden.

Als die eingetragene Lebenspartnerschaft am 1. August 2001 möglich wurde, waren homosexuelle Paare noch weit von einer rechtlichen Gleichstellung mit heterosexuellen Eheleuten entfernt. Seitdem hat sich einiges getan. Die Öffnung der im Grundgesetz besonders geschützten Ehe für Lesben und Schwule ist aber immer noch nicht in Sicht.

Das bestätigt das Ehepaar Fritz: Sie fühlen sich gesetzlich benachteiligt, gesellschaftlich hingegen „voll akzeptiert und integriert“. Die Familie Fritz lebt in Königsfeld bei Villingen-Schwenningen und ist eng in das Gemeindeleben eingebunden. Nur einmal haben die Mütter einen Hauch von Diskriminierung verspürt. Aber die sei nicht bösartig gemeint gewesen und galt Tochter Santhia. „Du hast ja gar keinen Vater“, wurde sie im Kindergarten gehänselt, brach erst in Tränen aus und entgegnete dann wütend: „Dafür habe ich drei Mütter.“ Natürlich hat sie auch einen Vater, den kennt sie nur nicht, denn ihre leibliche Mutter war alleinerziehend und hat die Tochter zur Adoption frei gegeben. Annette und Barbara hatten sich mithilfe der Organisation „Help a child“ gezielt für ein Kind aus Haiti beworben.

Auch Sohn Roodnelson wurde dort in ärmsten Verhältnissen geboren, nach dem Erdbeben im Januar 2010 evakuiert und wenig später an das deutsche Paar vermittelt. Zu Annette sagen die Kinder „Mami“, Barbara ist die „Mama“: Die Geschwister gehen so selbstverständlich mit der familiären Konfiguration um wie ihre Mütter.

Annette (40) ist Fachärztin für Chirurgie und arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis, Barbara (46) ist Diplominformatikerin und beansprucht gerade Elternzeit. Sie haben sich in einer Klinik am Bodensee kennengelernt, wo beide angestellt waren, bevor sie aus beruflichen Gründen in den Schwarzwald zogen.

Barbara wusste bereits mit 19 Jahren, dass nur Frauen für eine Beziehung infrage kämen. Annette hingegen verstand erst nach der Begegnung mit Barbara, warum es bei ihrem einzigen Freundschaftsversuch mit einem Mann nie gefunkt hatte. „Mit 30 Jahren war ich zum ersten Mal in meinem Leben verliebt, das war toll.“ Beider Familien zeigten Verständnis, öffentlich mussten sie nach der Heirat bekennen, „was eigentlich niemanden etwas angeht“.

Da waren sie noch katholisch und bedauerten, dass ihnen eine kirchliche Trauung versagt blieb. Umso dankbarer waren sie für einen Segnungsgottesdienst mit einem Pastoralreferenten. In Königsfeld-Burgberg fanden sie eine Wohnung, bauten später im Kernort ein Haus und konvertierten schließlich zum evangelischen Glauben, um Roodnelson taufen lassen zu können. Bei der feierlichen Zeremonie sprach die Pfarrerin von „Eltern“, hier und da wurde in den Kirchenbänken getuschelt. Aber die „Fritzens“ sind bekannt und beliebt im Ort und freuten sich nach der Taufe über Glückwünsche und Zeichen der Sympathie. „Wir haben hier superschnell Anschluss gefunden.“

Sie leben ihre Partnerschaft offen und entspannt, ohne sie zur Schau zu stellen. Sie musizieren im Posaunenchor, singen in Chören, sammeln Spenden für die Erdbebenopfer von Haiti, haben ein Benefizkonzert organisiert und sind auf dem Weihnachtsmarkt aktiv. Zum Bekanntenkreis gehören viele Männer, die Kinder pflegen auch enge Kontakte zu Onkeln, so dass es stabile männlich-väterliche Komponenten im Alltag des siebenjährigen Sohnes und seiner achtjährigen Schwester gibt. „Auch Patchworkfamilien entsprechen dem klassischen Modell mit Vater, Mutter, Kind nicht mehr“, konstatieren Annette und Barbara Fritz. „Die Gesellschaft muss sich an neue familiäre Strukturen gewöhnen und das tut sie auch.“

Erhebliche Defizite sehen sie freilich in Gesetzen und Bürokratie. Die steuerlichen Nachteile seien ungerecht, auf Formularen gibt es zwischen „ledig“ und „verwitwet“ kein passendes Kästchen, Adoptivmutter ist nur Annette. „Ich bin offiziell nichts, das kränkt“, sagt Barbara. „Aber sonst führen wir ein normales Leben und genießen es.“


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