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Donaueschingen Der Totschlag vor dem Festzelt

Baar/Konstanz - Vor einem Jahr erschütterte eine tödlich verlaufende Festzelt-Schlägerei die Baaremer Öffentlichkeit. Der Donaueschinger Artur Lampel, ein Russlanddeutscher, verblutete einen Tag vor seinem 18. Geburtstag, nachdem ihm der Bräunlinger Skinhead Patrick S. ein Weizenbierglas an den Kopf geworfen hatte. Damals ging in Bräunlingen die Angst um, am kleinen Zähringerstädtchen könnte ein fremdenfeindlicher Ruf hängen bleiben - was nicht eintrat. Gestern begann nun die juristische Aufarbeitung der Tat vor der Jugendstrafkammer des Konstanzer Landgerichts. Patrick S. bekannte sich voll schuldig. Das Urteil wird am heutigen Mittwoch gesprochen.

Liegt dem als "Bräunlinger Bluttat" bekannt gewordenen schrecklichen Ereignis ein ausländerfeindliches Motiv zugrunde oder nicht? Das war eine der zentralen Fragen am ersten Verhandlungstag. Im nahezu vollbesetzten Gerichtssaal verfolgten auch die Familien sowie Freunde von Täter und Opfer die Verhandlung. Fünf Polizisten waren vorsorglich für die Verhandlung abgestellt worden, sie notierten die Namen der Besucher und durchsuchten Taschen und Kleidung - aus Sorge vor potenziellen Zwischenfällen. Wie sahen die Ereignisse genau aus, die sich in der Nacht vom 8. auf den 9. September des vergangenen Jahres beim Bräunlinger Sportplatz abspielten? Die Inline-Hockeymannschaft hatte an diesem Wochenende aus Freude über ihr neues Spielfeld ein Turnier organisiert und dazu zahlreiche Mannschaften eingeladen. Und natürlich wurde auch ein Partyzelt aufgestellt, für eine ordentliche Sause zwischen den beiden Spieltagen. Patrick S. traf am frühen Abend in Bräunlingen ein, wo er sich mit seinem Kumpel Sebastian D. traf. Den Tag zuvor hatte Patrick S. in Freiburg verbracht. Er war dort einkaufen und trank bereits auf der Fahrt in die Schwarzwald-Metropole zwei Bier. Vier bis fünf weitere "Halbe" folgten den Tag über. Am späten Nachmittag traf er dann wieder bei seiner Freundin auf der Baar ein, geriet mit ihr wegen seiner Verspätung aber in Streit. Mit dem Ergebnis, dass er nach Bräunlingen auf die Feier ging, die Freundin hingegen zog ein Dorffest vor. Artur Lampel traf kurz vor ein Uhr zusammen mit drei Freunden bei dem Fest ein. Zuvor hielten sie sich an einer Grillhütte auf. Im Festzelt gerieten Sebastian D. und Arthur Lampel aneinander. Die beiden tauschten, so die Zeugen, wohl zuerst einige wenig freundliche Blicke aus, dann zeigten sich die Kontrahenten gegenseitig den "Stinkefinger". Wenig später trafen sich die jungen Männer vor dem Zelteingang wieder, wo sich rund 20 weitere Jugendliche aufhielten. Nun wurde die Auseinandersetzung handgreiflich und im Verlauf des Tumults streckte Arthur Lampel seinen Widersacher, einen knapp 100 Kilogramm schweren und fast zwei Meter großen Hünen, mit einem Bierkrug-Schlag auf den Kopf nieder. Patrick S., der seinem Bekannten in der Auseinandersetzung zur Hilfe eilen wollte, wurde derweil von zwei Jugendlichen des Inline-Clubs festgehalten. Doch irgendwie gelang es ihm, sein Weizenbierglas in Richtung von Artur Lampel zu werfen. Und zwar gezielt, wie er vor Gericht zugab. Nur das dieser Wurf einen Toten nach sich ziehen würde, damit habe er nie und nimmer gerechnet.

Und auch nicht rechnen können oder müssen, wie der von Richter Klaus Geiger bestellte Gutachter deutlich machte. Dem langjährigen Gerichtsmediziner ist es bisher noch nie untergekommen, dass ein Mensch starb, nachdem er von einem Glas am Kopf getroffen wurde. Wenn Auseinandersetzungen mit einem Glas oder einer Flasche tödlich endeten, dann sei in der Regel das Glas absichtlich zerbrochen und dann als Stichwaffe benutzt worden. Und auch in der gesamten deutsch- und englischsprachigen Fachliteratur habe er keine vergleichbaren Vorfälle gefunden. "Das war eine unglückliche Verkettung äußerst unglücklicher Umstände", so der Gutachter. Das Glas sei wahrscheinlich auf dem linken unteren Kieferknochen aufgeschlagen, dabei gesplittert und dann hätten sich Scherben in die Halsschlagader gebohrt. Es sei auch nicht auszuschließen, dass das Glas bereits einen Sprung hatte und deshalb besonders leicht zerbrach.

Obwohl der Bräunlinger Arzt Norbert Kammerer, alarmiert von einem seiner Kinder, wenige Minuten nach der Tat an der Unglücksstelle eintraf und kurze Zeit später auch noch eine Notärztin dazu kam, war das Leben von Artur Lampel nicht mehr zu retten. Überhaupt traten die Angehörigen, sie sind Nebenkläger und haben den CDU-Bundestagskandidaten Siegfried Kauder mit der Vertretung ihrer Interessen beauftragt, sehr ruhig und besonnen auf. Später lobte ein als Zeuge geladener Kriminalpolizist das Verhalten der Familie Lampel auch unmittelbar nach der Tat. Diejenigen, die nach dem schrecklichen Vorfall Rache an Deutschen angekündigt haben, hätten mit der Familie nichts zu tun.

Und Patrick S.? Er, der von dem Donaueschinger Rechtsanwalt Oswald Wild vertreten wird, ist mehrfach vorbestraft, kam bisher aber immer mit Bewährungsauflagen davon - wohl weil er zu den Tatzeitpunkten noch Jugendlicher war (siehe dazu auch den Bericht auf der Seite Baden-Württemberg). Am heutigen Mittwoch wird die Verhandlung vor der Jugendkammer am Konstanzer Landgericht mit dem Bericht der Jugendgerichtshilfe und den Plädoyers von Verteidigung und Staatsanwaltschaft fortgesetzt.

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