Doch entspricht dies alles der Realität, ist unser Bild von Afghanistan angemessen?
„Wir haben wirklich viele dumme Journalisten, die von dem, was in diesem Land abgeht, keine Ahnung haben und dennoch berichten“, so Reinhard Erös drastisch vor rund 70 Schülern des Gymnasiums am Hoptbühl. Hier klärt er an diesem Morgen gemeinsam mit seiner Frau Anette über das Afghanistan auf, das jenseits der üblichen Klischeevorstellungen und Meinungsmache existiert. Ein Land, bestehend aus 27 Volksgruppen und ebenso vielen Sprachen, einem Islam, der grundlegend nichts mit dem Wahnsinn der Taliban zu tun hat, sondern auf einem toleranten Sufismus beruht.
Das Ehepaar Erös lebt seit 1996 im Grenzgebiet zu Afghanistan. Um den Menschen zu helfen, humanitär. Reinhard Erös war 35 Jahre lang Bundeswehroffizier, Stabsarzt und auch im Auftrag der Uno in vielen Krisengebieten der Welt tätig. Ein Mann also, dem man schlecht mit dem Vorwurf kommen kann, er sei „wehrkraftzersetzend“ oder ein blauäugiger Schönwetterpazifist. Ganz im Gegenteil. „Es gibt Situationen, da kommt man nur militärisch voran“, so Erös vor den Schülern. Aber in Afghanistan, nein. Gänzlich uneffektiv sei die Bundeswehr dort, ihr Einsatz auf Dauer gesehen ohne jeden Nutzen.
Und mit genauso drastischen Worten schildert Erös, was er selbst in den vergangenen 15 Jahren in Afghanistan erlebt hat. „Wir haben unter der Besatzung der Sowjets mit primitiven Mitteln 100 000 Afghanen medizinisch versorgt“, erzählt er aus den späten 90ern, zeigt dazu Fotos aus der Zeit. Berichtet von für ihn psychisch ungemein belastenden Situationen und seinem Willen, insbesondere den Kindern in Afghanistan zu helfen. Und er rückt Weltbilder gerade. „Die Taliban sind kein Produkt Afghanistans“, so Erös. „Dieser dumme und fundamentalistische Islamismus kommt direkt aus Saudi Arabien“, verdeutlicht er.
Doch statt dessen Wurzeln zu kappen, die Koranschulen in Saudi Arabien und in Pakistan, wo junge Männer zu Fanatikern erzogen werden, schlage der Westen nun in Afghanistan auf die Menschen ein. Und gebe unendlich viel Geld für militärische Einsätze aus, 20 Mal so viel wie für zivile Aufbauprogramme. Der Arzt Reinhard Erös ist Realist.
Er hat klare Vorstellungen, wie man den Menschen in Afghanistan wirklich helfen und den Terror zurückdrängen kann: mit Bildung. Er hat in den vergangenen Jahren mit einfachsten Mitteln 30 Schulen in Ostafghanistan mit Hilfe der Menschen dort gebaut. „Das kann man nur mit diesen und nicht gegen sie“, so Erös. Denn diese, so erklärt er mit Bewunderung, seien die widerstandsfähigste Spezies, die es gibt. „In deren Sprache existiert das Wort aufgeben nicht“, berichtet er. „Deshalb wird das Problem Afghanistan mit Mitteln des Krieges nicht zu lösen sein“, so Erös überzeugt.
Und immer wieder packt er in seinem dichtgedrängten Vortrag die Jugendlichen mit Worten, schüttelt sie regelrecht. „Ihr habt doch bald Abitur, da solltet ihr euch schon eine eigene Meinung zu solchen Dingen machen und nicht alles glauben, was euch die Medien so bieten“, so Erös. Und als eine junge Frau lacht über eine seiner Schilderungen der bitteren Armut, da wird er auch direkt. „Nein, Lady, sie können sich gar nicht vorstellen, in welchem Paradies sie hier leben mit so einer tollen Schule und all den Möglichkeiten“.
