Villingen-Schwenningen „Stolperstein-Diskussion jenseits von Fronten und Fraktionen“

Dritte Podiumsdiskussion zum Thema in Villingen-Schwenningen erhebt Forderungen an den neuen Gemeinderat

Gegner der Stolpersteine fanden sich nicht auf dem Podium, auch im Auditorium saßen sie nur vereinzelt. Dennoch wurde im Martin-Luther-Haus kontrovers, vor allem konstruktiv über die „Kultur des Erinnerns“ diskutiert. Die dritte Podiumsdiskussion der Initiative „Pro Stolpersteine VS“ stand unter der Überschrift „Politik“. Sie mündete in den Appell an den Gemeinderat, jenseits von Fronten und Fraktionen eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Schicksalen von Nazi-Opfern in der Stadt zu starten. Rund 50 Interessierte vor allem aus dem Pro-Lager waren gekommen, außerdem Rechtsaußen Jürgen Schützinger und wenige jüngere plakative Kritiker, die der Initiative Einseitigkeit vorwarfen. Martin Himmelheber moderierte den ansonsten angeregten und informativen Gedankenaustausch.

„Ist Gunter Demnig ein Show-Star mit Profilneurose?“, wollte der Schramberger Journalist von Katrin Brüggemann wissen. „Er ist aufrichtig und mit Herzblut dabei“, beschrieb die Sprecherin der Konstanzer Stolpersteine-Initiative den Kölner Künstler. Seit 2005 wurden mit ihm 159 Stolpersteine vor jenen Häusern der Konstanzer Innenstadt verlegt, die letzter Wohnsitz der ermordeten Juden, Homosexuellen und Menschen mit weiteren für die Nazis unliebsamen Eigenschaften gewesen waren. Den Vorschlag, Stolpersteine auf öffentlichen Gehwegen als individuelle Gedenkstätten für einzelne Menschen zu verlegen, habe der Konstanzer Gemeinderat auf Anhieb einstimmig befürwortet. An der Verlegung neuer Steine – 14 waren es im zu Ende gehenden Jahr – seien stets Schülergruppen beteiligt. Konflikte mit Hauseigentümern gebe es nicht. Die Stadt lade stets Angehörige ein, trage Flugkosten, gestalte Empfänge für die Familien.

Eva Söffge betreut im Auftrag des erzbischöflichen Seelsorgeamts Freiburg ein Gedenkprojekt mit Jugendlichen. Sie gestalten in ganz Baden Gedenksteine für jüdische Opfer; 137 Gemeinden sind involviert, die Aufgeschlossenheit sei bis auf Ausnahmen groß. Die zweimalige Ablehnung von Stolpersteinen im Gemeinderat Villingen-Schwenningens wollte FWV-Stadträtin Ulrike Heggen nicht als Indiz für mangelnde Gedenkbereitschaft interpretiert sehen: „Es geht um die Form.“ Sie selbst habe sich nach ablehnender Unsicherheit am Anfang zur Befürworterin von Stolpersteinen gewandelt, ohne in der Fraktion als „Umfallerin“ geziehen zu werden. Doch beim Versuch, einen Meinungsbildungsprozess in größerem Radius in Gang zu bringen, habe sie sich „die Zähne ausgebissen“.

Das eine tun und das andere nicht lassen: Diese Meinung vertrat IG-Metall-Bevollmächtigter Michael Ruhkopf nicht als einziger. Er kann sich zentrale Mahnmale und außerdem individuelle Stolpersteine vorstellen. Das Gegenargument einer etwaigen Wertminderung der Immobilie fand er genauso „absurd“ wie eine „Schlussstrich-Mentalität“. „Diese Zeit ist noch überhaupt nicht aufgearbeitet in der Stadt“, hat Reinhold Hummel beobachtet. Heinrich Maulhardt vermisst eine Diskussion im Gemeinderat: „Es gab nur zwei Fronten, die Verhärtung setzt sich fort.“ Wie wertvoll eine individuelle Ehrerbietung für die Angehörigen von Nazi-Opfern ist, hat Erich Wolfsperger erlebt. Die Großmutter seiner Frau war vergast worden, woran mit einem Stolperstein auswärts erinnert wurde.

Friedrich Engelke stellte die Frage in den Raum, was Konstanz von Villingen-Schwenningen unterscheide. Hier fehle verlässliche Unterstützung durch die Stadt: „Sie stellt ihre Legitimität in Frage.“ Vor dem Hintergrund der neuen personellen Zusammensetzung des Rats forderten etliche Besucher einen dritten Anlauf im Gemeinderat. Ulrike Heggen ist skeptisch, obwohl sie die Notwendigkeit gemeinsamen Nachdenkens unterstrich.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Mehr zum Thema
Stolpersteine in Villingen-Schwenningen: Im November 2013 hat der Gemeinderat in Villingen-Schwenningen die Stolpersteine erneut abgelehnt. Bereits im Jahr 2004 stimmten die Räte gegen diese Form des Gedenkens an die Judenverfolgung im Dritten Reich. Dabei gab der Verlauf der Debatte zunächst Anlass zur Hoffnung, dass die Abstimmung im Gemeinderat anders ausgeht. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Stolperstein-Debatte in Villingen-Schwenningen.
Einzigartige Geschenke von Bodensee und Schwarzwald
Neu aus diesem Ressort
Villingen-Schwenningen
Villingen-Schwenningen
VS-Villingen
VS-Villingen
Villingen-Schwenningen
VS-Villingen
Die besten Themen
Kommentare (2)
    Jetzt kommentieren