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Villingen-Schwenningen „Die Spendengelder helfen bei der täglichen Arbeit“

Vor 25 Jahren wurde die Deutsche Kinderkrebsnachsorge, Initiator der Tannheimer Nachsorgeklinik, ins Leben gerufen. Klinik-Leiter Roland Wehrle zieht Bilanz und schaut in die Zukunft 

Herr Wehrle, wie steht das von Ihnen geleitete Haus denn heute da?

Unsere Belegung ist hervorragend und wir haben eine 100-prozentige Belegung im Jahresschnitt. Es gibt keinerlei Belegungsprobleme und wir bekommen Anfragen aus ganz Deutschland und auch aus Österreich. Das zeigt aber auch, wie groß der Bedarf an der familienorientierten Rehabilitation bei schwerkranken Kindern ist. Wir haben auch viele Anfragen, denen wir nicht gerecht werden können. Wir sind nun einmal auf Krebs, Herz und Mukoviszidose spezialisiert. Für verwaiste Familien sind wir zudem die einzige Klinik in Deutschland, die ein Behandlungskonzept für die Trauerbewältigung anbietet. Hier übersteigt die Nachfrage unsere Möglichkeiten.

Es gibt ja auch artverwandte Kliniken, die nicht so ausgelastet sind wie Tannheim?

Richtig, es gibt sogar eine Kampagne der Renten- und Krankenversicherer, die im Moment bewerben, dass Kinderrehabilitationsmaßnahmen mehr durch Ärzte verordnet werden. Aus meiner Sicht ist das aber so, dass immer weniger Familien bereit sind, ihre Kinder alleine zur Rehabilitation zu schicken. Deshalb wird es aus meiner Sicht in den nächsten drei Dekaden eine klare Tendenz hin zum Ausbau der Reha-Angebote für ganze Familien geben. Die Erkenntnis, dass schwer, lebensbedrohlich erkrankte Kinder nur mit der Gesamtfamilie rehabilitiert werden können, hat vor dreißig Jahren dazu geführt, dass ich als Leiter der Katharinenhöhe zusammen mit der Universitätskinderklinik in Tübingen das Konzept der familienorientierten Rehabilitation mitbegründen konnte. Dies haben wir in Tannheim auf herz- und mukoviszidosekranke Kinder ausgedehnt und erlebt, dass es der richtige Weg war. Das aber war im Sozialgesetzbuch nicht vorgesehen. 25 Jahre mussten wir Überzeugungsarbeit leisten, bis wir im Jahre 2009 endlich eine rechtliche Absicherung erfuhren.

Sie sind einerseits zu einhundert Prozent belegt, andererseits gibt es immer noch Finanzierungslücken bei Ihnen. Wie kommt das?

Die Gründe dafür liegen darin, dass durch die Gesundheitsreform 1997/98 festgelegt wurde, dass die Pflegesätze nur in dem Maße steigen dürfen, wie die Gesamteinnahmen der Krankenkassen steigen. Die Jahre 2008 bis 2011 waren ja wirtschaftlich schlecht, die Beitragseinnahmen der Kassen fielen und somit fiel damit auch die Anpassung der Pflegesätze mit 0,6 Prozent sehr gering aus. Auf der anderen Seite müssen wir normale Kostensteigerungen wie etwa die tariflichen Lohnerhöhungen bewältigen, die um ein Vielfaches höher sind. Anders ausgedrückt: In den letzten 17 Jahren hatten wir insgesamt eine Pflegesatzanhebung von knapp 16 Prozent, im gleichen Zeitraum stiegen aber die tariflichen Anpassungen um über 35 Prozent. Hinzu kam, dass medizinisch-therapeutisch unser Aufwand sehr gestiegen ist, weil die Patienten viel früher aus den Kliniken zu uns entlassen werden und damit auch in der Behandlung deutlich aufwändiger sind. Auflagen wie Hygiene und Brandschutz und anderes schlägt hier ebenfalls bei uns in die Bücher. Der Dokumentationsaufwand bei Ärzten, in der Pflege aber auch in der Küche beträgt mittlerweile ein Drittel der Arbeitszeit. Das ist in keiner Rechnung drin. Wir müssen in Deutschland wirklich aufpassen, dass wir die Qualität der medizinischen Versorgung dadurch nicht eher verschlechtern.

Wie schließen Sie denn in Tannheim ein Jahr buchhalterisch ab?

Wir müssen ganz einfach eine sehr aktive Spendenakquise betreiben, um diese Kosten überhaupt irgendwie auffangen zu können.

Investieren Sie über Kredite?

Nein, bisher nicht, im Gegenteil: Wir sind dabei, die Darlehen aus unserer Gründungsphase abschließend zu bewältigen. Wir hatten 1997 12,6 Millionen Euro an Darlehen, aktuell sind es noch knapp drei Millionen Euro. Ich sehe alle Kliniken, speziell die Rehaeinrichtungen, langfristig als gefährdet an. Die Politik ist hier gefordert. Kliniken müssen finanziell so ausgestattet werden, dass sie ihrer Aufgabe gerecht werden können. Hier stehen ganz klar auch die Kranken- und Rentenversicherungsträger und auch die Politik in der Pflicht. Ändert sich nichts, sehe ich binnen der nächsten fünf bis zehn Jahre die Hälfte der Rehakliniken von einer Insolvenzwelle bedroht. Das ist ein Riesenproblem.

Tannheim hat ja das große Glück einer enorm hohen Akzeptanz in der Bevölkerung. Was bedeutet das für Sie?

Ja, wir lösen sicherlich mit dem Erfolg unserer Arbeit eine hohe Spendenbereitschaft aus. Die langjährige kontinuierliche Arbeit des SÜDKURIER hilft uns hier, seit unser Haus besteht. Sämtliche medizinische Anpassungen und Erfordernisse konnten wir über die großen Spendenaktionen zur Weihnachtszeit im SÜDKURIER mitfinanzieren. Bis heute sind hier nahezu sechs Millionen Euro zusammen gekommen. Die Bereitschaft der Redaktion, immer wieder über unsere Arbeit zu berichten, hilft uns sehr. Hier entsteht viel Vertrauen und wir bekommen immer wieder das große Geschenk eines Nachlasses von Verstorbenen. Das hilft uns enorm bei der Entschuldung. Ich bin da enorm dankbar. Aufgrund des Vertrauens der SÜDKURIER-Leser können wir wirklich beruhigter in jedes neue Jahr gehen. Wir müssen uns nicht unbedingt immer baulich erweitern. Die Spendengelder der Leser dieser Zeitung helfen uns aber, dass wir die tägliche Arbeit für die kranken Kinder in einer angemessenen Art und Weise angehen können.

Der SÜDKURIER hat schon vor dem Start des Klinikbetriebs in Tannheim auf die Bedeutung dieser Arbeit immer wieder hingewiesen. Wäre ein solches Projekt in der heutigen Zeit eigentlich überhaupt noch an den Start zu bringen?

Ohne einen Partner wie den SÜDKURIER wäre das überhaupt nicht möglich. Es war damals sehr schwierig, das war mutig und die Aufrufe zum Spenden in dieser Zeitung bedürfen ja auch einer grundsätzlichen Überzeugung, einer Haltung. Ich bin sehr froh, dass wir es in unserer ja insgesamt sehr reichen Gesellschaft in Gemeinsamkeit schaffen, hier kranken Menschen Hoffnung und Zuversicht zu geben. Das ist bedeutsam und das ist ein beeindruckendes Wirken im Miteinander, so wie es auf diesem Grundstein steht: „Viele Menschen haben dieses Haus gebaut!“ So sind wir wirklich auf dem Weg, eine kinder- und familienfreundliche Gesellschaft zu sein. Jetzt müssen sich nur noch alle Kostenträger und vor allem die politisch Handelnden hinter diesem Ziel versammeln.

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