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Villingen-Schwenningen 26 Minderjährige Flüchtlinge nur notdürftig betreut

Die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge bereitet der Stadt große Probleme. Derzeit befinden sich 26 Minderjährige, meist männliche Jugendliche aus Afghanistan, in der Erstaufnahme-Unterkunft des Landes in der Dattenbergstaße in Villingen. Für sie gibt es aktuell keine gesetzlich vorgeschriebene Betreuung, etwa in einem Heim oder in einer Familie.

Heiße Geschichte: „Das bereitet mir schlaflose Nächte“, erklärte Wolfram Mack, der Leiter des Amtes für Familie, Jugend und Soziales, diese Woche im Jugendhilfe-Ausschuss. Der aktuelle Zustand sei schon „eine heiße Geschichte“, da die Stadt sich hier in der Haftung befindet, wenn mit einem der Jugendlichen in dieser Zeit „etwas schiefgeht.“ Das Problem der Stadt: Es finden sich derzeit keine Heimplätze, in denen die Jugendlichen untergebracht werden können. Alle Einrichtungen sind derzeit, auch wegen der Flüchtlingskrise, voll belegt. Die 26 Minderjährigen in der Villinger Erstaufnahme-Unterkunft werden deshalb aktuell vom Sozialpädagogischen Dienst des städtischen Jugendamtes betreut. Die Mitarbeiter der Stadt sind personell am Anschlag. Mack bedankte sich beim Gemeinderat für die dringend benötigte Aufstockung um fünf Stellen.Insgesamt, so berichtete Mack den Mitgliedern des Jugendhilfe-Ausschusses, haben Sozialpädagogen der Stadt in rund 100 Fällen das Erstgespräch mit mutmaßlich unbegleiteten Minderjährigen geführt. Rund 60 davon seien bisher vom Jugendamt vorläufig in Obhut genommen worden. Das heißt, die Stadt übernimmt die Vormundschaft.

Fehlende Heimplätze: „Wir bräuchten rund 40 bis 50 zusätzliche Plätze für Inobhutnahmen von jugendlichen Flüchtlingen im Bereich unseres Jugendamtes“, skizziert Kerstin Engelhaupt im Gespräch mit dem SÜDKURIER den Bedarf weiterer Heimplätze in der Region. Engelhaupt ist Abteilungsleiterin des Sozialpädagogischen Dienstes und der Wirtschaftlichen Jugendhilfe bei der Stadt und mit dem Thema täglich konfrontiert. Vor Ort gibt es zwar das Kinder- und Familienzentrum (Kifaz) im Schilterhäusle. Weitere Heime sind in Donaueschingen, Tuttlingen und Rottweil. Doch alle sind derzeit voll belegt. Der Aufbau neuer Heimplätze werde von Stadt und Landkreis gemeinsam geplant. Doch mit der Schaffung neuer Kapazitäten tun sich die Träger der Sozialeinrichtungen schwer. Zum einen, so Engelhaupt, gibt es derzeit kein qualifiziertes Fachpersonal auf dem Arbeitsmarkt, zum anderen fehlen die räumlichen Möglichkeiten. Die Träger der Heime befinden sich in einer schwierigen Situation, da sie nicht wissen, wie die Flüchtlingsentwicklung weitergeht. Das erschwert die Entscheidung für eine teure Bauinvestition.

Kein Chaos: Bislang, so berichtet die Abteilungsleiterin, werden die 26 Jugendlichen, meist junge Männer zwischen 16 und 18 Jahren, von den Sozialpädagogen des Jugendamtes betreut. Das Rote Kreuz und das Diakonische Werk bieten ihnen außerdem Freizeitangebote. Einige wenige problematische Fälle werden auch psychosozial betreut. Allerdings nicht in der vor der Flüchtlingskrise gewohnten Intensität, schränkt die Abteilungsleiterin ein. Auch hier fehlt es an Personal. „Wir haben die Situation, dass alle Beteiligten etwas mehr tun als gewohnt.“ Dass das System noch funktioniert, hat nach dem Verständnis von Kerstin Engelhaupt auch etwas zu tun mit dem bei uns vorhandenen bürgerschaftlichen Engagement. Ähnlich betonte dies auch Oberbürgermeister Rupert Kubon im Jugendhilfe-Ausschuss. „Es gibt kein Chaos. Wir halten die Verhältnisse in einem ordnungsgemäßen Zustand“.

Aufnahme in Familien: Angesichts fehlender Heimplätze hat die Stadt vor kurzem auch einen Aufruf an die Bevölkerung gerichtet, unbegleitete Minderjährige in Familien aufzunehmen. Die Resonanz habe die Erwartungen übertroffen, berichtet Kerstin Engelhaupt. Vor allem von ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern habe es viele positive Reaktionen gegeben. Inzwischen seien fünf Jugendliche in Familien untergekommen. Wie lange es dauert, die 26 Jugendlichen in Heimen oder Familie unterzubringen, wagt derzeit keiner zu sagen. Spätestens, wenn sie 18 Jahre alt sind, bedürfen sie ohnehin keiner Inobhutnahme mehr.

 

 

Inobhutnahme und Altersfeststellung

Die Inobhutnahme: Das Jugendamt ist gesetzlich verpflichtet, ausländische Kinder und Jugendliche in Obhut zu nehmen, wenn festgestellt wird, dass sie unbegleitet nach Deutschland einreisen. Unter anderem muss geprüft werden, ob die Minderjährigen verwandte Personen im Inland oder Ausland haben. Wenn nicht, nimmt das Jugendamt die Minderjährigen zumindest bis zum 18. Geburtstag in Obhut und übt damit die Rechtsvormundschaft aus.

Altersfeststellung: In Zweifelsfällen muss das Jugendamt die Minderjährigkeit der Betroffenen feststellen. Es gab Fälle, in denen Personen gelogen haben, um schneller aus den Notunterkünften herauszukommen. Sind keine Ausweise vorhanden, werden die Flüchtlinge intensiv befragt. Schwindeleien fallen laut Jugendamt fast immer auf. Erstaunlich oft können die Jugendlichen aus ihren Heimatländern Papiere nachliefern. Ärztliche Untersuchungen allein zur Altersfeststellung hat es bisher nicht gegeben. Dagegen haben sich Ärzte aus ethischen Gründen gewehrt. (est)

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