Villingen-Schwenningen „VS swingt“ mit schrägem Schlussakkord
Mit diebischer Freude am Klavier: Pianistin Hiromi Mihara. Bild: Bild: Hans-Jürgen Götz
Niemand hat es geahnt: Fritz Ewald, Begründer und Leiter des Traditions-Jazzfestivals VS swingt, schmeißt hin. Nach 34 Jahren hat er offenbar die Nase voll. Am Abschlussabend richtete er ein „persönliches Wort“ an das Publikum. Verbitterung lag darin. 30 Prozent wolle die Stadt sparen – an der Kultur und damit auch bei „VS swingt“. Wieder werde er damit konfrontiert sein, dass das Festival 50 000 Euro Miese gemacht habe. Die Auslastung ist zu gering – auch heute, wo Weltgrößen wie Yaron Herman und Stanley Clarke spielen, blieben zu viele Plätze leer. „350 Leute sind nix!“ ruft Ewald ins Publikum. „Warum reiße ich mir den Arsch auf für ein Festival, das niemand mehr will?“ Und dann: „Ich höre hiermit auf. Fritz Ewald beendet VS swingt an diesem Tag“. Spricht's, kündigt noch den Pianisten Yaron Herman und den Klarinettisten Michel Portal an und verschwindet. Ein ratloses Publikum bleibt zurück.
Nach der Pause erscheint dann Kulturbürgermeister Andreas Dobmeier, zeigt sich betroffen und einigermaßen sprachlos – nicht einmal er hat etwas gewusst – er versucht noch geradezurücken, was Ewald in seiner Verbitterung nicht bedacht hat. „Sie können nichts dafür“, so Dobmeier zum Publikum. „Sie sind ja gekommen“.
Wer hier was wofür kann – das wird die Stadt in den nächsten Wochen beschäftigen. Warum ist die Auslastung in den vergangenen drei Jahren von 92 Prozent auf 82 Prozent und schließlich auf katastrophale 58 Prozent gesunken? Das Konzept der programmatischen Öffnung Richtung Pop und HipHop, um das Festival auch für jüngeres Publikum attraktiv zu machen – sollte man es überdenken? Möglich, dass dabei mehr Stammpublikum verloren ging, als neue Hörer hinzugewonnen werden konnten. Wie soll es nun weitergehen, mit finanziellem Korsett und ohne Fritz Ewald? Dobmeier kann fürs Erste nur versichern, dass man alles tun werde, damit das Festival bestehen bleibt.
Eines steht fest: An der künstlerischen Qualität hat es nicht gelegen. Sowohl das Duo Yaron Herman und Michel Portal als auch die Stanley Clarke Group mit der phänomenalen Pianistin Hiromi Mihara waren über jeden Zweifel erhaben. Dass man sich dennoch über Yaron Hermans Stil streiten kann, widerspricht dem nicht. Was dem einen als genialische Ausdrucksweise eines Besessenen erscheint, wirkt auf den anderen vor allem manieriert. Er integriert vieles in sein Spiel, klassische Elemente, fast choralmäßig ausgesetzte Abschnitte, Avantgardismen ebenso wie konventionelle Harmonieschemata und schlichte Melodien. So pflegt er eine Art von Eklektizismus, die seinem Spiel die Authentizität nimmt und es sprunghaft wirken lässt.
Bereits vor drei Jahren war der 1971 in Tel Aviv geborene Shooting Star Herman zu Gast bei VS swingt. Damals solo. Dieses Mal gesellte sich mit Michel Portal ein gestandener Klarinettist und Saxofonist an seine Seite, der seine Erfahrungen als Free Jazzer und Avantgardist produktiv in seine Klangfarbenpalette mit einbrachte. So gelangen im Duo mit Herman durchaus Momente von ergreifender Poesie.
Mit der Leichtigkeit, die die japanische Pianistin Hiromi Mihara am Flügel entwickelt, kann Herman freilich nicht mithalten. Sie setzte mit der Stanley Clarke Group trotz vorgerückter Stunde die Villinger Tonhalle binnen weniger Minuten komplett unter Strom. Kein einziger Ton, den sie aus dem Flügel zauberte, wirkte gewollt. Und es waren viele Töne, federleichte und wuchtige, schmeichelnde und energische, die sie mit wippendem Kopf, Schleifchen im Haar, und einem Ausdruck diebischer Freude im Gesicht präsentierte, so als wollte sie sagen: so leicht, so funky ist Jazz – man muss es nur können.
Für den Fusion-Jazz-Bassisten Stanley Clarke ist Hiromi Mihara ein Glücksfall. Das gilt aber auch umgekehrt. Was Stanley Clarke aus E-Bass wie akustischem Bass herausholt, lässt staunen. Gelegentlich fragt man sich, wer da noch Gitarre spielt, aber da ist niemand. Clarke stammt ja musikalisch aus einer Zeit, in der man noch nicht zwanghaft Gitarren betätigen musste, um zu rocken. Bass, Schlagzeug, Keyboards – das reicht für gut geerdeten, groovigen Jazzrock. Vor allem wenn mit Ronald Bruner ein Tier von Schlagzeuger zur Stelle ist, der nicht nur rocken kann, sondern auch exakt wie ein Uhrwerk funktioniert. Und Ruslan Sirota komplettiert die Band mit seinem versierten Keyboardspiel und einigen aufregenden Dialogen mit der Pianistin.
Clarke aber ist Bassist und Gitarrist in einem. Nicht umsonst hat er sich einst den Piccolo-Bass erfunden, um auch die melodischen Qualitäten des Instruments auszureizen. Das Schöne aber ist, dass Clarke weit über die pure Virtuosität hinausgeht. Diese Musik hat Körper. Sie tanzt, sie groovt – und sie macht einfach Spaß.
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