St. Georgen – Noch schnell ein Buch bestellen, die E-Mails checken und bei Facebook schauen, was die Freunde gerade so machen: Ein Leben ohne Internet ist für die meisten Menschen nicht mehr vorstellbar.
Studien zufolge können sich 60 Prozent der Menschen in Deutschland nicht vorstellen, ein Leben „offline“ zu führen – ohne soziale Netzwerke, ohne Onlineshops und Videoportale. Und beruflich kommt sowieso kaum jemand um das Internet herum. Das erleichtert vieles, bringt auf der anderen Seite aber auch Schwierigkeiten mit sich, die in einer Welt ohne „www“ gar nicht existiert haben.
Das merken beispielsweise die Beamten des Polizeireviers St. Georgen. „Durch das Internet sind Möglichkeiten vorhanden, die es früher schlichtweg nicht gab“, sagt Revierleiter Udo Littwin. Kaufen und Verkaufen im Internet – was in Onlineshops meistens unproblematisch abläuft, wird bei Privatgeschäften oft zum großen Ärgernis. Geld wird überwiesen, aber die Ware trifft nie ein. „Im Schnitt kommt alle 14 Tage jemand wegen eines solchen Falls zu uns“, schildert Littwin. Die Polizei prüft dann, ob eine Straftat vorliegt und zeigt diese gegebenenfalls an. Aber: „Das heißt noch lange nicht, dass der Käufer sein Geld auch wiederbekommt.“
Vor allem, wenn der vermeintliche Verkäufer im Ausland sitzt, werden geprellte Kunden meist enttäuscht. „Keiner darf glauben, dass eine staatliche Verfolgungsbehörde wegen hundert Euro tätig wird“, sagt der Revierleiter. Ebenso müssten alle Alarmglocken läuten, wenn ein eigentlich viel teureres Produkt für knapp unter 5000 Euro angeboten wird. Meist muss das Geld auf ein Konto in England überwiesen werden, und dort werden Betrugsdelikte erst verfolgt, wenn es um einen Betrag ab 5000 Euro aufwärts geht. „Solche Fälle sind noch nie gut ausgegangen“, weiß Littwin.
Insgesamt gingen viele mit dem Internet zu naiv um. Sei es nun, dass private Daten zu leichtfertig in Foren und sozialen Netzwerken verbreitet oder pikante Fotos arglos verschickt werden. „Wir erleben durchaus, dass Leute zu uns kommen, weil intime Fotos von ihnen im Internet kursieren.“ Zwar könne die Polizei in gewissem Maße helfen, wenn etwa ein verschmähter Liebhaber aus Rache intime Fotos der Verflossenen ins Netz stellt. „Aber wenn die Bilder schon über -zig Leute weiter verbreitet wurden, sind auch wir machtlos.“ Zugleich erleichtere das Internet die Arbeit auch. Das „papierlose Büro“ hat auch längst bei der Polizei Einzug gehalten. Mussten früher zur Einsatzplanung Landkarten gesichtet oder sogar Luftbilder in Auftrag gegeben werden, reicht heute ein Blick ins Internet. Auch bei Zeugenbefragungen leistet das Netz gute Dienste. Ging es früher darum, ein Auto-Modell zu identifizieren, wurden zu diesem Zweck im Revier Kataloge sämtlicher Hersteller aufbewahrt. Heute sind die Bilder mit wenigen Mausklicks bequem online abrufbar. „Wenn allerdings der Server schlapp macht, vermisse ich das Papier schon“, sagt Udo Littwin.
Bequem lassen sich auch Reisen im Internet zusammenstellen, Preise vergleichen und Buchungen vornehmen. Für die Touristikbranche ist das Internet jedoch noch keine Konkurrenz. „Die offiziellen Zahlen der großen Reiseveranstalter Tui und Neckermann belegen, dass 95 Prozent aller Reisen im Touristikbereich über das Reisebüro generiert werden“, sagt Lothar Fritzsche vom Reisebüro Bühler.
Für Geschäftsreisen sei die Buchung über das Internet praktisch gar kein Thema. „Wenn die Sekretärin eine Stunde lang nach Flügen und Unterbringung suchen muss, ist das viel zu teuer.“ Fritzsche sieht den großen Vorteil der Reisebüros bei gleicher Preisgestaltung klar im Service und in der Beratung. „Wenn man im Internet bucht, hat man keinen Ansprechpartner. Wir setzen auf Service und Betreuung.“ So erhält der Kunde bei Buchung im Reisebüro neben einem Preis- und Angebotsvergleich auch wichtige Hinweise, etwa zu Einreisevorschriften. Auch können mobilitätseingeschränkte und ältere Reisende sich auf das Know-How der Reiseberater verlassen.
In einem Punkt hat das Reisebüro gegenüber dem Internet in den vergangenen Jahren allerdings verloren: im Bahnverkauf. „Da haben wir nur noch ein Fünftel der Aufträge. Im Bereich Fahrkartenverkauf haben wir noch ein Viertel im Vergleich zu früher.“ Für Lothar Fritzsche ist das Internet dennoch mehr Segen als Fluch. „Vor rund 20 Jahren musste man ein Vielfaches an Reiseführern, Prospekten und Landkarten vorhalten. Diese Information gibt es heute im Internet viel schneller.“
Auch Schüler decken sich mit Informationen aus dem Internet ein. „Das ist auch durchaus legitim“, sagt Guido Santalucia, der am Thomas-Strittmatter-Gymnasium Geschichte, Gemeinschaftskunde und Geographie unterrichtet. Das „08/15-Plagiat“, bei dem womöglich sogar noch Fehler der Urheber übernommen werden, sei natürlich inakzeptabel. „Ich habe letztes Jahr für eine solche Arbeit den ‚Goldenen Plagiarius' vergeben“, schmunzelt der Lehrer.
Generell sei es jedoch die Ausnahme, dass sich Schüler für Hausarbeiten oder die so genannten GFS (Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) eins zu eins im Internet bedienen. „Es gibt auch Methoden, mit denen sich überprüfen lässt, wie viel Eigenarbeit dahinter steckt“, erklärt Guido Santalucia. Und nicht immer leistet das Internet große Dienste. „Wenn es beispielsweise um Heimatgeschichte geht, müssen nach wie vor Bücher gewälzt werden, das findet man im Netz meistens nicht.“ Ein wichtiger Teil der pädagogischen Arbeit sei es, den Schülern beizubringen, wie sich im Internet verlässliche Quellen recherchieren lassen. „Natürlich gibt es im Netz auch viel Schund. Den herauszufiltern, ist die Kunst“, sagt der Pädagoge. Einen Berufsalltag ohne Internet kann sich Santalucia nur schwer vorstellen. Sei es, weil immer mehr Schulbuchverlage Arbeitsblätter digital zum Ausdrucken bereitstellen oder weil Kollegen und Lehrer auch häufig online miteinander in Kontakt treten: Bei der Kommunikationsplattform „Moodle“ etwa, an die auch das TSG angeschlossen ist.
Hier kann der Geographielehrer beispielsweise farbige Landkarten für die Schüler hinterlegen, anstatt das Material unzählige Male auszudrucken.
Internet in St. Georgen