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St. Georgen "Bis ein Nachfolger da ist, ruht alles": Auf einen Kaffee mit der scheidenden Awo-Ortsvereinsvorsitzenden Anna Weißer

Am Samstag hört Anna Weißer nach 16 Jahren als Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt St. Georgen auf. Damit endet auch der beliebte Kaffeetreff im "Roten Löwen".

Frau Weißer, am morgigen Samstag findet die Hauptversammlung der Arbeiterwohlfahrt St. Georgen statt. Nach 16 Jahren als Vorsitzende der Awo kandidieren Sie nicht mehr. Wieso?

Ich kann es aus Altersgründen einfach nicht mehr, es wird mir zu viel. Schon vor vier Jahren habe ich gesagt, dass ich aufhöre. Seitdem kam es allerdings zu keiner Hauptversammlung mehr, aus zeitlichen und privaten Gründen, auch wenn wir laut Satzung eigentlich jedes Jahr eine abhalten sollen. Es wird ohnehin immer schwerer, die Leute zur Jahresversammlung zu bewegen, auch am Samstag wird wieder die Hälfte fehlen. Nur weil es so lange keine Versammlung mehr gab, war ich bis jetzt noch Vorsitzende.


Ihr Entschluss, aufzuhören, ist also endgültig?

Ja, auch wenn mich der Kreisvorsitzende der Awo in einem Gespräch diese Woche noch einmal umstimmen wollte. Aber jetzt ist Schluss, ohne Wenn und Aber.


Werden mit Ihnen auch weitere Vorstände aufhören?

Ja, auch die stellvertretende Vorsitzende Ute Meder und Schriftführerin Else Reuter hören aus zeitlichen oder gesundheitlichen Gründen auf. Und unser Kassierer, mein Mann Günter Weißer, ist vergangenes Jahr verstorben. Da sind einige Stellen vakant. Es bleibt nur Elke Armbruster, die von zu Hause aus unsere Adressen- und Mitgliederverwaltung regelt.


Sind für diese verwaisten Stellen denn Nachfolger in Sicht?

Nein, niemand. Obwohl wir aktiv nach Leuten gesucht haben, auch in unserem Bekanntenkreis. Aber es ist ein Ehrenamt – und viele fragen „was hab ich denn davon?“. Es ist sehr schwierig, Leute zu finden.


Kann ein Verein mit so vielen unbesetzten Posten denn überleben?

Wir werden den Verein nicht auflösen. Aber wir müssen hoffen, dass sich mit der Zeit jemand findet, der Vorsitzender werden will. Ich weiß auch nicht, wie es sonst genau weiter geht. Bis ein Nachfolger von mir da ist, ruht einfach alles. Die Mitgliederverwaltung kann der Kreisverband in Villingen übernehmen, dem wir unterstellt sind. Es wird aber keine Aktionen des Ortsvereins mehr geben.


Auch der Kaffeetreff im „Roten Löwen“ findet am kommenden Dienstag nach 14 Jahren das letzte Mal statt. An mangelnder Beliebtheit liegt das nicht.

Nein, wir haben im Schnitt so 24 bis 28 Besucher, manchmal sind es auch 40. Immer wieder kamen auch neue Menschen dazu. Aber es ist sehr viel Arbeit, die wir da zu dritt gestemmt haben. Montags haben wir die Tische gedeckt, am Dienstag waren wir mit Vorbereitungen und dem Putzen danach immer von 13 bis 19 Uhr dort beschäftigt, vor halb acht war ich kaum mal daheim. Wir haben ja immer dafür gesorgt, dass dort sauber und ordentlich ist. Ich habe zuletzt den kompletten Mittwoch zur Erholung gebraucht, war richtig kaputt. Deswegen muss ich auch das beenden. Wenn ich nur als Vorsitzende aufhören würde und hier weitermachen, würde mich das wenig entlasten. Dafür haben unsere Leute auch Verständnis.


Was war der Antrieb, das Ehrenamt trotz dieser großen Mühen immer weiter zu machen?

Ich war ja schon in Rente, als wir angefangen haben, und hatte deswegen meine helle Freude daran. Wir hatten und haben zum Beispiel ja viele alleinstehende ältere Frauen als Gäste. Wenn diese einem danach umarmen und sagen „danke, es war wieder sehr schön“, bevor sie zurück in ihre leere Wohnung gehen, dann hat uns das Freude gemacht. Es war ein Geben und Nehmen. Am Dienstag wird es bestimmt nochmal richtig voll. Mir fällt der Abschied sehr, sehr schwer.


Hätte nicht etwa die Stadt die gut angenommene Veranstaltung fortführen können?

Wir hatten dazu Gespräche mit dem Bürgermeister, aber die Stadt hat selbst auch keine Leute. Es müssten sich andere Menschen finden, die sich da einbringen wollen.


Eine ganze ähnliche Situation gibt es beim alljährlichen Osterfest des Freundeskreises für Behinderte, bei dem sie auch stark in die Organisation eingebunden waren.

Ja, auch hier werde ich mich zurückziehen. Allerdings gibt es hier auch andere Organisatoren. Auch dank der Bemühungen der Stadt und des Freundeskreises wird das Fest deswegen weiterhin stattfinden.


Und sie werden im kommenden Jahr dann mal ganz gemütlich als Gast teilnehmen?

Ja, wenn man mich einlädt und es zeitlich passt, schaue ich in jedem Fall mal vorbei – und setze mich einfach mal nur hin und trinke eine Tasse Kaffee, ohne alles Mögliche an Arbeit und Organisationsarbeit im Kopf zu haben.


Wie viele Mitglieder hat der Awo-Ortsverein im Moment noch?

49 sind es noch. Manche sterben, manche treten aus, aber letztes Jahr ist auch ein Ehepaar dazu gekommen. Beim Kaffeetreff waren ja auch viele, die nicht Mitglieder sind. Ich habe oft versucht, sie zu überzeugen, einzutreten. Aber das hatte wenig Erfolg und zwingen kann man ja niemanden.


Sind überhaupt noch junge Leute im Verein dabei?

Wenn man die Familienmitglieder mitzählt, dann ist unser jüngstes Mitglied acht Jahre alt. Wir haben aber auch erwachsene Mitglieder, die um die 50 Jahre sind.


2001, als sie anfingen, sah es mit Mitgliedern deutlich schlechter aus. Der Verein lag mehr oder weniger brach.

Ja, auf dem Papier hatten wir da zwar 62 Mitglieder. Nachdem ich gewählt war, bin ich dann zu allen von ihnen gegangen und hab mit ihnen gesprochen, um wieder für die Awo zu werben. Viele kannte ich, weil ich ja selbst aus St. Georgen komme. Dabei stellte sich dann allerdings heraus, dass tatsächlich nur noch 34 Mitglieder da waren, viele andere schon verstorben waren oder nur unbewusst Teil des Vereins. Mit der Zeit haben wir das dann wieder auf 65, 66 Mitglieder hochschrauben können.


Haben Sie dafür spezielle Aktionen veranstaltet?

Wir haben dann auch mal zu runden Geburtstagen Leute besucht oder Ausflüge veranstaltet, etwa für neun Jahre unsere Weihnachtsfeier mit der Ortsgruppe Triberg. Später wurde daraus aus Kostengründen eine Frühlingsfahrt. Beides kam wie die Kaffeetreffs immer sehr gut an.


Klingt, als ob ein möglicher Nachfolger von Ihnen zufrieden Mitglieder übernehmen würde?

Genau, dafür habe ich mich immer eingesetzt.


Was werden Sie mit der durch den Amtsverzicht gewonnen Zeit nun anstellen?

Mal an mich denken. Bis letztes Jahr habe ich ja auch lange meinen kranken Mann gepflegt. Ich will jetzt noch ein bisschen das Leben genießen, ich hoffe, mir bleibt noch einige Zeit.


Ohne den festen Termin Kaffeetreff können Sie jetzt auch spontaner sein.

Ja, dieser hat manchmal auch verhindert, dass ich kurzfristig etwas unternehmen konnte. Manchmal dachte ich "oh, die Busreise wäre es jetzt" – aber es stand in dieser Zeit gerade ein Kaffeetreff bevor. Deswegen war ich zuletzt teilweise richtig angespannt. Jetzt bin ich ganz frei und kann einfach mal wandern oder schwimmen gehen. Oder ich fahre zu meinem Sohn nach Heidelberg oder zu meiner Tochter nach Markdorf. Und im Sommer feiere ich dann mit vielen Leuten groß meinen 80. Geburtstag.


Fragen: Dominik Dose


Zur Person

Anna Weißer, 79, ist seit 2001 Vorsitzende des St. Georgener Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt. Sie lebt in St. Georgen und war bis zu seinem Tod im letzten Jahr über 30 Jahre mit ihrem Mann Günter verheiratet. Sie hat von drei leiblichen und vier angeheirateten Kindern insgesamt elf Enkel – eine große Patchworkfamilie, mit gutem Kontakt untereinander, wie sie sagt. Bevor sie in Rente ging, arbeitete sie zuletzt zehn Jahre bei MB Bäuerle in der Lagerbuchhaltung. 

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