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Schwarzwald-Baar-Kreis Wie die Weißnarren mit der Zeit gehen

09.02.2012
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Die Weißnarren gelten so manchem als „Aristokraten der schwäbisch-alemannischen Fasnet“. Ihre Narrengewänder erzählen ganz eigene Geschichten

Sie gehören als landestypisches Merkmal zum (Muster-)Ländle wie Maultauschen und Mercedes: die Maskeraden der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Als deren „Aristokraten im Stil des Barock und Rokoko“ mit ins Mittelalter zurückreichendem Stammbaum gelten die Weißnarren. 1712 wird dieser „perfecte FaßnachtsNarr“ im Reich der Schwaben und Alemannen erstmals urkundlich beschrieben. Und zwar beim Schwenninger Narrensprung im Villinger Gewand.

Dabei gehören Narro, Hansel, Gschell und Fuchswadel mit ihren Vorläufern sechs Jahrhunderte schon zum fas(t)nachtlichen Figurenrepertoire des Quellenlandes von Neckar und Donau; die Impulse für ihre barocke Ausformung verdanken sie dem zeitgenössischen weltlichen und geistlichen Theater wie der Narrenliteratur und -ikonographie. Den Theologen galten die modebewussten Mächtigen, die ihre Kleider mit Malereien oder Stickereien aller Art überluden, als eitle Toren.

Über die Deutung der Motive auf den Narrengewändern wird trefflich gestritten. 1712 trägt der Hansel ein Leinenhäs samt fuchsschwanzgeschmückter Haube, gewiss mit Ölfarben bunt bemalt: mit Blumenranken, zu Äpfeln vermalten Rosen; paarweise Tulpe und Granatapfel; Fuchs und Hase Rücken an Rücken; Bär und Löwe, (heraldisch?) steigend, doch mit vollen Bechern sich zuprostend; dazu ein närrisch sich gebärdendes Paar. Nicht fehlen darf bei ihm, aus Holz geschnitzt, Schemme und Säbel. Die Rollen hat er umgegürtet, wie es sich für einen schellenlauten Toren gehört.

Nicht wenige deuten diese Narrenfigur des Prachtgewandes wegen, das teure Stoffe imitieren mag, als Kritik am Adel und seiner Putzsucht. Wie die androgyne Glattlarve mit ihrem Aufputz sei das Gewand nur Zeichen des schönen Scheins, dem nicht unbedingt zu trauen ist, aber auch des Hochmuts, der ersten der sieben Hauptsünden.

Doch stehen die Tiere auf den alten Narrenkleidern eher für allerlei Laster. Seit der Renaissance markieren sie zudem die verschiedenen Grade der Trunkenheit: Der noch schnürende Fuchs begegnet dem schon Haken schlagenden Hasen, der aggressive Löwe trifft auf den sturzbetrunkenen Bären, die sich auf dem Beinkleid des Villinger Narros in der „Faß-Nacht“ zuprosten; sie stehen auch auf der Baar neben dem Affen, den mancher haben kann. Die Deutung legt der Villinger Georg Maler in einem „Faßnachtsspiel“ 1567 nahe.

Noch Nepomuk Heinemann zeigt 1853 Hüfinger Hansel im geblümten Narrenkleid, in dessen Ranken auf dem linken Hosenbein ein Bär sich tollt. Auf dem Einband der „Narren-Chronik der Stadt Donaueschingen“ prangen 1854 Hansel und Gretel: Ein herrliches Häs trägt der Narr mit wunderschönen Blumenranken; auf dem linken Bein ist ein steigender Löwe zu sehen, auf dem rechten ein stehender Bär.

Schon 1846 ertönen „Germaniens Völkerstimmen“: Aufgeputzt wie das Vieh beim Austrieb auf die Weide zeigten sich Donaueschingens Schellen tragende Hansel, deren Häs an Bauch und Schenkel Hanswürste aufgemalt sind, Affen und Bären. Essen und Trinken hält ja die Seele zusammen; nur alles Übermaß ist ungesund.

Zu Eitelkeit, Trunksucht und Völlerei will sich in Villingen das zarte Pflänzchen aus der Zeit des Tulpenwahns (mit dem ersten „Börsencrash“ der Weltgeschichte) bestens fügen: ein Signum der Verfallenheit an die Welt in ihrer Nichtigkeit, rauschhaft verfliegend.

„Seit Eva in die Fasnet kam“ (und mit ihr die Sünde), finden sich auch die ersten Menschen im Adamskostüm auf den Häsern: am Ausgang des 18.Jahrhunderts auf Schömbergs Narrenkleidern; dann auf der wertvollen Zeichnung, welche die Inskriptionsliste des Donaueschinger Narrenordens für die Jahre 1834 bis 1841 ziert; in Hüfingen auf einem 1844 gedruckten Stich.

Diese Nackedeis sind die Ureltern von den ganz dem Leben nach dem Fleische verfallenen Hansele und Gretle, wie sie rund um Villingen seit dem späten 18. Jahrhundert Narrenkleider zieren, der Mann zumeist das Opfer des Weibes, nach dem er gierte: der Lohn der Lust. Der Tölpel, der in der Rechten den Narrenkolben hält, bietet mit der Linken der Gretel eine Wurst, was eine handfeste phallische Symbolik hat.

Was aber hält sie ihm dafür entgegen? Eine Hechel, durch die sie ihn schon noch ziehen wird, hängt sie ihm ein böses Maul an, ist erst einmal der sexuelle Reiz verflogen.

Auch Türke und Türkin treten Adam und Eva zur Seite: Im 17. Jahrhundert gelten sie als Feinde des Reiches wie der Christenheit. Doch gesellt sich im 18. Jahrhundert nach Abwehr der Osmanengefahr zur christlichen Abgrenzung – wie in Donaueschingen – auch die Aneignung des Orientalischen: Die Inszenierung des Fremden kann ererbte Feindbilder aufweichen.

Auf dem Beinkleid der Rottweiler Gschellnarren ersetzen im frühen 19. Jahrhundert Tiroler die Türken: Mit dem Volksaufstand Andreas Hofers gegen die napoleonisch-bayerische Regierung 1809 avanciert die Tiroler Tracht als Sinnbild der Freiheitsliebe zur beliebten Darstellung bei denen, die der Reichsstadtherrlichkeit nachtrauerten.

Mittelalterliches gewann im Zeitalter des Historismus hier seine Freunde: Darstellungen von Paaren, die eigene Größe im Bilde zumindest behaupten und namhafte Bürger verewigen. Mit der Heimatbewegung aber erobern heimische Trachten das Kleidle, verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg.

Schwenningens Hansile in ihrer zeittypischen Neugestaltung setzen hier Maßstäbe. Bonndorfer und Schramberger wagen zur gleichen Zeit, Ortsnecknamen wie „Pflumeschlucker“ behutsam ins Positive zu wenden.

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