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07.04.2012  |  von  |  0 Kommentare

Schwarzwald-Baar-Kreis Sterben fällt keinem leicht

Schwarzwald-Baar-Kreis -  „Fürchte Dich nicht“ steht auf dem Tuch, das jeder neue Gast in dem unscheinbaren Haus neben der Spaichinger Klinik erhält. Nichts verrät von außen seine Sinngebung: Es ist eine „Herberge“ für den Rest eines Menschenlebens – das nämlich bedeutet das lateinische „hospitium“, woher „Hospiz“ als deutsches Wort für Sterbebegleitung hergeleitet ist.Seit der Einweihung im Oktober 2011 wurden 35 Gäste „verabschiedet“. Manche starben schon nach wenigen Tagen, andere brauchten zwei bis drei Monate für die Trennung vom Leben.

Sterbebegleitung findet seit Oktober im Hospiz am Dreifaltigkeitsberg in Spaichingen statt. Ausgebildetes Personal und ehrenamtliche Helfer unterstützen Sterbende in ihrer letzten Lebensphase, aber auch deren Angehörige.  Bild: dpa

Herzlich willkommen: Hans-Peter Mattes, Anita Schumacher, Heike Kupferschmid und Susanne Schell vor dem Eingang zum Hospiz am Dreifaltigkeitsberg.  Bild: Nack



Die fällt niemandem leicht. Im Bewusstsein der Endlichkeit des irdischen Daseins wird das bevorstehende Osterfest im „Hospiz am Dreifaltigkeitsberg“ mit besonderer Innigkeit gefeiert.

„Die Dynamik der stationären Hospizbewegung war enorm, ohne Akzeptanz und Unterstützung der Bevölkerung hätten wir es nicht geschafft“, erinnert Hans-Peter Mattes, Vorstandsmitglied des Hospizvereins und Dekanatsreferent im katholischen Dekanat Tuttlingen-Spaichingen, an den Beginn der Initiative 2006. Inzwischen ist das ökumenische Haus unverzichtbar geworden als geschützter Ort für einen würde- und liebevollen „Heimgang“, wie das Sterben in christlicher Symbolsprache auch genannt wird.

Willkommen sind freilich alle Menschen, unabhängig davon, ob sie religiös sind oder nicht. Sechs der acht Betten sind aktuell belegt, 17 Tage beträgt die Verweildauer im Schnitt. Die Gäste stammen aus der Region und aus dem Bodenseeraum. Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein – das Hospiz ist nur für Erwachsene konzipiert. Die meisten Männer und Frauen, die zum Sterben nach Spaichingen kommen, sind älter als 70 Jahre, fast alle haben eine Tumorerkrankung und wurden als „austherapiert“ aus einer Akutklinik entlassen.

„Entweder ist eine häusliche Versorgung nicht möglich, weil die Angehörigen zu weit weg wohnen oder weil sie überfordert sind“, fasst Heike Kupferschmid die Hauptgründe für eine Unterbringung im Hospiz zusammen. Sie ist Krankenschwester, hat zudem Sozialwirtschaft studiert und leitet das Hospiz im Tandem mit Kollegin Susanne Schell. Zum 15-köpfigen Team gehören weitere Pflegeexpertinnen, zwei Reinigungskräfte und eine „gute Seele“, die hilft, wo sie gebraucht wird; das Gros ist in Teilzeit verpflichtet. Die schwere Aufgabe sei keine Belastung: „Wir kriegen viel zurück, vor allem Dankbarkeit.“ Das empfinden auch die rund 50 ehrenamtlichen Besucher, die für Gottes Lohn im Hospiz tätig sind. „Zuhören, Reden, Lesen, Beten, letzte Wünsche erfüllen, einfach nur Dasein und vielleicht eine Hand halten“, nennt Anita Schumacher, Leiterin der ambulanten Hospizgruppe Spaichingen, typische Aufgaben. Sie wurde durch den frühen Tod ihrer Schwester vor 20 Jahren für das Thema sensibilisiert und hat sich wie alle ehrenamtlichen Sterbebegleiter in einer Fortbildung für die Begleitung der Sterbephasen qualifiziert.

Die erste Phase beginne bereits mit der Diagnose, die mit Angst vor dem Tod gekoppelt sei. Es folgten Wut, Aggressionen und Depressionen in variierender Reihenfolge. Die Gäste haben oft einen Behandlungsmarathon hinter sich, bevor sie akzeptieren müssen, dass sie den Kampf um ihr Leben verloren haben. Die Angehörigen seien immens wichtig bei dem schweren Prozess: „Sie können dem Sterbenden vermitteln, dass sein Leben nicht umsonst war.“ Nichts tun zu können und auszuhalten, sei für Familie und Freunde eine Bürde, die ihnen im Hospiz erleichtert werde. „Hier müssen sie sich um nichts kümmern und können sich voll auf den geliebten Menschen konzentrieren.“

„Die Gäste sind die Könige“, beschreibt Heike Kupferschmid das Selbstverständnis des Hauses. Manche müssen intensiv gepflegt werden, die medizinische Behandlung beschränkt sich meist auf die Versorgung mit Schmerzmitteln, alle Pflegenden sind Palliativfachkräfte. Jeder Gast hat seinen Hausarzt, außerdem stehen sechs Spaichinger Hausärzte und ein Hospiz-Arzt zur Verfügung. „Aufmerksam sein und die individuelle Bedürftigkeit wahrnehmen“ sei das Wichtigste im Umgang mit den Gästen. Manche seien zum Sterben bereit und sprächen darüber, andere zögen sich zurück, haderten, verdrängten. Elementar seien Beziehungs- und Biographiearbeit, ergänzt Theologe Hans-Peter Mattes.

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