Kultur Schwarzwald -
Nach rund drei Stunden durfte das Publikum im Zugabenrausch doch noch das Liederbuch im Gedächtnis aufschlagen und sang Nostalgie-selig mit: „Heute hier, morgen da...“ Das war natürlich der Part von Hannes Wader, der mit lehrmeisterlichem Fingerpicking, ironisch-distanzierter Lyrik und großer Stimme eher der Mann der leisen Töne war, während Konstantin Wecker als pianistischer Kraftprotz und feuriger Wortrebell glänzte. Die Besucher des Tuttlinger Honbergsommers feierten das Barden-Gespann mit stehenden Ovationen; das ausverkaufte Konzert geriet zum begeisternden Gipfelsturm zweier legendärer Liedermacher.Es war kein Sängerwettstreit, sondern trotz der Unterschiedlichkeit der Protagonisten eine Performance aus einem Guss, auch dank der exzellenten Band.
Das kühle Nordlicht mit seinem trockenen Humor und der bayerische Wirbelwind mit seiner überschäumenden Lebensgier stehlen einander nicht die Show, passen sich nicht an und ordnen sich nicht unter. Sie treten als ebenbürtige Seelenverwandte auf, verbunden in unbeugsamer Aufbegehr gegen Ungerechtigkeit, Krieg und Gängelei und in der ungestillten Sehnsucht nach Frieden und Liebe. Dass all dies in balladesker Verpackung nicht kuschelig-kitschig wird, liegt an Schärfe und Klugheit der Texte, an ihrem poetischen Gehalt und treffsicherer, ausgefeilter musikalischer Inszenierung. Keine Frage: Wecker und Wader sind zwei gestandene Vollblutmusiker, die auch nach jahrzehntelanger Bühnenpräsenz nicht in Routine erstarrt sind, sondern innerlich immer noch brennen.
Wecker singt Wader und umgekehrt, immer wieder finden beide zu einträchtiger Zweistimmigkeit zusammen, wobei sich der Tastenkönig bremsen muss, um das filigrane Gitarrespiel nicht zu überrollen. Bekannte Stücke wie „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ und „Trotz alledem“ erhalten auch durch die furiosen Instrumentalisten eine neue Identität.
Der Däne Nils Tuxen ist ein gitarristischer Tausendsassa, der Afghane Hakim Ludin trommelt sich mit inbrünstiger Besessenheit in die Herzen des Publikums, der Mann am Schlagzeug verbreitert im Multitasking das rhythmische Fundament und sorgt bei Bedarf auch für sphärische Akzente.
Zugegeben: Das Charisma von Wecker hat Wader nicht, hat nicht dessen draufgängerisches Pathos, das Wecker solistisch lustvoll austobt. Wie von selbst fließen die musikalischen Einfälle in die Finger, die auf dem Bösendorfer tanzen und den Pianisten auf der anderen Seite der Bühne zum Pas de Deux der Tasten auffordern. Jo Barnickel ist das fränkische Alter Ego des Bajuwaren, „wie Siggi und Roy am Klavier.“
Die Lieder kreisen um Liebe und Politik, dem Publikum gefällt die bald humoristische, bald melancholische Aufforderung zu Zivilcourage und Gegenwehr, „Bella Ciao“ im Sprachengemisch, lange nicht gehört und unverwüstlich anrührend. Im Hiphop springt Wecker ins „Gutti-Land“ der Gegenwart und zieht den gegelten Verteidigungsminister durch den Kakao, Wader erlaubt sich als „extremer Norddeutscher“ einen musikalischen Spaß mit dem Fiaker-Lied. Beifall und Zugaben wollen kein Ende nehmen, „Freunde, es tut gut, wieder hier zu sein“: Der Meinung waren alle Beteiligten.
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