Mein

Schwarzwald-Baar-Kreis

Schwarzwald-Baar-Kreis Frauen können's genauso wie Männer

17.01.2012
Zum Thema
Schlagwörter


Winter in Schönwald im Schwarzwald. Viel, viel Schnee über Monate hinweg.

Ob Langlauf- oder Abfahrtski, schon jedes Kind steht auf den Brettern bevor es richtig laufen kann. Doch dann gibt es das Skispringen – die Königsdisziplin. Wir schreiben das Jahr 1990 und eine große Bewegung ist im Gange. Es ist die Zeit von Christoph Duffner und Sven Hannawald, den berühmten Skispringern und großen Vorbilder aller Jungen. Michaela Schmidt ist drei Jahre alt, als sie ihre erste Medaille beim Kinderrennen gewinnt und gerade mal sieben Jahre, als ihr Bruder sie mit auf die Schanze nimmt: Und ihre Begeisterung für das Skispringen beginnt. Als dann noch ihre ganzen Freunde mit dem Skispringen anfangen, bleibt Michaela dabei. Mit zehn Jahren springt sie zum ersten Mal von der großen Adlerschanze. In diesem Alter hatte das bisher nur Hans-Peter Pohl, der spätere Olympiasieger gewagt, doch ein Mädchen?

Michaela wird besser in ihrem Sport, als die Jungen. Sie hat viel Erfolg, was aber für sie nichts Besonderes ist, bis die Medien sie entdecken. Denn obwohl Michaelas Medaillen und Auszeichnungen mittlerweile ein ganzes Regal füllen, kann es für sie keine internationale Karriere geben. Der regionale Skiverband unterstützt zwar die Mädchen, doch der Weltskiverband behauptet, dass Skispringen kein Frauensport sei. „Angeblich würde beim Aufsprung die Gebärmutter zerstört, war die Begründung“, erinnert sich Michaela. Doch was am Skispringen so gefährlich sein soll, kann sie bis heute nicht nachvollziehen. „Du fliegst ja nicht einfach schwerelos durch die Luft. Es ist, als wenn du von oben hochgezogen wirst und von unten gedrückt und durch die Ski steht du ja auch auf einem Gegenstand.“

1998 ist es so weit. Die Junioren-Weltmeisterschaft in St. Moritz wird das erste internationale Skispringen der Damen, denn die Frauen werden einfach eingeladen und die Verantwortlichen geben schließlich nach. Michaela Schmidt gewinnt Bronze, auch wenn dieser WM-Titel bis heute nicht offiziell gilt. Bei Wettkämpfen und Turnieren belegt sie immer die ersten Plätze, in 2000 wird sie inoffizielle Deutsche Meisterin. Und auf einmal gibt es überall auf der Welt Frauen, die springen. Doch Michaela gilt als eine der besten Skispringerinnen auf der Welt, trainiert wie ein Profi – ohne die geringste Chance, um Medaillen zu kämpfen.

Nach dem Abitur hört sie auf und macht den kompletten Schnitt. „Ich musste mich einfach entscheiden“, sagt sie, „damals gab es keine Weltmeisterschaften, keine Olympischen Spiele für Skispringerinnen und als Leistungssportler immer hinter Sponsoren herzulaufen oder im Fitness-Studio zu arbeiten, wollte ich nicht.“ Sie beginnt ein Studium in Ludwigsburg und später in Stuttgart als Diplom-Verwaltungswirt. Plötzlich gibt es kein Skispringen mehr in ihrem Leben.

Das ist jetzt neun Jahre her, Michaela ist 28 Jahre alt, arbeitet und lebt in Freiburg und ist dabei, ihren Master berufsbegleitend an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung abzulegen. Sie joggt, fährt Rad oder Inline-Skates und ist engagiert im Ski-Club Schönwald. Doch gesprungen ist sie nie wieder. „Mit dem Skispringen hört man für immer auf. Wenn du das Training nicht mehr hast, wird es gefährlich, denn es sind keine normalen Bewegungsabläufe. Kleinere Schanzen gingen noch, doch das macht keinen Spaß, wenn man die großen gewöhnt ist.“ Keine Frage, der Leistungssport hat Spuren hinterlassen. Michaela achtet auf gesunde Ernährung, auf ausreichende Bewegung, ist diszipliniert, pflichtbewusst, ehrgeizig und belastbar. „Als Springerin zählte natürlich jedes Gramm, doch gehungert oder Kalorien gezählt habe ich nie. Natürlich feiert man auch in Sportlerkreisen, doch nie bis zum Exzess.“

Zugegeben, das Leben sei schon anders, wenn man als Leistungssportlerin viel unterwegs sei, doch sie habe nichts verpasst. „Ich genieße mein heutiges Leben sehr und bin froh über diese Erfahrungen und die Erinnerungen. Dass ich das miterleben durfte, ist einfach nur schön“. Auch heute noch bereut sie ihre Entscheidung nicht, obwohl sie nicht wüsste, ob sie nicht doch im Angesicht der ersten Olympiade für Skispringerinnen in 2014 im Leistungssport bleiben würde, wenn sie heute noch mal 19 wäre. „Die Situation war damals einfach anders“. Doch was sie allen mit auf den Weg geben möchte, ist folgendes: „Frauen können die gleiche Leistung bringen wie Männer und Frauen haben es verdient, dafür die gleiche Aufmerksamkeit zu erhalten. Skispringen ist eine schöne Sportart, mit der man die natürlichen körperlichen Schwächen, die Frauen gegenüber Männern im Sport haben, gut ausgleichen kann. Frauen können die gleichen Sprünge zeigen. Skispringen ist ein ästhetischer Sport und es gibt keine Gründe, warum wir das nicht machen können.“

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln