Zuerst einmal eine Bildbeschreibung: Der Künstler erprobt die Nahtstelle zwischen Form und Farbe immer neu und sucht nach dem Moment, wo Form in Farbstruktur und Farbstruktur in Bildform umschlägt. Seine Bilder – und das gilt ebenso für die Fernsichten der Stadt und Naturlandschaften wie für die Nahsichten auf Interieurs oder Gartenbeete und Portraits – leben von zwei Möglichkeiten des Hinsehens. Nähe und Distanz sind beim Malen wie beim späteren Betrachten von entscheidender Bedeutung, denn der jeweilige Abstand zur Leinwand bewirkt eine unterschiedliche Erscheinungsweise des Bildes und bestimmt auch den Grad der Abstraktion in diesen grundsätzlich dem Gegenständlichen verpflichteten Bildszenarien.
Und nun zur Auflösung, wo es derart Zeitgenössisches zu sehen gibt. Sicher, man mag verwundert sein, diese starke Malerei auf dem Hohenkarpfen bei Hausen ob Verena (Landkreis Tuttlingen) anzutreffen, aber die Kunststiftung Hohenkarpfen bleibt sich dennoch treu. Sie wird auch nach über einem einem Vierteljahrhundert Forschungs- und Ausstellungsarbeit in ihrer aktuellen Ausstellung „Wilhelm Geyer – Landschaften, Interieurs, Portraits“ ihrem Anspruch gerecht, kunsthistorische Strömungen im deutschen Südwesten mit dem Schwerpunkt auf Landschaftsmalerei aufzuarbeiten.
Wilhelm Geyer passt in idealtypischer Weise in dieses Schema. Er wurde 1900 in Stuttgart geboren und starb 1968 in Ulm. Er studierte an der Kunstakademie Stuttgart von 1919 bis 1926, unter anderem als Meisterschüler von Christian Landenberger. Gleichzeitig beeindruckt vom heftigen Gestus des späten Lovis Corinth, verband Geyer in seiner Malerei die impressionistische Flüchtigkeit seines Lehrers mit einer ihm eigenen expressiven Wucht und schuf Gemälde, die sich zwischen den Polen freier formaler Auflösung und starker emotionaler Aufladung bewegen.
Letztlich funktionieren Kriterien wie impressionistisch oder expressionistisch bei Wilhelm Geyer nur bedingt. Seine Arbeiten überzeugen durch eine ganz eigene malerische Qualität, die ab den 1950 eine Haptik wie im Informel aufweisen. Geyer war mit seiner Malerei immer auf der Höhe der Zeit und zuweilen ihr weit voraus. Was zum Beispiel wie ein Baselitz daherkommt, ist ein früher „Gekreuzigter Christus“, entstanden um 1926. Aber im Gegensatz zur reinen Provokation eines jungen Wilden, ist Geyers Christus-Bild Ausdruck tiefer Religiösität des gläubigen Katholiken.
Geyer ist anerkannt als einer der bedeutendsten sakralen Künstler des 20. Jahrhunderts, aber in der Ausstellung wird bewusst auf die Präsentation dieser bekannten Themen verzichtet, der Fokus richtet sich auf die profanen Themen, in denen der doch sehr unorthodoxe „Christus“ als wahrer Menschensohn die Türe zu Geyers Malerei als echte Begegnung mit der Welt öffnet.
Es geht in Geyers Bildwelt zunächst um eine wichtige, immer wieder für die Malerei fruchtbar gemachte Seherfahrung, dass die Dinge aus weiter Entfernung deutlich hervortreten und mit zunehmender Nähe zum strukturellen Detail sich wandeln.
Radikal artikuliert sich das in Geyers Pflanzenbildern und Atelieransichten. Hier überläßt der Maler sich ganz der optischen Nahsicht und ist unbedingt dem Farberlebnis zugewandt, das immer mehr von der einengenden, umreißenden, skizzierenden Form absieht und sich auf die selbst Form werdende Farbe konzentriert.
Und hier erkennt der Betrachter im Gegenzug erst aus größerer Distanz das bildauslösende Motiv, in das er beim Näherkommen buchstäblich eintaucht bis zur Auflösung jeglicher Formvorgabe. Aber die Erfahrungen gelten prinzipiell auch für die Distanzansichten der Stadt- und Naturlandschaften, die eine ähnliche Erkenntnis ermöglichen. Was aus dem Abstand als scheinbar realistisches Portrait eines Stadtteils oder einer Landschaft erscheint, erweist sich bei näherer Sicht zugleich als dessen farbstrukturelle Analyse der formalen Erscheinung und ihrer darin eingebundenen emotionalen Qualitäten.
Auf dem Hohenkarpfen wurden schon viele gute und sehenswerte Ausstellungen gezeigt. Mit Wihelm Geyer gibt es nun einen Höhepunkt. Seine Bilder demonstrieren, was Malerei auch noch heute bewirken kann.
Zum Beweis dafür und zum Besuch der Ausstellung reichen drei Bildbeispiele aus: das Christus/Menschenbild aus dem Frühwerk, das „informelle“ Gartenbild von 1950 und die geniale „Winterlandschaft“ von 1934, in dem das Naturvorbild von Kalk und Schnee die physische Präsenz von Malerei ermöglicht.
