Kultur Schwarzwald Eintritt in ein Gespräch ohne Ende

In Riedlingen gibt es jetzt eine Gedenkstätte für den Schriftsteller Werner Dürrson. Villingen-Schwenningen dagegen hat keinen Raum für seine Literaten von Rang

Werner Dürrson: Nur rund drei Jahre nach seinem Tod ist für den Schriftsteller aus Villingen-Schwenningen jetzt eine Gedenkstätte in Riedlingen eingerichtet worden.
Werner Dürrson: Nur rund drei Jahre nach seinem Tod ist für den Schriftsteller aus Villingen-Schwenningen jetzt eine Gedenkstätte in Riedlingen eingerichtet worden. | Bild: Bild: Archiv Zimmermann

In Riedlingen an der Donau wird der Versuch unternommen, dem Schriftsteller Werner Dürrson, der 1932 in Schwenningen am Neckar geboren wurde, als einem homme de lettres engagé gerecht zu werden – nur drei Jahre nach dem Tod des Literaten. Eine ins Netzwerk literarischer Museen des Landes eingebundene Gedenkstätte lockt Bildungsbeflissene an.

Anders als in der ersten Stadt, die ihm Heimat hätte sein sollen, wird der Bedeutung Dürrsons als Schriftsteller von europäischem Rang hier Rechnung getragen, derweil die Stadt Villingen-Schwenningen, das geistige Erbe ihrer Literaten gering erachtend, lediglich eine Gedenktafel mit einer prognostizierbaren Haltbarkeitsdauer von einem Jahrzehnt an seinem Geburtshaus anbringen ließ: „Wo das Schöne nicht zählt, blüht vieles vergebens.“

Weder der Gedanke an eine Literarische Gedenkstätte (mit Literaturhaus am Oberen Neckar), noch die Auslobung eines nach Dürrson benannten Preises für engagierte Lyrik wurde von den Verantwortlichen aufgegriffen – und damit (vorerst?) die Chance vertan, mit geringen Mitteln auf kulturellem Gebiet weitreichende Werbeeffekte zu erzielen. Der Kostenaufwand für die Gedenkstätte im Riedlinger Kapuzinerkloster betrug 48 500 Euro, wovon 12 000 Euro die Stadt berappen mußte, 19 500 Spender und Sponsoren aufbrachten, 17 000 Euro das Deutsche Literaturarchiv Marbach beisteuerte. So sieht eine nachhaltige Förderung aus: Sie trägt zur Forschung bei und zum Ausbau der Gedenkstätte, sie übernimmt zur Hälfte die Kosten für die Ergänzung der Ausstellung, und die Didaktik, sie hilft, literarische Veranstaltungen in ihr zu ermöglichen.

Und sie bringt Touristen in die Stadt – auf literarischen Radwegen.

„Per Pedal zur Poesie“ führt aber keine Route nach Villingen-Schwenningen, die weder an Dürrson noch an die anderen großen Söhne und Töchter der Stadt erinnert: Stadt und Kreis bleiben ein weißer Fleck auf der Landkarte des Literaturlandes Baden-Württemberg.

Statt dessen gibt es nun die Werner-Dürrson-Gedenkstätte in Riedlingens Kapuzinerkloster. Als Ort lebendiger Kommunikation ist sie kongenial konzipiert. „Kein Wort zuviel“ war das Lebensmotto des Schriftstellers, der in Gehalt und Gestalt für eine poésie engagée steht. Der in seiner Ästhetik des Widerstands sich zur Stimme der „GegenSprache“ machte, ist in seinem Werk der Aufklärung verpflichtet. Verstand und Gefühl vereint er, modern und kompromißlos, der politischen Aussage offen: Zur Zwiesprache fordert er den Leser. Nur der aber wird unsterblich werden, der im Gespräch bleibt.

Die Gedenkstätte leistet ihren Beitrag dazu. Im Zusammenspiel mit Stadt, Sponsoren und Deutschem Literaturarchiv Marbach ist der Werner-Dürrson-Stiftung Vorbildliches gelungen.

Räumlich klein, führt die Ausstellung in die große Welt hinaus – wie des Schriftstellers Sprache in wenigen Worten weiteste Horizonte öffnet. Klug ist die Besucherführung, modern und doch zeitlos das Design, ansprechend die Auswahl der gezeigten Gegenstände: Inszeniert wird Dürrsons Lebensgeschichte im Bezug zur (Literatur-)Geschichte. Facettenreich ist sie; gekonnt aufgefächert.

So lässt sich, wo der Schreibtisch „der durch Gedichte geretteten Tage“ die Mitte einnimmt, der Mensch entdecken – vom Familienbuch bis zur letzten Notiz; der Mahner, der sich einmischt aus Sorge um eine heimatlichere Welt; der Schriftsteller, der international Anerkennung findet, bedeutende Maler zu Illustrationen anregt, Komponisten zu Vertonungen; der Übersetzer: ein Brückenbauer zwischen Deutschland und Frankreich; der Musiker, der 1954 als Weltmeister der Mundharfe gefeiert wurde: ein virtuoser Interpret; der bildende Künstler, der eigene Wege geht.

Magisch beinahe eingestimmt wird der Betrachter durch erleuchtete Wortbänder: Überzeugungen eines sich Überdauernden vermitteln sich in epigrammatischer Dichte als Licht gewordene Leitlinien. „Sprache: / die Achse, / die in mir / wühlt.“

Ein Leben erschließt sich in seinen Stationen: Kindheit und Studienjahre werden thematisiert; die Zeit der Selbstfindung in Frankreich und am Bodensee, das letzte Vierteljahrhundert auf Schloss Neufra. Manuskripte, Briefe (Hermann Hesses nicht zuletzt, der dem „Unberatenen“ zur Vaterfigur wurde), Bilder, Photographien, Filme, Tonträger zeigen das Künstlerleben eines Synästheten. Es oszilliert zwischen Farbtönen, Klangfarben, Schriftbildern.

Geschaffen ist ihm ein Denkraum. Er ermuntert zu einem Gespräch ohne Ende mit dem Manne, dem die Sprache Lebensmitte war, Lebensmittel aber auch: „Sprache als Ort / hier und jetzt bei offenen Sinnen / Gegenraum Gegentraum“. Der Text fährt fort mit einem Hölderlin-Zitat: auf daß „ein Gespräch wir sind / und hören können voneinander“. Das Gespräch aber, so Martin Heidegger, ist „die bleibende Einheit, das unser Menschsein ausmacht.“ In es einbezogen bleibt Werner Dürrson, dessen Werk bestehen kann im Weltmaßstab.

Die Gedenkstätte im Riedlinger Kapuzinerkloster ist zugänglich dienstags 14.30 bis 19 Uhr, mittwochs 14.30 bis 17 Uhr, donnerstags 14.30 bis 18 Uhr und freitags 10 bis 13 Uhr (entsprechend den Öffnungszeiten der Stadtbibliothek). Führungen nach telefonischer Vereinbarung unter 01 71/8 77 11 54

Ihre Meinung ist uns wichtig
Einzigartige Geschenke von Bodensee und Schwarzwald
Neu aus diesem Ressort
Schwarzwald-Baar
Schwarzwald-Baar
Schwarzwald-Baar
Schwarzwald-Baar-Kreis
Schwarzwald-Baar
Schwarzwald-Baar
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren