Schwarzwald-Baar-Kreis Dicksein ein Schutzpolster der Seele?
Filmemacherin Katharina Gruber (links) und Ursula Dietsche-Barazutti – eine der Hauptdarstellerinnen. Bild: B. Dickmann
Fragen über Fragen und Probleme die (fast) jede Frau in irgendeiner Form beschäftigen, denn in Deutschland machen sich 87 Prozent aller Frauen ständig Sorgen um ihr Gewicht. Größe 34 ist das Ziel, 90-60-90 das Ideal, also fett darf nur der Busen sein! Doch zum Trost sei hier gesagt, dass die deutsche Durchschnittsfrau Größe 42 trägt.
Auch „Körpergeschichten“, ein Film von Katharina Gruber aus Freiburg, der in der vergangenen Woche im Triberger Kino „Kronenlichtspiele“ täglich zu sehen war und nicht nur von Frauen besucht wurde, handelt vom dick sein und dünner werden. Doch erwarten Sie nicht 71 Minuten Diäten gepaart mit Sport oder anderen Bewegungstipps, obwohl das Wissen über low-fat, low-carb, Entschlackung, Appetithemmer, Fettzellenentleerung, Grapefruit-, Eier-, Steak- und Nulldiät bei den Hauptdarstellerinnen hundertprozentig vorhanden ist. Die Geschichte geht viel tiefer als es Fettzellen je sein können, denn Katharina Gruber schaut dahinter und lässt erzählen: Über Anfeindungen, Diskriminierungen bis hin zu äußerst bedrohlichen Situationen, über Zelt ähnliche Klamotten und der lange Weg zu einer „normalen“ Figur...
Sie heißen Rivka, Martina, Ursula und Simone. Vier Frauen und vier Wege. Vier Leben und drei Schicksale, die erahnen lassen, dass da noch einiges mehr passiert ist, als sie bereit sind herauszulassen. Das Verrückte: Drei von ihnen waren richtig dick und sind jetzt schlank und eine war mal schlank und ist so dick wie nie zuvor in ihrem Leben. Warum das so ist, werden Sie noch erfahren.
Keine Frage: Dick wurden sie nicht von der Luft und Liebe, von irgendwelchen Drüsen sondern ausschließlich vom Essen. Vom Essen, das mehr war als nur Nahrung, das zum Schutzpanzer wurde, um zu überstehen, was sie erlebten. Dieser Film wird zwar getragen von der Kraft, der Persönlichkeit und der Lebensfreude dieser vier Frauen und doch schimmern wie ein roter Faden immer wieder Erlebnisse durch, die vom Missbrauch, Depressionen, Suizid der Schwester und Medikamenten handeln.
Von traumatischen Kindheitserlebnissen, die eine normalgewichtige Vierjährige auf einmal dick werden lassen oder von der Mutter, die den Holocaust überlebt und gehungert hat und nun froh ist, dass die kleine Tochter alles isst und alles essen kann. Von einem Vater, der darauf besteht, dass der Teller immer leer gegessen wird, von einer Mutter die anscheinend an Bulimie litt „Ich kannte meine Mutter nur kotzend!“ Kurz gesagt: von Erlebnissen, die man nicht so leicht vergisst, die prägen für ein ganzes Leben und ein dickes Fell benötigen.
„Doch alles was so schwer im Leben war und das nicht nur vom Gewicht her – alles war eingelagert“, sagt Martina, die heute mit 63 Kilo weniger auf den Rippen durch das Leben geht. Drei von ihnen sind heute erleichtert und zwei von ihnen nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes. „Du hast auf einmal Platz in einem ganz normalen Stuhl, früher war alles so voll“, sagt Rivka. Das ist natürlich toll und doch es gibt auch eine zweite Seite der Medaille, denn „den ganzen Mist, den ich erlebt habe, habe ich in den Polstern abgelegt und jetzt kam alles wieder hoch. Die ganzen Ängste die vorher eingepackt waren – und so zieht du eine Haut nach der anderen ab und alles kommt wieder raus, was du erlebt hast“, sagt Martina. Das muss man erst einmal verkraften und doch will diese Frau nicht zurück ins Dicksein. „Es hätte mich auf die Dauer umgebracht und das kann nicht sein, dass ich daran sterbe, es muss irgendwann mal heilen. Es muss irgendwann mal gut sein und ich will meinen Frieden damit machen.“
Am Leichtesten hatte es wohl Simone, die jüngste der vier Frauen. Sie war einfach eine glückliche, ziemlich pummelige Frau und mit einem Lebenspartner, der sie so nahm, wie sie war. Heute ist sie eine glückliche, medizinisch gesehen im mittleren Übergewicht lebende Frau mit der Gewissheit geliebt zu werden – egal ob dick oder dünn. Doch für Ursula war der Film besonders wichtig. „Er hat mich auf den Weg gebracht, in mir aufzuräumen und zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich richtig frei“, sagt sie. Dass sie heute so dick ist wie nie zuvor in ihrem Leben stört sie im Moment nicht. „Ich weiß genau, ich werde es loslassen können, wenn innen drin mehr in Ordnung ist, dann brauche ich diesen Schutzpanzer nicht mehr und dann ist das Gewicht kein Thema.“
Fazit: Von nichts kommt nichts – wer abnehmen will, muss einfach anders und weniger essen, doch innerlich aufzuräumen, mit sich selbst ins Reine zu kommen, aufzuarbeiten und seinen Frieden schließen, damit die Wunden heilen können, ist mindestens genauso wichtig.
