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Schwarzwald-Baar-Kreis Das Orgel-Wunder von Villingen

02.02.2012


Vor zehn Jahren erklang in Villingen erstmals die rekonstruierte Silbermann-Orgel. Ermöglicht hat dies die Bürgerschaft. Im September gibt es ein Jubiläumskonzert

Eine Orgel als Symbol für Bürgerstolz: In der Villinger Benediktinerkirche thront die Königin der Instrumente in der malerischen Benediktinerkirche mitten in der Altstadt. Die Orgel ist eine Rekonstruktion eines Instruments des berühmten elsässischen Künstlers Johann Andreas Silbermann. 1752 wurde sein Original in der Villinger Kirche erstmals bespielt. Großherzog Karl Friedrich von Baden ließ das einzigartige Stück abbauen und im Zuge der Säkularisation nach Karlsruhe transportieren. In der dortigen protestantischen Stadtkirche erhielt Villingens Orgel ihre zweite Heimat. 1944 wurden Orgel und Kirche bei einem Bombenangriff zerstört.

Im Schwarzwald wollte man sich damit nicht abfinden. Generationen später beschlossen mutige Villinger, die entwendete Orgel wieder aufzubauen. 2002 ging eine sorgsam erstellte Rekonstruktion nicht einfach nur in Betrieb: Das erste Kirchenkonzert war ein Fest in jeder Hinsicht, vor allem aber ein Manifest dafür, dass sich die Villinger Bürger nicht so einfach eine Orgel nehmen lassen.

Villingens Benediktinerkirche ist ein stolzes Gotteshaus und steht unweit des Münsters ganz und gar nicht in dessen Schatten. Im Gegenteil: Die frühere Reichsabteikirche des in der Nachbargemeinde St. Georgen ansässigen Ordens wirkt wie ein gestalterischer Gegenentwurf zur Villinger Hauptkirche. Das magische Villinger Münster, dunkel und mystisch auf der einen Seite, das „Bene“, wie die alten Villinger auch sagen, dagegen hell und freundlich.

Im Jahr 1997 fällte eine verschworene Gemeinschaft in Villingen die Entscheidung, das Werk von Silbermann für die Villinger Benediktinerkirche rekonstruieren zu lassen. Der elsässische Orgelbauer Gaston Kern in Hattmatt wurde beauftragt, der Villinger Kirche eine adäquate Orgel zurückzugeben.

Wie mutig der Plan war, machen zwei Zahlen deutlich. Von Anfang an stand fest, dass das Vorhaben über eine Million Mark kosten wird. Und die kleine Gruppe von Villingern, Günter Ludwig (Grafik und Gestaltung), Stephan Rommelspacher (Musik), Ulrich Kolberg (Finanzierung) sowie Thomas Berger, Franz Blaser, Hubert Waldkircher und Karl-Heinz Weißer, hatte nur 50 000 Mark Startkapital. Ulrich Kolberg sagt heute: „Es erscheint rückblickend wie ein Wunder, dass die Finanzierung gelungen ist.“ Die Finanzierung des letztlich 1,5 Millionen Mark teuren Projektes wurde durch ein einzigartiges Engagement von Bürgern aus ganz Europa ohne jegliche öffentliche Mittel bewerkstelligt. Leser des SÜDKURIER spendeten engagiert im Rahmen einer großen Leseraktion. Viele Bürger zückten seinerzeit still und überzeugt ihren Geldbeutel und reservierten sich eine der 1908 Orgelpfeifen des Instruments.

Die feierliche Orgelweihe fand am 21. September 2002 statt. Ulrich Kolberg, bis heute unermüdlicher Verfechter und Motor rund um die neue Orgel der Villinger Kirche, fasst die damalige Stimmung der Villinger Orgel-Aktivisten mit einem Satz eines sehr bekannten Kirchenliedes zusammen: Lobet den Herrn.

Wieder ist die Zeit vergangen. Die emsige Förderer-Gruppe, die in den letzten Jahren für stetigen Konzertbetrieb auf dem besonderen Instrument gesorgt hatte, nutzt den bevorstehenden runden Geburtstag am 21. September für ein großes Konzertereignis. Ulrich Kolberg und der Organist Hanspeter Stoll sind stolz, für einen Abend das Freiburger Barockorchester in Villingen begrüßen zu dürfen, ein Ensemble, das derzeit durch die halbe Welt tourt und in Wien, Antwerpen, Brüssel und Tokio auftritt. Der Vorverkauf hat bereits begonnen und die Veranstalter hoffen, dass möglichst alle Spender von damals mit dabei sein werden.

Es werde, so skizzieren Kolberg und Stoll, bei dem Konzertabend zunächst einen Auftritt der Musiker vor dem Altarbereich geben. Dann wechseln die Musiker auf die Empore und spielen anschließend und erst dann musikalisch vereint mit der Villinger Silbermann-Orgel. An der Orgel selbst wird an diesem Abend Martin Schmeding wirken, er hat auch maßgeblich bei den umfangreichen Vorbereitungen zu dem Villinger Ereignis mitgewirkt. Bach und Vivaldi stehen auf dem Programm, Kulturgenuss pur in einer der schönsten Kirchen unserer Region.

Wer sich auf den Abend einstimmen lassen will, der muss nicht bis im Frühherbst warten. Villingens Orgelfreunde nutzen nämlich das Instrument. Immer am zweiten Samstag im Monat wird die Orgel von 11 bis 11.30 Uhr bespielt. Orgelkonzert zur Marktzeit – so nennt sich die kleine Konzertreihe mitten am helllichten Tag. Da um die Ecke in der Altstadt der Wochenmarkt am Münster in Betrieb ist, treffen sich viele Einkäufer anschließend beim Orgelkonzert mit prall gefüllten Einkaufskörben voller Gemüse und Obst. Vereint genießen die Villinger dann ein stilles halbes Stündchen.

Bürgerglück? Hier ist es zu finden.

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