Mein

Schramberg Bürger protestieren gegen Lobbyismus

Schramberg – Ihre Enttäuschung, ihre Wut, aber auch ihre Entschlossenheit, sich von den Entscheidungen der Kreispolitik und der Bürokratie nicht unterkriegen zu lassen, bekundete die Initiative „Pro Region Schramberg“ bei der dritten Montagsdemonstration vor dem Rathaus. Der Einladung nicht gefolgt war Landrat Wolf-Rüdiger Michel.„Auch wenn der Kampf ums Krankenhaus verloren ist – die Bürgerinitiative bleibt weiter aktiv“, unterstrichen die Initiatoren Uli Bauknecht und Michael Melvin.

Sie planen bereits einen öffentlichen Hilferuf an den zukünftigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Vor der Verhandlung mit Ameos am Stuttgarter Landgericht sei noch nicht alles verloren, die Zukunft des Schramberger Krankenhauses hänge jedoch am seidenen Faden, erklärte Oberbürgermeister Herbert Zinell. Ihm sah man trotz des gewohnt sachlichen Tons die Anspannung an. Er äußerte sich auch zu Anschuldigungen, zum Beispiel: „Das Helioskonzept garantiert die medizinische Versorgung nicht.“

Die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Schramberger Krankenhauses, Petra Neubert, berichtete von Vorgesprächen mit Helios, in denen die Mitarbeiter aufgefordert worden seien, sich einen anderen Arbeitsplatz zu suchen. Dadurch wolle Helios Personalkosten einsparen. „Dass der Landkreis daran noch verdient, widerspricht jeglichem Verständnis von sozialer Gerechtigkeit“, so die Betriebsrätin.

Wenn die von Helios zu leistende Abfindungssumme nicht ausgeschöpft werde, erhalte der Kreis den Differenzbetrag. Diesen solle der Landrat den ausscheidenen Mitarbeitern zum Ausgleich sozialer Härten zur Verfügung stellen, forderte Neubert. Und: „Wir sagen euch Politikern: es wird keine Ruhe geben, solange ihr Kirchturmpolitik betreibt, den Lobbyismus fördert und die Bedürfnisse eurer Bürger ignoriert.“

Sie, wie auch die anderen Redner, verwehrten sich vehement gegen Äußerungen des früheren Rottweiler Oberbürgermeisters, Thomas Engeser. Er hatte die Bürgerinitiative mit rechtsradikalen Gruppen verglichen. Am Beispiel Engeser, der bei der letzten Rottweiler OB-Wahl mit nur 23 Prozent Stimmen unterlegen war, unterstrich Neubert die Macht der Bürger, unfähige Politiker abzuwählen.

Die in Aichhalden niedergelassene Ärztin Susanne Andreae wies auf die Notwendigkeit hin, die Schramberger Notfallpraxis zu erhalten. Sie forderte unter anderem von Helios Unterstützung für die Einrichtung, wenn das Krankenhaus geschlossen werde. „Sonst muss nämlich jeder mit einer blutenden Kopfplatzwunde nach Rottweil oder Wolfach fahren, obwohl hier ein Arzt Dienst hat.“ Die Notfallpraxis versorgt auch Bürger aus Tennenbronn.

Die Medizinerin sah angesichts des schon jetzt bestehenden Ärztemangels die Notarztversorgung nicht gesichert. Diese und die Kurzzeitpflege müssten auch nach einer Schließung des Krankenhauses gewährleistet sein. Ungewiss ist laut Andreae ebenfalls die Zukunft der Krankenpflegeschüler. Sie wüssten noch nicht, wo sie demnächst ihre Ausbildung beenden könnten und ob es in Rottweil ausreichend Ärzte gibt, die den Unterricht übernehmen.

Ein düsteres Bild malte die Ärztin vom „Drehtüreffekt“ an privat geführten und an der Börse notierten Krankenhausunternehmen wie dem Helios-Konzern: „Die Aktionäre wollen eine gute Dividende sehen.“ Besonders ältere Menschen würden deswegen zu früh entlassen und müssten häufig als neuer Fall wieder eingeliefert werden. Dann zahlten die Krankenkassen erneut eine Fallpauschale. Da das Wolfacher Krankenhaus städtisch ist und nicht notgedrungen Geld erwirtschaften muss, haben sich die Ärzte aus Schramberg und Umgebung laut Andreae entschlossen, sich nach Wolfach zu orientieren.

Die letzte Entscheidung über das Schramberger Krankenhaus fällt am Stuttgarter Landgericht bei der Verhandlung mit dem unterlegenen Bieter Ameos am 12 Mai. Ameos hatte gegen die Kreistagsentscheidung vom 18. Februar geklagt.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Besonderes vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Schramberg
Schramberg
Schramberg
Schramberg
Schramberg
Schramberg
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017