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30.05.2011  |  von  |  0 Kommentare

Königsfeld Königsfeld feiert „Schweitzer-Erben“

Königsfeld -  Königsfeld – Der Applaus schien nicht enden zu wollen. 700 Gäste im Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeine hatten sich von den Bänken erhoben, als Bürgermeister Fritz Link und Arendt Gruben, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Schwarzwald-Baar, den Albert-Schweitzer-Preis an Eugen Drewermann überreichten.

Auf großes Interesse stößt der Festakt zur Verleihung des Albert-Schweitzer-Preises: Im Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeine blieb am Sonntag kaum ein Platz frei.

Die erste Verleihung des Albert-Schweitzer-Preises (von links): Arendt Gruben, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Schwarzwald-Baar, Monique Egli-Eckert, Enkelin von Schweitzer, Rolf Maibach, Raphaela Maibach-Simon und Professor Eugen Drewermann.  Bild: Bilder : Strötgen

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Redakteurin Villingen-Schwenningen

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Königsfeld feiert „Schweitzer-Erben“

Gut 30 Minuten und eine ergreifende Rede des Kirchenkritikers später, zeigte das Publikum, dass es sich durchaus noch steigern kann.

Drewermann sprach frei und trotzdem in geschliffener Sprache. Nur manchmal zitterte seine Stimme leicht. Die Tränen in seinen Augen verrieten viel über seinen Gemütszustand. „Es ist eine Ehre, die schwer zu tragen ist“, sagte der bekannte Kirchenkritiker. Er habe Albert Schweitzer nie als ein Vorbild gesehen, da er sein Leben nicht mit dem des Friedensnobelpreisträgers vergleichen wolle. Wenn es überhaupt eine Rechtfertigung gebe, dass er den Preis erhalte, dann folgende: „Albert Schweitzer war für mich wie ein Medikament“, erklärt er. Ähnlich wie Zitronen für die skorbuterkrankten Seefahrer. „Würde es Albert Schweitzer nicht geben, mir hätten diese Vitamine gefehlt.“ Eugen Drewermann entführte nach Bergkamen, das Bergarbeiterdorf seiner Kindheit, und schilderte eindrücklich Erlebnisse aus den Jahren 1944 und 1945. Damals habe er Dinge erlebt, die sein Leben maßgeblich beeinflusst haben. Damals habe er gelernt, dass Besitz „null und nichtig“ sei. Es gebe keine Garantie auf dauerhaftes Eigentum. Diese Erfahrungen hätten maßgeblich seine Einstellung zu Eigentum, Geld und der Wirtschaft geprägt. „Wenn wir etwas haben, dann ist es ein Geschenk, um es weiterzugeben.“

Auch das Verhalten der Erwachsenen, von denen er in diesen Tagen Halt und Orientierung erwartet habe, habe ihn geprägt. Angst, Hysterie und ganz normale Bürger, die von Hass geprägt gewesen seien. „Der Weg zur Bibel und die Botschaft Jesu ist die einzige Zuverlässigkeit.“ Doch eben die Bibel sei ihm versperrt gewesen durch das Lehramt. Er habe sich Fragen gestellt, wie beispielweise Josef und Maria als arm gelten konnten, wo sie doch von den Königen so reich beschenkt geworden wären. „Wie interpretiert man Märchen, Mythen, Träume und Legenden?“ Durch Albert Schweitzer habe er erfahren, dass er sich durchaus mit solchen Fragen befassen dürfe.

„Als Theologe, Psychoanalytiker, Kirchenkritiker und bekannter Schriftsteller engagiert sich Eugen Drewermann in vielfacher Hinsicht für den Schweitzer-Gedankenkosmos“, sagte Bürgermeister Fritz Link. Drewermann knüpfe damit an das geistige Werk Schweitzers an. Franz Alt, der die Laudatio für Drewermann hielt, rühmte sich, etwa 10 000 Seiten des Preisträgers gelesen zu haben. „Ich habe dadurch für mich einen Schatz fürs Leben gefunden.“ Durch ihn habe er ein anderes Bild von Jesus entdeckt. „Wenn einem Theologen Jesus wichtiger ist als der Vatikan, dann muss es zu Konflikten kommen. Wenn Eugen Drewermann eines ist: Konfliktfreudig bis zur Sturheit.“

An das humanitäre Wirken Schweitzers knüpfen laut Kuratorium auch Rolf Maibach und seine Frau Raphaela Maibach-Simon an. „Mit ihrem gemeinsamen vor 15 Jahren begonnenen Einsatz als Kinderarzt und Laborantin im „Hôpital Albert Schweitzer“ auf Haiti leisten die Maibachs tätige Nächstenliebe im Sinne Schweitzers“, sagte Fritz Link. Christoph Wyss, Präsident der Association Internationale de l'œuvre du Docteur Albert Schweitzer de Lambarene, verwies in seiner Laudatio auf das Schweitzer-Zitat, dass es nicht nur ein Lambarene gebe, sondern jeder Mensch sein eigenes haben könne. „Wie andere vor ihnen, haben Raphaela und Rolf Maibach ihr gemeinsames Lambarene gefunden.“

Wie ihre Arbeit in dem Krankenhaus aussieht, zeigte das Ehepaar bei seiner Dankesrede in Form von Bildern, die die Geschichte von Cherline zeigten. Das Mädchen kam vor zwölf Jahren in das Spital. Ihr Fuß musste amputiert werden. Dank einer Prothese konnte sie wieder laufen. „Ihre ersten Schritte werden wir ein Leben lang nicht mehr vergessen.“ Das Mädchen habe das Maibachsche Leben verändert. „Echte Entwicklungszusammenarbeit ist immer ein Geben und Nehmen“, so Rolf Maibach. Man müsse die Menschen zuerst einmal gern haben, um dann möglichst auf gleicher Ebene mit ihnen zusammenzuarbeiten. Das alles ist lange geschehen, bevor Haiti 2010 von dem Erdbeben erschüttert wurde: Maibach sollte recht behalten, mit seiner Befürchtung, dass es viele Behinderte geben werde. „Aber so wurde unser Traum von einer Prothesenwerkstatt Wirklichkeit.“ Einer der ersten Patienten sei Cherline gewesen, deren Prothese mittlerweile zu klein geworden war.

Rolf Maibachs letzter Satz hätte auch vom Weltenbürger Schweitzer selbst stammen können: „Heimat ist dort, wo es liebe Menschen gibt: Deshalb haben Raphaela und ich viele Heimaten: In den Graubündener Bergen, in Haiti und nun auch in Königsfeld.“


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