Mein

Immendingen Leid endet bei Immendingen

Vor 70 Jahren blieb Zug mit KZ-Häftlingen liegen. Zeitzeuge Laks schrieb Erinnerungen nieder.

Noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verbreiteten die in Immendingen stattfindenden militärischen Kämpfe Angst und Schrecken. Doch das nahe Kriegsende brachte auch in geradezu beeindruckender Weise für Häftlinge aus Konzentrationslagern die ersehnte Erlösung von der oft jahrelang erlittenen barbarischen Gewalt: Die am 21. April 1945 mit einem Transport aus dem Lager Flossenbürg ankommenden KZ- Häftlinge kamen in Immendingen in Freiheit.

Zu den Häftlingen im Zug zählte auch Aleksander Henryk Laks. Mit Immendingen endete für ihn den Mann jüdisch-polnischer Abstammung ein „Weg durch die Hölle“ in vier Konzentrationslagern.

In einem Buch, in dem er über den von ihm erlittenen Holocaust berichtet, hat er seine schrecklichen Erinnerungen der Nachwelt erhalten und auch die Erlebnisse in Immendingen festgehalten.

Als Sechszehnjähriger begann für ihn im Jahr 1944 zusammen mit seiner Familie sein Leidensweg zunächst in Auschwitz. Begrüßt wurde er mit dem Satz „Halt's Maul! Hier gibt es nur einen Ausgang: Durchs Kamin“. Er verlor die gesamte Familie. Es folgten für ihn die Lager Birkenau und Großrosen bei Berlin. Als die russischen Truppen immer näher kamen, wurden die Häftlinge in Todesmärschen nach Westen getrieben, die für ihn im KZ Flossenbürg endeten. Als die Ostfront immer näher rückte, wurde auf Befehl Himmlers das Lager evakuiert und die Häftlinge mit der Bahn abtransportiert.

Über Offenburg, wo er in einer Einsturz gefährdeten Flakkaserne untergebracht war und vor Hunger Äpfelschalen und Fischreste aus einem Mülleimer aß, erreichten die Häftlinge vor den anrückenden Alliierten Donaueschingen und mussten dort beobachten, wie die Stadt bombardiert wurde. Tags darauf ging es mit der Bahn weiter in Richtung Konstanz. Wie die Betroffenen später erfuhren, hatten die Nazis den Plan, die letzten Überlebenden im Bodensee zu ertränken. Doch zu dieser grauenhaften Tat kam es nicht: Nahe des Bahnhofs Hintschingen endete die Fahrt. Die alliierte Luftwaffe hatte die Lokomotive durchlöchert. Die Aufseher befahlen den Zuginsassen in den Wald zu fliehen und gaben ihrem Befehl Nachdruck, indem sie über die Köpfe hinweg schossen. Nach Einbruch der Dunkelheit mussten die eingeteilten Gruppen nach Tuttlingen laufen, obwohl sie so schwach waren, dass sie sich kaum noch bewegen konnten. Laks wörtlich in seinem Buch: „Wir wurden durch die Stadt getrieben, eine Horde Elender, Schmutziger und Verhungerter. Ich sah die Bewohner weinen, als sie uns sahen. Sie warfen uns Brot und Obst zu.“ In Tuttlingen wurden die Häftlinge wieder in einen Zug verladen, erstmals keine Güterwagen. Bald nach der Abfahrt gab es einen Knall. Wie später zu erfahren war, hatte jemand die Bremsen mit Dynamit explodieren lassen. Der Zug war nur noch bedingt manövrierfähig und fuhr rückwärts zurück nach Immendingen. An eine Weiterfahrt war nicht zu denken.

 

Sichern Sie sich jetzt SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2. Sie erhalten damit die Digitale Zeitung und Zugang zu allen Inhalten bei SÜDKURIER Online. Nur bis zum 30.4.2017.
Frühling bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Immendingen
Immendingen
Immendingen
Immendingen
Immendingen
Die besten Themen
Kommentare (1)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017