Die Reaktionen der damaligen Leitung, die jetzt ein ehemaliger Heimschüler schildert, haben das auch zu jenen Zeiten geltende Maß aber deutlich überschritten.
Dass der Umgang in einer katholischen Einrichtung mit pubertierenden Jugendlichen nicht einfach ist, kann sich jeder vorstellen. Dass die damals noch vor der sexuellen Revolution der 1970-er Jahre stehenden Gesellschaft mit diesen Übergriffen damals nicht umgehen konnte und wollte, zeigen die Schilderungen des heute 57-jährigen „Otto“ zu den Vorfällen in Neustadt. Vor den fälligen Aussagen vor Gericht habe es „massive Bedrohungen und Einflussnahmen der Behörden“ gegeben.
Verfehlungen hatte es offenbar auch seitens der staatlichen Behörden gegeben: „Otto“ war nach seinen Angaben damals 17 Jahre alt, als ihm eine „Dame“ nach Prügeln und Ausbeutung in der Bäckerlehre den Tipp gab, mal zum Jugendamt zu gehen, er diesen Tipp beherzigte und nach Freiburg fuhr. Hier habe er zum ersten Mal seinen behördlichen Vormund gesehen.
Da hat sich in den vergangenen 40 Jahren doch viel getan. Fassungslos reagierten die beiden Mariahof-Leiter Klaus Landen und Verwaltungsleiter Michael Schreiner, als sie Details aus dem Lebensbericht des ehemaligen Heimkindes hörten. Spontan boten sie dem heute bei Hamburg lebenden Mann an, nach Hüfingen zu kommen, um über eine Akteneinsicht die Dinge von einst gemeinsam aufarbeiten zu können.
Denn nicht nur die beiden wissen, dass in der Vergangenheit in Erziehungsfragen viel schief gelaufen ist. Die vielen Maßnahmen zum rücksichtsvollen Umgang miteinander in den Heimen und die aufgezeigten Beschwerdemöglichkeiten für Heimkinder im Falle des Falles zeigen dies unmissverständlich auf.
Offenbar war man sich einst auch über die Konsequenzen der Prügelattacken und Demütigungen für die später erwachsenen Kinder nicht bewusst. Otto sagte im Redaktionsgespräch: „Für mich grenzt es oft an ein Wunder, dass ich trotz allem nicht auf die schiefe Bahn geraten bin, ja, nicht zu einem schweren Kriminellen oder gar Mörder geworden bin.“

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