Mein

Geisingen Konzertgenuss auf höchstem Niveau

15.12.2009


Wenn ein ganzes, groß besetztes Orchester dem Dirigenten zum Abschluss ein unerwartetes Ständchen bringt, sagt das ebenso viel über die hervorragende Zusammenarbeit aus, wie ein anspruchsvolles Programm. So geschehen in der Stadtkirche St. Nikolaus Geisingen am Sonntagabend. Stadtmusikdirektor Rudolf Barth hatte wieder recht ungewöhnliche Werke ausgesucht und seine Musiker damit auf höchstem Niveau gefordert. Kein Wunder, dass seine Stadtmusik immer wieder bestens in Wettbewerben abschneidet.

Mit kurzen, prägnanten Erklärungen führte Barth jeweils in die Musikstücke ein – und das trug wie immer dazu bei, noch besser verstehen und zuhören zu können.

Mit der „Dutch Masters Suite“ des 1953 geborenen Johan de Meij kamen drei musikalische „Bildbeschreibungen“ zur Aufführung, die durch ihre klangmalerischen Effekte überzeugten. Die Nachtwache (Rembrandt van Rijn) begann düster mit großer Trommel und Gong, dunklen Bläsern und Röhrenglocken und wurde allmählich zu dem klingenden Zug der Nachtwache, zu einem langsamen Marsch. Man konnte es vor Augen sehen, das Bild, so plastisch ließ Rudolf Barth die Stadtmusik Geisingen musizieren. Die prächtigen Steigerungen erinnerten an Filmmusik vom Feinsten. Es folgte Musik zu „Der Liebesbrief“ von Johannes Vermeer, und wie der Komponist auch hier die Farben auszuloten vermag, ist meisterlich. Man konnte sich alles vorstellen, und die Musiker boten meisterliche Klänge, wobei die Harfe die Laute symbolisierte und Beatrix Huber mit klarer Stimme das alte traurige Lied sang. Fantastisch, wie hier Renaissanceklang mit neuen Klangfarben vermischt wurde, intensiv gespielt von der Stadtmusik.

Im „Prinzentag“, dem Bild von Jan Steen, bot Meij alles auf, was an eine Kneipe, in der es deftig hergeht, erinnert. Mit lautem Reden, durcheinander und immer wieder von kleinen Musikgruppen untermalt, steigerte sich die Szene zu lautem Gesang, zunächst alles ohne Dirigenten. Er nahm erst später die Leitung wieder auf, um die verschiedenen Klangebenen zu koordinieren – unbeschreiblich, was sich da an Tönen überlagerte, überbot, überflügelte.

Die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky sind in der originalen Klavierfassung wohl ebenso bekannt wie in der Orchesterfassung von Maurice Ravel. Die in Geisingen aufgeführte Bearbeitung für Blasorchester von Tohru Takahashi dürfte allgemein unbekannter sein. Aber genial ist sie mit den fein ausgeloteten Möglichkeiten aller Blasinstrumente. Auch hier waren alle Instrumentalisten der Stadtmusik Geisingen hoch gefordert, und sie wurden den Anforderungen in hohem Maße gerecht. Die fünf völlig verschiedenen Promenaden wurden charakteristisch und ausdrucksvoll interpretiert. Das Thema tauchte zunächst in Vibraphon und Röhrenglocken auf und wechselte mit den Flöten, hell und freundlich klang der Beginn.

Ganz anders dann der „Gnom“. Lautmalerisch, derb, ungestüm wurde er ausmusiziert, die rasanten, schwierigen Unisonoläufe gelangen überzeugend. Immer wieder überraschten die Klangverbindungen, die in allen Bildern die Stimmungen hervorragend ausleuchteten. So wurde „Das alte Schloss“ mit überzeugender Ruhe über den ostinanten Paukenschlägen ausgespielt, während in den „Tuileries, streitende Kinder“ mit Xylophon, Glockenspiel und Tambourin alles in raschem Accelerando dahinjagte. Der Unterschied von „Bydlo, polnischer Ochsenkarren“ und dem „Ballett der Küken in den Eierschalen“ konnte krasser nicht sein. Man sah es quasi vor sich, wie der Karren sich kaum bewegte, dunkel die Instrumentierung, schwerfällig das Thema, wie aber nach der hell aufleuchtenden Promenade die Küken nur so piepsten und pickten, schnell, hell, flüchtig.

Auch die weiteren Bilder wurden klangvoll gestaltet. Alle Musiker konnten nach Kräften beweisen, wie hart sie sich diese großartige Musik erarbeitet hatten. Sie folgten ihrem Dirigenten durch jedes Tempo, sie zeigten sich dynamisch und rhythmisch unglaublich wandelbar und machten das Konzert zu einem weiteren großen Erfolg ihrer beachtlichen Karriere.

Das Publikum in der voll besetzten Kirche dankte mit lang anhaltendem Beifall, Rudolf Barth und seine Stadtmusik spielten das Liebeslied aus Mussorgskys Oper „Boris Godunow“ als Zugabe, und dann sangen und spielten die Musiker für ihren Dirigenten und die Zuhörer nochmals aus dem „Prinzentag“ (siehe oben).

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