Donaueschingen – Seit seinem Rauswurf aus einer Zahnarztpraxis ist für den 16-Jährigen mit dem in unseren Breitengraden ausgefallenen Vornamen „Cihad“ nach eigenem Bekunden die Welt aus den Fugen geraten. Er fühle sich durch die Verweigerung der Behandlung zutiefst getroffen, klagt der Berufsschüler. Noch nie habe jemand Anstoß an seinem Vornamen genommen, doch die Zahnärztin habe es durch ihr unglaubliches Verhalten geschafft, dass er sich nun als Außenseiter fühle.
Der junge Türke ist in der Praxis kein Unbekannter. Vor zweieinhalb Jahren wurde ihm hier eine Zahnspange angepasst, deren Regulierung jetzt wieder auf der Tagesordnung stand. Da der ihn sonst behandelnde Doktor nicht anwesend gewesen sei, habe sich die hier ebenfalls tätige Ärztin um ihn kümmern sollen. Er sei mit der Vertretung einverstanden gewesen, denn die Frau habe ihn zuvor auch schon einige Male behandelt.
Doch bis ins Behandlungszimmer drang der Jugendliche diesmal nicht vor. Die Ärztin habe ihn davor abgepasst, um sich unter vier Augen nach der Bedeutung seines Vornamens zu erkundigen.
Die Antwort „Heiliger Krieg“ habe ihr einen riesigen Schock versetzt, schildert jetzt Elisabeth Leber ihre damaligen Empfindungen. Sie habe bei dieser Interpretation sofort an Krieg und Terror denken müssen. Wie hätte sie, die viele Türken unter ihren Patienten habe, da an eine Behandlung des Jungen denken können.
Als wenig später der Vater des abgewiesenen Jungen aufgetaucht sei, habe ihr dieser mit unangenehmen Folgen gedroht: Er werde sie fertigmachen. „Ich bin mit meinen Nerven am Ende und habe Angst“, erklärte Elisabeth Leber im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Weil nach ihren Informationen die türkischen Medien den Fall groß aufbauschen wollten, habe sie bereits Rat bei der Kriminalpolizei gesucht. Dort habe man den Parteien ein klärendes Gespräch vorgeschlagen, an dem sie auf jeden Fall teilnehmen werde. Dass Vater und Sohn ihre inzwischen vorgetragene Entschuldigung nicht annähmen, sei für sie nicht nachvollziehbar. „Warum haben mir die Celiks nicht sofort erklärt, dass Cihad in der Türkei ein gebräuchlicher Vorname ist, der über seinen Träger aussage, dass er etwas abwehre, das schlecht sei“, fragt die Kieferspezialistin.
Der türkische Vorname „Cihad“ ist auf dem Bosporus so gebräuchlich wie bei uns Christian, erklärt ein Islamwissenschaftler. Auch die arabische Schreibweise „Dschihad“ oder „Jihad“ könne nicht sofort mit Heiliger Krieg übersetzt werden, wenn auch der Koran in über 30 Stellen mit diesem Begriff kämpferische Anstrengungen verbinde. Ursprünglich sei „Cihad“ mit „Bemühungen und Anstrengungen um die Religion“ zu interpretieren. Eine ganz banale Deutung seines für so viel Wirbel sorgenden Namens steuert der 16-Jährige mit den Worten bei: „Wenn ich meiner Oma einen Kaffee anbiete, ist das Cihad“.
Die höchste türkische Sprachinstanz nennt für "cihat" ...