Donaueschingen OB-Wahl-Talk: Eine Frage mit Fremdschäm-Potenzial

Braucht ein Oberbürgermeister eine Frau an seiner Seite? Diese Frage sorgte beim SÜDKURIER-Wahl-Talk für Empörung. Erik Pauly selbst bleibt gelassen. Mit Video-Porträts der Kandidaten.

„Ja, sind wir denn im Hotzenwald?“ Der Besucher des SÜDKURIER-Wahl-Talks im Strawinsky-Saal der Donauhallen empört sich über eine Frage aus dem Publikum an die Adresse von Erik Pauly. Da will ein Mann von dem Freiburger Rechtsanwalt wissen, wie es dieser denn bei repräsentativen Terminen halte, bei denen eine Frau an die Seite eines Oberbürgermeisters gehöre.
 

Jedem im Saal ist klar, welche unausgesprochene Unterstellung hinter der verdruckst formulierten Frage steckt: Ist Pauly womöglich homosexuell und sind Rickenbacher Verhältnisse in Donaueschingen zu erwarten, sollten sich die Wahlbürger am kommenden Sonntag für den 43-jährigen Single entscheiden?

In der kleinen Hotzenwald-Gemeinde überwarf sich der schwule Rathauschef mit dem Gemeinderat und der Bürgerschaft. Die Auseinandersetzung gipfelte in Drohungen und einem Anschlag auf den Bürgermeister. Dieser war freilich von ihm und seinem Lebensgefährten selbst inszeniert worden, wie ein Gericht später feststellte. Die Geschichte rief bundesweit ein enormes Medienecho hervor.

Nach der Frage an Pauly geht ein Raunen durch den Strawinsky-Saal. Die meisten Menschen schütteln ungläubig den Kopf, die Frage mit hohem Fremdschäm-Potenzial empört.

Pauly selbst bleibt gelassen. Und schlagfertig.

„Ich hatte schon einmal Kontakt mit Frauen“, sagt er unter dem wohlwollenden Gelächter des Auditoriums, und als er darauf hinweist, drei Legislaturperioden lang Oberbürgermeister Donaueschingens sein zu wollen und damit genügend Zeit habe, „die demografische Entwicklung der Stadt positiv beeinflussen zu können“, da klatschen die Besucher begeistert in die Hände, einige pfeifen sogar. Die Veranstaltung hat soeben ihren emotionalen Höhepunkt erlebt.

Wenige Augenblicke später kommen die Wahl-Talk-Gäste an den Bistro-Tischen im Foyer der Donauhallen zusammen. Zeit für die Manöverkritik. Thema Nummer eins natürlich der Versuch, Pauly zu diskreditieren. Doch die Gespräche zeigen eindeutig, dass der Schuss nach hinten losgegangen ist. Oder wie es Besucher Daniel Burkhard formuliert: „Für mich hat Pauly Sympathiepunkte gesammelt.“ Auch für Christine Roth sind die persönlichen Lebensentwürfe bei der Bewertung eines OB-Bewerbers absolut unwichtig: „Die familiäre Situation eines OB-Kandidaten spielt für das Amt doch keine Rolle. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auch keine Kinder und macht trotzdem eine gute Familienpolitik.“

Das sagen Paulys Mitbewerber

Und was sagen Paulys Mitbewerber Roland Wössner und Björn Klotzbücher? „So eine Frage sollte man heutzutage nicht mehr stellen, ich finde sie unangebracht“, so Wössner, der zwei erwachsene Söhne hat. Mit wem jemand zusammenlebe, sei dessen Privatangelegenheit. Ganz ähnlich äußert sich auch Björn Klotzbücher, der erst vor kurzem Vater geworden ist: „Die Frage war unsachlich und nicht fair, weil sie nichts damit zu tun hat, wie jemand arbeitet. Ich habe Pauly zu seiner Antwort gratuliert.“



Erst gegen 20 Uhr verlassen die letzten Wahl-Talk-Gäste die Donauhallen. Damit haben sie sechs Stunden ihres freien Sonntags in den Donaueschinger Oberbürgermeister-Wahlkampf investiert – denn spätestens um 14 Uhr musste man sich an den Donauhallen anstellen, um die Chance auf eine Eintrittskarte zu haben.

Doch die Zeit verging ruckzuck. „Es ist ja schon dunkel“, sagt eine Frau überrascht, nachdem sie die Treppen zum Strawinsky-Saal hinuntergestiegen ist und durch die Glasscheiben des Foyers nach draußen blickt.

Die Donaueschinger OB-Wahl Kandidaten im Video-Porträt







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