Mein

Dauchingen „Die Kampfkunst ist mein Weg“

19.09.2009


Pia Schächterle (51) lacht. Das ist ihr jetzt etwas peinlich. „Wie ich zu den chinesischen Kampfkünsten gekommen bin? – Das werden sie mir nicht glauben: In den 70er Jahren hab ich im Fernsehen immer die Serie Kung Fu angeschaut.“

Dauchingen (rat) „Kung Fu – mit dem glatzköpfigen Mönch? Wie hieß er doch gleich? – Ja, David Carradine.“ Die Abenteuer des Shaolins Kwai Chang Caine, der auf der Suche nach seinem Halbbruder allein den Wilden Westen durchstreift und dabei reihenweise ruppige Cowboys vermöbelt, waren seinerzeit ein Straßenfeger. Regelmäßig brach am Samstagvorabend in den Wohnzimmern der Programmstreit aus – Sportschau oder „Kung Fu“? Das war die Frage.

Nicht für Pia Schächterle. Die junge Frau war von der Shaolin-Saga „fasziniert“. Kung Fu – so was wollte sie auch mal machen. Heute lacht sie drüber, heute weiß sie: „Der Carradine, der konnte ja gar kein Kung Fu.“ Sie muss es wissen, denn die fernöstliche Kampfkunst ist ihr seither zum Lebensinhalt geworden, zu ihrem „Weg“, wie sie sagt.

Von „Kung Fu“, wie der Volksmund chinesische Kampfkunst gemeinhin nennt, will sie gar nicht reden. Richtig sei vielmehr „Wushu.“ Der Terminus bezeichnet vieles, was „Kung Fu“ nur andeutet, ist, wenn man so will, ein Sammelbegriff für die Jahrhunderte alten traditionellen Kampfkünste aus dem Reich der Mitte. Wushu ist weit mehr als ungestüme Angreifer zu verprügeln, wie es im Fernsehen seinerzeit Kwai Chang Caine gemacht hat. Der Wushu-Kämpfer ist eher ein Philosoph, der meditiert, während er kämpft, und der seinen Körper schult, um ihn gesund zu erhalten.

Das hat Pia Schächterle heute längst verinnerlicht. „Die Kampfkunst der Chinesen“, sagt sie, „ist nicht nur mein Hobby. Sie ist mein Weg.“ Und dieser Weg führte sie jetzt nach China, wo sie eine ganz besondere Ehre erfuhr: Hier wurde sie zur Schülerin der Wu-Familie geweiht. Für Außenstehende ist kaum nachvollziehbar, was das bedeutet, gemessen an fernöstlichen Wertvorstellungen allerdings ist das eine Auszeichnung, die mit einem Ritterschlag vergleichbar ist. Denn besagte Wu-Familie ist eine Institution in den traditionellen Künsten. Und deren Popularität wiederum ist hoch in China, wo man Kung Fu, Tai Chi und Qi Gong in etwa soviel Beachtung schenkt wie hierzulande König Fußball.

An die Wus geriet Pia Schächterle lange nachdem sie sich der Kampfkunst verschrieben hatte; ihre Meisterin, eine Tochter des Patriarchen Sigong Wu Shao, hat eine Schule in Konstanz, wo Schächterle regelmäßig Unterricht nimmt. Zum 100. Geburtstag Wu Shaos veranstaltete die Familie nun eine traditionelle Zeremonie, eine Art „Familientreffen“, bei dem eine Reihe ambitionierter Schüler wie eben Pia Schächterle ihr Können zeigen durften und in die Familie aufgenommen wurden. Die Schwenningerin, die in Dauchingen selber eine Kampfkunst-Schule betreibt, war schwer beeindruckt: Die greise Familien-Chefin Sitai überreichte den neuen Familienangehörigen und Schülern ihre Urkunden: „Das war der Höhepunkt in meinem Leben mit Wushu. “ Ein Leben mit Wushu – was bringt das überhaupt heutzutage außerhalb Chinas? Ist man damit wenigstens so taff wie Bruce Lee oder Jacky Chan? – Pia Schächterle lächelt. Ob sie einen körperlich starken Angreifer besiegen könnte, ist für sie gar nicht so sicher.

„Die Kampfkunst“, sagt sie, „bringt uns hier und heute eher etwas für das Miteinander. Das Ziel besteht nicht unbedingt darin, einen Gegner zu schlagen, sondern einem Kampf aus dem Weg zu gehen.“ Wer trainiert ist, bleibt gelassen, lässt sich auch nicht aus der Reserve locken, wenn er konfrontiert wird. Der Kampfkünstler lenkt die Kraft eines Angriffs – auch eines verbalen – von sich ab, mehr noch: Er macht sie sich zunutze. Weil er in sich gefestigt ist, lässt er den Schwung des Gegners ins Leere laufen, so lange, bis dieser zur Besinnung kommt.

Diese Fähigkeiten gibt Pia Schächterle ihrerseits weiter. „Meine Schüler profitieren davon, auch und gerade im Berufsleben“, sagt sie. Fünf Mal pro Woche bittet sie zum Training und hat neue, zielgruppengerechte Angebote entwickelt: einen Kurs für Kinder etwa, die mit Wushu ruhiger werden können, oder „Oldie-Kung Fu“ für Senioren, die nicht mehr ganz so beweglich sind.

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