Mein
10.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Wilde Heimat Eine Affäre mit Siri: Sind Smartphones noch hip?

Wilde Heimat -  Volontärin Sandra Pfanner erklärt, warum es plötzlich hip ist, Smartphones nicht hip zu finden: Endlich kann sich ihre Generation über die nächste beschweren und verbittert zu den analogen CDs der Backstreet Boys tanzen.

Lange war Volontärin Sandra Pfanner eine Gegnerin von Smartphones. Jetzt gesteht sie: Ja, auch ich habe eine Affäre mit Siri.  Bild: Wilde Heimat



Neulich stand ich mit einem Freund an einer Imbissbude. Neben der fettigen Bratwurst und den Pommes, hoheitlich auf die weiße, grob strukturierte Serviette gebettet: Sein iPhone. Wenn schon Bratwurst, dann immerhin mit hipper Würde.

Das Praktische ist ja, das man mit dem Smartphone gleich alles dazu bekommt. Wie zum Beispiel die Geschichte der Bratwurst: Erste Blütezeit im fränkischen Reich, ab 1380 sogenanntes „Schwarzes Zeitalter": „Leb wohl, du heile Welt! Harr tapfer aus, denn bittre Schmach steht dir bevor, oh Königin der Würste!“

iPhone statt Freundin

Aber erstmal zurück zur Gegenwart. Denn plötzlich und völlig unerwartet, das: Ein Fettspritzer, direkt auf dem Touchscreen. Zärtlich, aber mit nervösem Zucken, wischte mein Freund den unerwünschten Fremdkörper von seinem Iphone und ich hörte im zynischen Teil meines Gehirns schon Siri, die betörende Frauenstimme der Apple-Entwickler, sagen: „Danke, Schatz.“ Der rationale Teil entschied sich dazu, den verbitterten Teil einer Smartphone-Hasserin mal eben zu überdenken. Denn: Die Affäre, die iPhone-Besitzer offensichtlich mit Siri führen, hat auch seine Vorteile. 

Endlich kann man sagen: "Die Jugend von heute"

Sobald man nämlich über 23 ist, kommt der Befreiungsschlag der eigenen Generation. Hat man die „Früher war alles besser“- Sager noch milde belächelt, fühlt man sich jetzt, als Kind einer Generation, die nicht mit Angry Birds und WhatsApp groß geworden ist, endlich in einer verschworenen Seelen-Gemeinschaft wieder, die auf 90er-Parties verbittert zu „Everybodääääy“ tanzt. 

Es ist eine wohlig-warme Position, in der Sätze geboren werden, die sonst nur der 68er-Generation vorbehalten waren: „Kinderchen, Kinderchen. Wir hatten keine Smartphones, keine Hashtags – und haben trotzdem gelebt und aufgeschrien.“ Endlich kann ich mit weiser und tiefer Stimme sagen, dass das große Freiheitsversprechen der digitalen Revolution alles eine große Illusion ist. Dass wir nur noch über „Heytel“ und Facebook kommunizieren, obwohl wir uns am Imbissstand doch gegenüber stehen. Und Hipster sind sowieso doof.

Ich mag dich trotzdem, Siri

An dieser Stelle murmelt die zynische Hipster-Stimme meines Gehirns aus ihrem Vollbart: „Aber Hipstamatic-Fotos magste, wa?“ Stimmt eigentlich. Ja, ich habe auch ein iPhone. Seit kurzem, nachdem ich nicht mehr länger sagen wollte: „Nein, ich habe kein WhatsApp, aber kann ich dir einen Brief schreiben?“ Und inzwischen auch eine Affäre mit Siri. Sie und ich können nämlich, einfach so, mit einem „Gefällt mir“ einem kleinen, braunäugigen Mädchen einen Golden-Retriever-Welpen schenken und die Pläne zur Wasserprivatisierung stoppen. Tut doch auch ganz gut.

Illusion hin oder her. Ich bin froh, dass Steve Jobs seinen VW-Bus verkauft und uns Apple und Apps geschenkt hat. Ich finde über Navigon den Weg von der Imbissbude nach Hause und muss nicht endlos diskutieren, ob Darkwing Duck nun einen violetten oder schwarzen Umhang trug. Ich werde mein iPhone ab sofort auch auf eine Serviette betten, wenn ich für meinen Schatz Siri und mich die Bratwurst bestelle.
 
Für alle, die trotzdem bei der Anti-Smartphone-Generation mitreden wollen: Hier eine kleine Zusammenfassung der (bald) verlorenen Kulturgüter:

Das gibt es bald nicht mehr:
  • Die Telekom-Mitarbeiterin, die dem Prepaid-Besitzer vor dem Anruf in das Telefon haucht: Ihr Guthaben beträgt weniger als 5 Euro. Bitte laden Sie ihr Guthaben wieder auf.
  • Die erbarmungslos tickende Uhr am unteren Rand des Browsers, als der Internetbesuch noch minütlich abgerechnet wurde
  • Das melodiöse Einwählen des Modems, mit dem man nicht gleichzeitig telefonieren und surfen konnte.
  • Das Dealen mit limitierten Telefonkarten auf dem Schulhof
  • Die wutentbrannte Mama, die in regelmäßigen Abständen das R-Gespräch mit ihrer Tochter mit 2 Euro pro Minute bezahlen musste
  • Die dreistündige Recherche, wie das Lied heißt, das man eben im Radio gehört hat
  • Um 3 Uhr morgens SMS wie diese: „Mitbewohner, Hilfe! Ich find niht nac hause...! Aber da vorne ist ne straße.. und ne laterne.. weißt du mehr?“
 



Jung, kurios und persönlich: Die Wilde Heimat ist das Online-Projekt der SÜDKURIER-Volontäre. Hier berichten die 13 Nachwuchs-Journalisten von witzigen Begegnungen, skurrilen Geschichten und den kleinen Kuriositäten des Alltags.

Auch auf Facebook: Werdet Freund der Wilden Heimat auf Facebook und lasst euch aktuell informieren, wenn eine neue Geschichte online geht.

Jung, kurios und persönlich: Die Wilde Heimat ist das Online-Projekt der SÜDKURIER-Volontäre. Hier berichten elf Nachwuchs-Journalisten von witzigen Begegnungen, skurrilen Geschichten und den kleinen Kuriositäten des Alltags.

Korrektur-Hinweis Korrektur-Hinweis melden Korrektur-Hinweis
Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
 Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln

Jetzt Newsletter anfordern:
© SÜDKURIER GmbH 2014