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27.06.2012  |  von  |  0 Kommentare

Kanton Schaffhausen Von der Verdammnis des ewig Suchenden

Kanton Schaffhausen -  Mit „La damnation de Faust“ von Hector Berlioz präsentieren die siebenten St. Galler Festspieleauf dem Klosterplatz ein seltengespieltes Werk

Faust (Gilles Ragon, vorn) und Méphistophèles (Mirco Palazzi) vor der St. Galler Klosterkirche: Die Oper „La damnation de Faust“ von Hector Berlioz wird noch an fünf Terminen bis zum 6. Juli im St. Gallener Klosterhof aufgeführt.  Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie



Wie eine von links nach rechts ansteigende, mehrfach gebrochene Steinskulptur wirkt die Bühne, die Rifail Aidarpasic vor der Hauptfassade der Kathedrale St. Gallen aufgebaut hat – eine Wüstenei, grau in grau, da und dort von verwaschenem Kupfergrün durchsetzt. Nur ein armseliger, bändergeschmückter Freiheitsbaum ragt in den verdämmernden Abend. Doch Faust (Gilles Ragon) beachtet ihn nicht, sondern bestaunt einen abgebrochenen Blütenzweig, dessen Schönheit ihn bewegt. Unversehens stürmt eine Kinderschar auf die Bühne. Etwas abseits versucht sich auch Faust im kindlichen Spiel, fühlt sich für Augenblicke zurückversetzt in sein unbeschwertes Kindsein.

Die Kinder verschwinden, lärmig ausgelassenes Volk drängt heran, rote und schwarze Fahnen hinter der Bühnentiefe künden Soldaten an, Marschmusik verscheucht die vermeintliche Idylle – Faust verfällt erneut seinem Lebensüberdruss, versucht schließlich, sich das Leben zu nehmen. Doch unvermerkt hat sich Méphistophèles (Mirco Palazzi) herangeschlichen; er hemmt die Kugeln im Pistolenlauf mit einem Fingerschnalzen, bietet sich dem Geretteten als Begleiter an.

In starken Bildern erzählt Regisseur Carlos Wagner die Geschichte, nutzt die räumlichen Möglichkeiten der Bühnenskulptur für farbige Chorauftritte und bewegte Massenszenen. Eindringliche Bilder findet er für die innere Leere Fausts und seine Verlorenheit nach dem Verlust des kurzen Traumglücks mit Marguerite (Elena Maximova) – so etwa, wenn er am Rand des Abgrunds über dem mittlerweile blütenlosen verdorrten Zweig sinniert. Gleichwohl verliert die Aufführung im zweiten Teil an Stimmigkeit.

Die ausgewalzte Szene, in der Faust und Marguerite sich finden, ist geschmacklos bis zur Peinlichkeit von roten Kissen in Herzform. Und wenn die vermeintlich Verlorene im Schlussbild, ganz in Weiß gekleidet und mit mächtigen Engelsflügeln versehen, auf einer überdimensionierten Kinderschaukel hochgezogen wird, müssten sich eigentlich Warenhausdekorateure um das Copyright für ihre Weihnachtsschaufenster bewerben. Da ist dem Regisseur seine eigene Vorstellung in die Quere gekommen, dass Marguerite nur in Fausts Träumen existiert. Eine Vorstellung, die auch Elena Maximova merklich einengt: Sie gestaltet Marguerite zwar mit schöner Stimme und physischer Präsenz, erscheint aber seltsam unbeteiligt. Auch Gilles Ragon, ihr Gegenpart, wirkt in den Auftritten mit Marguerite blass, obwohl er sonst die emotionale Vielschichtigkeit Fausts mit feinen Nuancen auslotet und mit seinem beweglichen, leicht geführten Tenor und seinem Timbre hohe französische Gesangskultur mitbringt. Einiges davon wäre auch Mirco Palazzi zu wünschen; so umtriebig er Méphistophèles in einer Mischung aus hinterhältig-schmieriger Überheblichkeit und dem Gebaren eines Zirkuszauberers nachzeichnet, so unüberhörbar bleibt er hinter den andern Solisten zurück.

Klangvoll, bei aller Stimmkraft aber auch sorgfältig abgestuft singen der Theater- und der Opernchor St. Gallen, der Theaterchor Winterthur und der Prager Philharmonische Chor die umfangreichen Chorpartien. Die Tanzkompanie des Theaters St. Gallen verwandelt sich in überaus wendiges, oft artistisch raffiniert eingesetztes Teufelsvolk. Groß besetzt ist das Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung von Sébastien Roland.

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