Ob die Vertreter der Schweizer Urkantone 1291 nach der Unterzeichnung des legendären Bundesbriefes genascht haben, ist nicht überliefert. Gesichert ist aber, dass das Läckerli-Huus seine süßen Spezialitäten in einem Haus verkauft, das ebenso alt ist wie die Eidgenossenschaft. Jetzt hat das Unternehmen, seit 2007 im Besitz von Miriam Blocher, Tochter des Zürcher SVP-Politikers Christoph Blocher, das geschichtsträchtige Gebäude in der Basler Gerbergasse umgebaut. Es soll Basels „süßem Botschafter“ künftig als Experimentierstube dienen.
Basels süßer Botschafter, Uhren und Taschenmesser, Schokolade und Kräuterbonbons: Mit diesen Produkten vor allem verbinden Touristen Schweizer Qualität und Tradition. Bei Basel kommen einem an Süßem neben den Mässmoggen, die zur Herbstmesse ihre Hoch-Zeit haben, vor allem die Läckerli in den Sinn. Und als Produzent dieses lebkuchenähnlichen Gebäckes denkt man fast automatisch an das Läckerli-Huus. Das 1904 gegründete Unternehmen (siehe Info) hat freilich kein Monopol bei dem Basler Traditionsgebäck; und doch versteht es sich als süßer Botschafter der Stadt. Die Ursprünge des im Original des Läckerli-Huuses fünfmal dreieinhalb Zentimeter großen, vergleichsweise harten Gebäcks mit Zuckerguss sollen bis ins Mittelalter zurückreichen. Dass die Läckerli im 15. Jahrhundert erfunden wurden, um den kirchlichen Würdenträger das Basler Konzil zu versüßen, ist aber eine Mär. Wesentliche Zutaten, das belegen Akten des Staatsarchivs, waren damals noch gar nicht auf dem Basler Markt. Gleichwohl ist das – geheime – Rezept mit Mehl, Honig, Mandeln, Haselnüssen, Orangeat, Zitronat, erlesenen Gewürzen und Baselbieter Kirsch sehr traditionell.
In dem Gebäude an der Basler Gerbergasse 57/Falknerstraße 34 unweit des Barfüsserplatzes, wo das Läckerli-Huus seit 1973 sein Hauptgeschäft hat, reicht die Tradition der Zuckerbäckerei weit ins 19. Jahrhundert zurück. Die geschichtlichen Anfänger der schmalen Parzelle im mittelalterlichen Stadtkern liegen freilich noch viel weiter zurück. Bereits 1291 standen hier zwei Gerber-Handwerkshäuser, die 1356 das große Erdbeben überstanden haben. Fassaden und Dach sind denn auch denkmalgeschützt. Die wertvolle historische Bausubstanz stellte die Architekten beim aktuellen Umbau vor manche Herausforderung. So waren die tragenden Balken des mit Keller siebengeschossigen Hauses viel schwächer als gedacht; die Decken hatten sich in 721 Jahren allesamt windschief verzogen. Der eingebaute Lift verstärkt die Konstruktion; auch die Erdbebensicherheit des sechseinhalb Meter schmalen und fast 18 Meter tiefen Baus musste erhöht werden.
Gleichwohl wurde der Umbau von Erdgeschoss und erstem Obergeschoss nach nur vier Monaten abgeschlossen. Wer das Haus betrifft, den empfängt der Duft frischer Läckerli. Diese werden im ersten Stock, wo den Besucher eine spätgotische Wandmalerei aus dem 15. Jahrhundert mit Perlenstab und Blumenranken empfängt, im Ofen gebacken und den Kunden zum Probieren angeboten. Auch in Sachen Präsentation, Vielfalt im wachsenden Sortiment und Verkaufsformen – Kunden können Säckchen oder Blechdosen mit Leckereien eigener Wahl füllen – dient das Haus, in dem bis ins 16. Jahrhundert Leder bearbeitet, danach geschneidert und gewoben sowie seit 1823 Pasteten und Süßigkeiten hergestellt wurden, dem Läckerli-Huus als Experimentierstube. Hauptprodukt allerdings sind und bleiben die Läckerli.
Noch nicht ganz abgeschlossen ist der Umbau der oberen Stockwerke, die in dem passageartig angelegten Gebäude von der Falknerstraße her erschlossen werden. Im zweiten Obergeschoss, das für Büros genutzt wird, ist ein historischer Raum bemerkenswert mit einer Türe aus dem 16. Jahrhundert und einer in Andeutung der Renaissance bereits strenger komponierten Wandmalerei. Im Stockwerk darüber entsteht eine Wohnung mit zweieinhalb Zimmern. Der gotische Dachraum schließlich wurde für eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung in drei Stockwerke gegliedert. Charakteristisch sind die Dachluke für den Aufzug und die bandartigen Schleppgauben. Diese wurden zu Zeiten der Gerber, damals allerdings noch unverglast, zum Trocknen des Leders genutzt. Künftigen Bewohnern ermöglichen sie einen einzigartigen Blick über die Dächer der Basler Altstadt.