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14.07.2012  |  0 Kommentare

Kanton Basel-Land Der Geschichte auf der Spur

Kanton Basel-Land -  Die Ausgrabung „Kaiseraugst-Wacht“ läuft in vollen Zügen. Archäologie-Studenten der Uni Basel unterstützen ihren Prof

Studenten, wie Christina Falcigno und Andreas Callierotti graben beim Ofen einer Töpferei.  Bild: GRA



Hunderttausend Bruchstücke von Keramikgefäßen, Verfärbungen im Boden, Dutzende Gussförmchen von Falschmünzern: Die Ausgräber fördern derzeit im aargauischen Kaiseraugst massenhaft Funde zu Tage, die das Bild vom Leben zur Römerzeit zu erhellen helfen. Viele Entdeckungen entsprechen den Erwartungen, aber nicht alle. „Die Archäologie ist immer für Überraschungen gut“, sagte Professor Peter-Andrew Schwarz am Freitag bei einem Presserundgang. Üblicherweise stehen Archäologen unter enormen Zeitdruck. Spuren der Vergangenheit unter der Erdoberfläche werden meist dann gesucht und gesichert, wenn irgendwo gebaut wird. „Kaiseraugst-Wacht“ (siehe Info) ist da eine Ausnahme und ein Glücksfall. Denn das Gelände, auf dem ein Mehrfamilienhaus entstehen soll, gehört dem Kanton und der Gemeinde. Baubeginn ist frühestens 2015. Daher können sich die Archäologen viel Zeit nehmen, um besonders präzise zu arbeiten. „Das ist ziemlich optimal“, findet Andreas Callierotti. Als Zivildienstleistender hat der Archäologie-Student vor dem dritten Semester auch bei Notgrabungen geholfen, bei denen es ruckzuck gehen musste und jüngere Schichten vom Bagger unwiederbringlich zerstört wurden.

Callierotti ist einer von gut zwei Dutzend Studenten von Schwarz, provinzialrömischer Archäologe und Inhaber der Vindonissa-Professur an der Universität Basel, die das zehnköpfige Grabungsteam um Cédric Grezet, das von April bis Oktober auf dem Areal arbeitet, diesen Sommer sechs Wochen lang unterstützen. Die Aargauer Kantonsarchäologin Elisabeth Bleuer bezeichnet die Zusammenarbeit von einer Win-win-Situation. Die Studenten profitieren bei dem Ausflug von Schreibtisch und Bibliothek in die Praxis der Feldarbeit vom Können der Profiausgräber, diese vom Wissen der Uni. Die Studenten lernen nicht nur, mit Pickel und Schaufel, Kelle und Staubsauger Strukturen freizulegen, Funde zu dokumentieren und maßstäbliche Zeichnungen anzufertigen. Sie sehen auch, welche Infrastruktur für eine Grabung erforderlich ist. Und sie erleben ihren Professor anders als im Hörsaal, fügt Callierotti im Gespräch hinzu. „Die Stimmung im Team ist toll; sie schafft Nähe.“ Dank der studentischen Verstärkung kann viel mehr ausgegraben werden als sonst. Neben Erwartetem trete auch Überraschendes zutage, sagt der Archäologe Cédric Grezet. Vorhersehbar war, in dem Wohn- und Gewerbeviertel auf Reste von Häusern entlang den Straßen und große Hinterhöfe zu stoßen. Darunter ist eine Werkstatt für Terrakotta-Statuetten, die üblicherweise aus Mittelgallien eingeführt wurden. Ein Halbkeller, der über einem verfüllten Ziehbrunnen errichtet wurde, der sich setzte und daher ein Mauerstück absacken ließ, ein frühes Beispiel für Pfusch am Bau. Die Funktion eines sorgfältig verputzten unterirdischen Raumes mit Nischen und Regalen ist unklar. Vielleicht diente er kultischen Zwecken, mutmaßt Grezet.

28 Bananenkartons füllen die mehr als 100 000 Bruchstücke von Bechern, Schüsseln, Tellern und Krügen aus Ton, die aus einem anderen Ziehbrunnen, aus dem die Bewohner Wasser holten – in der Oberstadt gab es Leitungen -, geborgen wurde. Ein mehr als vier Meter tiefer Schacht wird als Eiskeller zum Kühlen von Lebensmitteln gedeutet. In der Verfüllung des fundreichen Ziehbrunnens wurden auch 50 Gussförmchen entdeckt, mit denen aus einer minderwertigen Legierung falsche Silberdenare gegossen wurden. Dabei dürfte es sich um von der Verwaltung toleriertes Notgeld handeln, erklärt Schwarz. Die offiziellen Prägewerkstätten produzierten Anfang des dritten Jahrhunderts, als es auch in Augusta Raurica kriselte und die Stadt vergammelte, zu wenig. Auf Resten einer Schale ist sogar der Herstellerstempel zu entziffern.

Spektakuläre Einzelobjekte sind für Schwarz und Grezet aber nicht entscheidend. Ihr Ziel ist, aus den vielen Details den Alltag der Menschen vor 2000 Jahren zu rekonstruieren. Dazu brauche es eine Portion Freude am Entdecken, sagt Christina Falcigno, Studentin vor dem fünften Semester. Archäologie ist für sie Arbeit – in der körperlichen Anstrengung – und Abenteuer, das kann schon im Ausgraben eines Stücks Holzkohle bestehen. Kommilitone Callierotti hat im Zivildienst die Faszination für die Vergangenheit gepackt. „Ich nehme Gegenstände in die Hand, die seit 2000 Jahren niemand mehr gesehen oder angefasst hat“, erzählt er mit leuchtenden Augen.

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