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Der Maire zieht Bilanz

29.09.2012
 -  An einigen Orten brodelt es noch, aber es brodelt leiser. „Das Klima hat sich insgesamt befriedet“, sagt Jean-Marie Zoellé anlässlich seiner ersten Amtsbilanz als Maire von Saint-Louis.

Jean-Marie Zoellé konzentriert sich ganz auf Saint-Louis.  Bild: MAHRO

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Ein Mann des Ausgleichs wollte er von Anfang an sein und den brauchte die Stadt. Worauf er sich einließ, wusste der heute 67-Jährige, der unter anderem auch schon den Eurodistrictsrat präsidiert hat, bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr sehr genau, war er doch bereits 22 Jahre lang Stellvertreter seines Vorgängers.

Strittige Themen gibt es aber selbstverständlich immer noch. So stemmt sich die Stadt unter anderem weiterhin gegen das am Euro-Airport (EAP) geplante Hotel und das große Einkaufszentrum am Stadtrand. Auch die Fluglärmproblematik, insbesondere die von den Anwohnern befürchtete Zunahme der Expressfrachtflüge in der Nacht, ist für den neuen Bürgermeister schon deshalb ein sehr persönliches Anliegen, weil nahe der Einflugschneise wohnt. Trotzdem sind die unter seinem Vorgänger Jean Ueberschlag, der sich 76-jährig in der Mitte der Wahlperiode zurückgezogen hatte, sehr verhärteten Fronten weicher geworden. Auch die Gegner und Befürworter des Einkaufszentrums sprechen wieder miteinander, wobei noch offen ist, wie es mit dem Projekt nun wirklich weitergeht.

Anders als Ueberschlag, der auch parteipolitisch aktiv und bis Mitte des Jahres noch zusätzlich Abgeordneter in der Pariser Nationalversammlung war, konzentriert sich Jean-Marie Zoellé auf ein einziges Amt, das allerdings zahlreiche weitere mit sich bringt. So ist der Maire und Mitinhaber eines namhaften Saint-Louiser Damen- und Herrenausstatters als einziger Franzose Mitglied der Basler Metropolitankonferenz. Zoellé ist Vizepräsident des Eurodistricts, Mitglied im Oberrheinrat, in den politischen Lenkungsgruppen der IBA und des EAP-Schienenanschlusses und einer Reihe von weiteren Gremien.

Politisch ist der gelernte Buchhalter christlich konservativ und gehört damit zur großen Mehrheit im Stadtrat, einer Partei gehört er aber nicht an.

Das erste Jahr sei intensiv gewesen, resümiert der Maire jetzt, der nur eine Handvoll Journalisten zur ersten Bilanz in sein Büro geladen hat. Es war reich an Kontakten und eng gepackt mit Terminen und Projekten, darunter ganz vorne die Tram drei von Basel nach Saint-Louis, deren Finanzierung nach langem Hin und Her jetzt endlich in trockenen Tüchern ist. Von den insgesamt veranschlagten 44 Millionen Euro Projektkosten tragen die Schweiz 18, der französische Staat 5,7 und der Gemeindeverband Communauté de Communes sowie das Département und die Region gemeinsam 20,3 Millionen Euro. Die EU hatte via Interreg bereits mit einer Million die notwendigen Vorstudien finanziert. 2017 könnte Jean-Marie Zoellé, der ähnlich wie der Basler Regierungspräsident Stadtteilgespräche eingeführt hat, theoretisch zum nächsten Termin mit der Tram kommen.

Dass er sich 2014 wieder zur Wahl stellt, ist für ihn jedenfalls keine Frage. Den Bürgern zuzuhören, sei ihm wichtig, sagt er, seine Tür stehe für jeden offen. Neben einem Jugendparlament, das die Stadt schon hat, soll es demnächst auch eine Premiere geben, die schon demographiebedingt Schule machen könnte: Ein Seniorenparlament. Was als nächstes kommt in der Basler Nachbarstadt mit ihren gut 20 000 Einwohnern mit derzeit 108 Nationalitäten, darüber darf spekuliert werden. Die nahen Grenzen sind Zoellé selbstverständlich vorab wichtig, ein Projekt für die Zweisprachigkeit und die Senkung administrativer Hürden beim grenzüberschreitenden Schüler- und Lehreraustausch hat er im trinationalen Eurodistrict angestoßen. Zum Entwicklungsgebiet zwischen Bahnhof und Flughafen gibt es im Rahmen der IBA Basel auch einen über die Grenzen offenen Ideenwettbewerb.

Die im immer noch zentralistischen Frankreich nicht unbedeutenden Beziehungen in Richtung Hauptstadt überlässt er dagegen anderen. Jean Ueberschlag in seinem Pariser Mandat nachzufolgen, sei nie seine Absicht gewesen, sagt der neue Maire. Schon wegen der jüngst umgesetzten Neuordnung der Wahlkreise wäre das auch so leicht nicht mehr möglich gewesen. Dass Saint-Louis dem Wahlkreis Altkirch zugeschlagen wurde, hatte zunächst zu heftigen Auseinandersetzungen geführt, man fühlte sich nicht mehr adäquat vertreten. Aber auch diese Krise scheint weitgehend gemeistert.

Mit dem vormals hart bekämpften Ueberschlag-Konkurrenten, Maire von Altkirch und Député Jean-Luc Reitzer habe er sich zwar noch immer nicht zu einem seit langem geplanten Vier-Augen-Gespräch getroffen, man versichere einander aber ständig, dass das jetzt endlich passieren müsse, lacht der Saint-Louiser Maire, man duze sich immerhin schon. Nur draußen vor seinem Bürofenster bläht sich dieser Tage die Trikolore heftiger als sonst, jahreszeitbedingt.

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