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Sigmaringendorf Liebe, Feindschaft und Dramatik

05.07.2011
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Die Waldbühne in Sigmaringendorf brillierte bei der Premiere von „Les Misérable“ mit hoher Qualität.

Sigmaringendorf – Nachmittags konnte die Fernsehnation die Hochzeit des Fürsten von Monaco gleich mehrere Stunden erleben. Da gab es jede Menge Monarchen zu bestaunen. Abends wollte man in Sigmaringendorf den König von Frankreich stürzen und die Republik ausrufen. Auf der Waldbühne feierte Victor Hugo's „Les Misérables“ Premiere. Und „miserabel“ war an dieser Vorstellung rein gar nichts – wenn man von der Außentemperatur absieht. Zwar hatte Regisseur Joachim „Joe“ Link den umfangreichen Stoff auf knapp 2,5 Stunden Spielzeit eingekürzt. Kein leichtes Unterfangen bei einem Werk wo alleine schon die Spielfilmfassung sechs Stunden dauert. Die Zuschauer dürften kaum etwas vermisst haben –vor allem nicht schauspielerische Qualitäten. Die gab es nahezu im Überfluss und wenn man bedenkt, dass nicht wenige Darsteller gleichzeitig auch beim Kinderstück „Pippi Langstrumpf“ auftreten, dann ist das fast schon eine sensationelle Leistung.

Alexander Speh als Jean Valjean und Bernhard Rebholz als Inspektor Javert kennt man als zahlreichen überragenden Rollen der vergangenen Jahre und sie enttäuschten auch dieses Jahr nicht. Das gilt auch für Multitalent Esther Rebholz, die alle Facetten des Theaters beherrscht und auch noch als Regieassistentin auf der Waldbühne ihre Frau steht. Diesmal füllte sie die Rolle der Fantine so dramatisch und lebensecht aus, dass das Elend und die Diskriminierung der einfachen Menschen in Frankreich des Jahres 1815 so lebendig wurde, dass man sich als Zuschauer fast schon genötigt sah, hier – und notfalls mit einem Prügel – einzugreifen.

Doch für die Änderung der Missstände und die Abschaffung der Monarchie setzten sich bereits eine Gruppe von Studenten ein, die nicht nur trinkfest, (unnachahmlich Matthias Henne) sondern auch bereit war, das eigene Leben für die Ziele der Revolution zu geben.

Da Viktor Hugo als ein großer romantischer Dichter Frankreichs gilt, durfte natürlich auch eine Liebesgeschichte nicht fehlen. Student Marius (auch kein Unbekannter mehr) und Manuela Kordovan als Cosette spielten die reine Liebe zweier junger Leute auf eine Art, die herzzerreißend war und dem Kitsch keine Chance gab. Dass dabei eine unglückliche Liebe im Tod endet, das spiele Lisa Maier als Eponine so authentisch, dass der Zuschauer einfach mit leiden musste. Hier hat die Waldbühne ein junges Talent, von dem man noch viel erwarten darf. Die kleine Person zeigte ganz große Schauspielkunst – und mit dem Singen wird es im Laufe der Theatersaison ganz bestimmt auch noch perfekt klappen.

Ohne den Akteuren schmeicheln zu wollen: Ich habe schon Profis auf der Bühne gesehen, die ihre Rollen bei weitem nicht mit so viel Emotionen und Leidenschaft ausgefüllt haben. Man braucht kein eingefleischter Waldbühnefan zu sein, um festzustellen, dass dieses Ensemble jedes Jahr noch mehr an Qualität gewinnt. Am Samstagabend wurde wieder einmal deutlich, dass es sich lohnt viel Zeit und Arbeit zu investieren, wenn die Rahmenbedingungen und der Erfolg stimmen. Allein die Szene mit dem Kampf der Studenten auf den Barrikaden ist eine Leistung für sich. Und sie war so realistisch dargestellt, dass man sich mittels Zeitmaschine ins Jahr 1832 zurückversetzt fühlte. Damals scheiterte der Aufstand der Studenten und forderte viele Opfer. Wer in dieser Theatersaison die Waldbühne besucht, der braucht gewiss kein Opfer zu bringen. Es genügen ein paar Stunden Zeit und die Liebe zum Theater. Kleiner Tipp: Eine warme Decke kann nicht schaden.

Bildergalerie im Internet:

www.suedkurier.de/bilder

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