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Sigmaringen Wiedersehen mit Boatpeople in Gutenstein

Das Ehepaar Rzepka aus Sigmaringen-Gutenstein trifft sich mit Vietnamesen, die 1979 im Gelben Haus in Laiz wohnten. Die ehemaligen Boatpeople erinnern sich an damals und danken "Mami und Papi".

Das Thema Füchtlinge ist seit geraumer Zeit in aller Munde. Dabei gerät fast in Vergessenheit, dass es nach dem Vietnamkrieg vor rund 40 Jahren auch schon große Flüchtlingsströme gegeben hatte und Deutschland bereit war, diese aufzunehmen.

Anneliese und Manfred Rzepka aus Gutenstein, die selbst fünf Kinder hatten, übernahmen 1979 die Patenschaft über sieben Vietnamesen, die im Gelben Haus in Laiz untergebracht waren. Nach 37 Jahren feierten sie mit den Familien ein Wiedersehen in einem Hotel in Stuttgart, hatten sich viel zu erzählen und riefen alte Begebenheiten in Erinnerung.

Thu Dong Quach, Dan Ich Huynh, Di Hang, Thi Hong Huynh und Anneliese Rzepka trafen sich kürzlich nochmals in Gutenstein und berichteten von ihren damaligen Erlebnissen, Erfahrungen und Empfindungen in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Tochter Petra Rzepka und Klaus Schäfer waren aktive Mitglieder beim Malteser Hilfsdienst und betreuten mit anderen die vietnamesischen Flüchtlinge. "Petra hatte gesehen, dass wir sehr traurig waren", erinnerte sich Dan Ich Huynh. "Mit ihrem VW-Käfer zeigte sie uns die Umgebung und ihr Zuhause."

"Mein Mann und ich kamen einmal nach Hause, da saßen zwei Vietnamesen im Wohnzimmer, ein anderes Mal waren es vier, alle waren abgemagert", erzählt Anneliese Rzepka, "so fing alles an". Bei gutem Essen verbrachten die Flüchtlinge künftig jedes Wochenende in Gutenstein. Da sich im Gelben Haus aber sieben ein Zimmer teilen mussten, waren es, damit kein Neid aufkommen konnte, letztendlich sieben, für die die Familie Rzepka die Patenschaft übernahm.

"Die Leute sind alle so nett, alle sind so herzlich, die mögen uns, sagten wir uns damals", strahlt Di Hang und Dan Ich Huynh schwärmt: "Wie im Traum ist es uns vorgekommen." Nach einer gewissen Zeit hätten sich mehrere Familien aus der Umgebung gefunden, die Patenschaften für alle Laizer Vietnamesen übernommen hatten. "Mami und Papi", so nannten die Flüchtlinge das Ehepaar Rzepka liebevoll, hätten dann für jeden Arbeit gesucht und Wohnungen besorgt. Zwei sind bei der Firma Trumpf in Hettingen untergekommen, die Firma Reusch in Gutenstein beschäftigte drei Leute und die anderen fanden Arbeit bei der Firma Gühring in Laiz.

"Rzepkas wollten, dass wir eine gute Zukunft haben", sagt Thu Dong Quach. Thi Hong Huynh hat noch eine Zeit lang bei Rzepkas gewohnt, die anderen sind in ganz Deutschland verstreut. "Wir suchten die Freiheit, wir wollten nicht unter dem Kommunismus leben", antwortet Di Hang auf die Frage, warum sie ihr Heimatland verlassen haben. Sie hätten jeden Tag in Angst und Panik gelebt. Viele Leute seien verschwunden, keiner hätte gewusst wohin. Noch heute würden sie noch manchmal davon träumen. 1979 hätten sie in Malaysia Zuflucht gesucht. Dieses Land habe aber schon viele Flüchtlinge aufgenommen gehabt und wollte keine weiteren mehr aufnehmen.

Etwa 300 Leute, darunter auch Kinder und Frauen, mussten in ein defektes Boot steigen, ein Marineschiff habe das Boot aufs Meer hinaus geschleppt und dann sei das Seil gekappt worden. Zwei Nächte und einen Tag lang trieben sie auf dem Meer, ohne Wasser und ohne Essen. Dann sei ein Sturm aufgekommen und plötzlich sahen sie einen Punkt, dann etwas wie ein riesiges Schiff, das aber nicht mehr näher kam. Jemand sollte zum Schiff schwimmen und Hilfe holen. Thu Dong Quach zeigt auf Dan Ich Huynh und sagt: "Das war unser hero."

Als guter Schwimmer war Huynh ins Wasser gesprungen und zu dem Schiff geschwommen, mit einem Brief in englischer Sprache in einer Plastiktüte. Dort angekommen, war die Plastiktüte leer. Dennoch hatte er sich verständigen können und forderte Hilfe an. Es war ein Schiff bei einer Bohrinsel. Trotz hoher Wellen wurden alle auf das Schiff umgesiedelt und verbrachten dort fünf Tage Sie hätten schon auf dem Schiff erfahren, dass Deutschland sie aufnehmen würde. Die Flüchtlinge dachten an Frankreich oder die USA, Deutschland hatten sie nicht im Kopf.

Einen Monat hatte die Gruppe in einem Flüchtlingslager in Kuala Lumpur verbringen müssen, bis sie im August 1979 eine Lufthansamaschine nach Frankfurt brachte. Dort wurden sie verteilt, etwa 80 kamen nach Laiz. "Es war eine riesengroße Freude, dass ein Land uns aufnimmt", sagt Di Hang dankbar. "Wir wurden sehr gut aufgenommen, alle waren freundlich und höflich", ergänzt Dan Ich Huynh, "wir dachten, wir sind im Himmel".

 

Boatpeople

Mit dem Sieg des kommunistischen Nordvietnams endete der Vietnamkrieg im Jahr 1975. Menschen, die zuvor die Regierung der Republik Vietnam unterstützt hatten, wurden verfolgt, gefoltert und vergewaltigt und in Umerziehungslager gesteckt. Um der Verfolgung zu entgehen, entschlossen sich 1,5 Millionen Menschen in Booten und Schiffen zur Flucht. Diese Boatpeople waren aber nicht überall willkommen. (sys)

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