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Scheer Polka, Pop und Polstermöbel

12.08.2009
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Gestresst? Erfrischung nötig? Chart-Überdruss? Dann ist ein ausgiebiges, dreitägiges Klangbad die beste Therapie. In Scheer, gleich neben der Donau, traf sich am Wochenende wieder eine entspannte, gut gelaunte, hellwache Musikliebhabersippe auf dem vielleicht interessantesten Festival in der Region. Joachim Irmler ist der Kopf im Hintergrund: In den Siebzigern mit der Krautrockband „Faust“ unterwegs, heute Betreiber des kleinen, extrem feinen Klangbad-Labels und einmal im Jahr eben ein Musik-Therapeut, der den Besuchern mit seinem Festival den Glauben an das Gute, Nicht-Kommerzielle, Lebendige und Kreative in den Randzonen der Popmusik zurückgibt.

Hiphop

Zwei der besten Acts des Festivals kommen aus einem Bereich des Pop, der mit am heftigsten durchkommerzialisiert ist: Dem Hiphop. Gleichzeitig hat die Mischung aus Sprechgesang und Elektronik noch immer extremes Grenzspreng-Potenzial. MC Dälek und sein Elektroniker Oktopus mischen ursprünglichen, aggressiven und hochpolitischen Ghetto-Rap mit düsteren, experimentellen Sounds: Harten Beats, Noise, Samples. Die Mischung ist verstörend und faszinierend, der Auftritt von roher Wucht.

Ganz anders Transmitter aus Hannover. Hier kommt ein Schlagzeug dazu, das den elektronischen Drummaschinen zusätzlichen Live-Wumms verleiht – und tatsächlich tanzen im Festivalzelt, das traditionell mit alten Sofas bemöbelt ist, die Leute hemmungslos auf Plüsch und Polster.

Elektronik

Auch bei den Knöpfchendrehern, die stets unter den Klangbademeistern zu finden sind, gibt es dieses Jahr extreme Kontraste zu hören. Auf der einen Seite Großmeister Dieter Moebius, ein freundlicher Onkel, der aus seinen Maschinen eine ebenso wuchtige wie watteweiche Klangwelt hervorzaubert. Hier spielt ein Traumorchester, nicht bloß ein Mann, der fast regungslos hinter einem Tisch steht!

Harter Schnitt auf Arnaud Rivière. Der macht Elektronik als dreckige Handarbeit, quält die Sounds direkt aus primitivstem Equipment, das er mit Stahlschrott, zerstörten Schallplatten, Händen und Füßen traktiert. Das klingt auch dementsprechend scharfkantig – aber unbestreitbar faszinierend.

Rock und Pop

Weil drei Tage Seltsames nonstop nun wirklich kein Publikum aushält, sei es auch noch so frisch mit Donauwasser gekühlt, von Freiwilligen üppig bekocht und von urgemütlicher Atmosphäre besänftigt, gibt es immer wieder akustische Wohlfühlprogramme. Oh No Ono aus Dänemark sind so eine Gruppe, bunt, gut gelaunt – und umwerfend gut. So gut sogar, dass sie dürfen, was eigentlich ein Sakrileg ist: Radiohead covern. Doch ihre Version von „Weird Fishes / Arpeggi“ sorgt für den intensivsten Gänsehautmoment des ganzen Festivals. Ebenfalls toll: Playfellow aus Chemnitz, druckvolle Melancholiker à la Editors. Oder die ekstatischen Krachmacher von Oneida mit ihren psychedelischen 15-Minütern. Oder auch Pram, die mit einer Mischung aus vertrackter Pop-Sinfonik und verschrobenen Animationsfilmen verzaubern. Oder natürlich Burnt Friedman & Jaki Liebezeit, die mit Schlagzeug und Elektronik irgendwo zwischen Trance, Jazz, Minimal Music und Weltraummusik pendeln.

Und sonst

Drumherum gab es dann noch viele Entdeckungen – aber auch Enttäuschungen. Wer nicht damit groß wurde, dürfte sich etwa gefragt haben, warum FSK (Freiwillige Selbstkontrolle) als Legenden gelten – technisch vor allem am Anfang nur mittelmäßig, textlich auch nicht immer gerade stark. Auch The Nightingales, eigentlich Garanten für gute Stimmung, kamen dieses Jahr nicht aus dem Quark.

Zum Schluss also die Entdeckungen. Als da wären Jasmina Maschina, ein Duo zweier junger Frauen, die auf Gitarre, Geige und Zither ebenso zu Hause sind wie auf dem Laptop – zauberhaft! Und, als Rausschmeißer, LaBrassBanda. Drei bayrische Jungs, barfuß, mit Lederhosen und Blasinstrumenten ausgerüstet, machen alles andere als Volksmusik. Sie ziehen mit atemberaubender Spieltechnik Reggae, Polka und Techno durch den Kakao – was zum Ende des Klangbades tanzbarer fetzt als alles zuvor. Geheilt!

Sebastian Pantel

Bilder von Bands und Besuchern:

www.suedkurier.de/klangbad

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